Zeitzeuge erinnert sich:65 Jahre Mauerbau: "Wir waren natürlich zornig!"
von Sherin Al-Khannak und Stefanie Hayn
Am 13. August 1961 begann der Mauerbau, vor 65 Jahren. Jörg Hildebrandt erlebte die Grenzschließung zwischen Ost- und Westberlin hautnah. Was geschah, und was bleibt von der Mauer?
Am 13. August 1961, vor genau 65 Jahren, begann in Berlin die Teilung zwischen Ost und West. Was bleibt heute von der Mauer, dem bedeutendsten Symbol des geteilten Berlins und Deutschlands?
07.08.2026 | 13:29 minJörg Hildebrandt, heute 87 Jahre, erinnert sich genau an den Sonntagmorgen, der sein Leben, die Stadt, das Land veränderte. Der Mauerbau geschah vor seiner Haustür in der Bernauer Straße 4.
Ich bin raus auf die Straße, ich weiß noch halb sieben, sehr früh… und dann sehe ich vor diesen Menschen ausgerollt in Ostberlin Stacheldraht.
Jörg Hildebrandt, Zeitzeuge
In der Nacht zum 13. August 1961 riegelten bewaffnete DDR-Truppen die Grenze nach West-Berlin ab. Fast drei Millionen Menschen hatten das Land bis dahin aus politischen und wirtschaftlichen Gründen verlassen. Nun blockierte die DDR den letzten Weg in den Westen.
Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Zeitzeuge Jörg Hildebrandt schildert, wie die Grenze direkt vor seinem Wohnhaus entstand und sein Leben schlagartig veränderte.
07.08.2026 | 4:53 minDas Pfarrhaus der Versöhnungskirche, Hildebrandts Zuhause, verschwand hinter der Mauer, wie viele Häuser im Ostberliner Grenzstreifen. Er erlebte Fluchten, getrennte Familien. Allein in der Bernauer Straße starben mindestens acht Menschen.
Wir waren natürlich zornig. Was leistet sich dieses System? Wie geht es mit seiner Bevölkerung um?
Jörg Hildebrandt, Zeitzeuge
Er bleibt, will Widerstand leisten in der Kirchengemeinde, später auch als Verlagslektor.
Mahnen und Erinnern in der Bernauer Straße
Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist heute der zentrale Erinnerungsort. Das Land Berlin veranschlagte 2025 einen Zuschuss von rund 4,7 Millionen Euro für die gemeinsam von Berlin und dem Bund finanzierte Stiftung Berliner Mauer, zu der auch andere Gedenkorte gehören.
Im Denkmal an der Bernauer Straße steht der einzige erhaltene vollständige Abschnitt der Grenzanlage: 64 Meter mit Mauern, Grenzstreifen und Postenweg. Grenzsoldaten sollten Flüchtende festnehmen, notfalls mit Schusswaffen aufhalten. Mindestens 140 Menschen kamen an der Berliner Mauer ums Leben.
Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße
Quelle: dpaAm 9. November 1989 fiel die Mauer. Die friedliche Revolution in der DDR hat sie zum Einsturz gebracht. Für Hildebrandt ein unvergesslicher Moment.
Selig waren wir, ja. Und war für uns unvorstellbar. Wirklich wahr, das Mistding ist weg.
Jörg Hildebrandt, Zeitzeuge
Ein Streifen aus Pflastersteinen erinnert heute an den Verlauf der Mauer durch Berlin. Im August 1961 wurde der Bau begonnen. Heute sind die Überreste Mahnmal - und beliebte Touristenmagnete.
08.08.2026 | 5:14 minWas bleibt von der Berliner Mauer?
Die East Side Gallery ist mit 1,3 Kilometern der längste erhaltene Abschnitt. An die vier Millionen Menschen bestaunen jährlich die Bilder auf dem Beton. Gemalt von internationalen Künstlerinnen und Künstlern nach dem Mauerfall. Kani Alavi war einer der Initiatoren.
Ich habe gekämpft, dass die Mauer erhalten bleibt, wirklich authentisch und dann anschließend saniert.
Kani Alavi, Mitbegründer East Side Gallery
Von der einst 155 Kilometer langen Grenzanlage ist heute nur wenig erhalten. Viele Betonteile wurden zerstört oder in alle Welt verstreut. Dafür markieren Pflastersteine im Boden den früheren Grenzverlauf, wie am Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie, Potsdamer Platz.
Neue Betrachtung von DDR-Kunst: Was nach der Wende oft als ideologisch belastet oder wertlos galt, erscheint heute zum Teil in neuem Licht.
21.05.2026 | 2:00 minNoch 300 Meter Mauerreste stehen im Mauerpark. Bunt besprüht, statt streng bewacht. Der alte Grenzstreifen ist längst Partyzone für Berliner und internationale Gäste. Dennoch sind die Folgen der Teilung bis heute spürbar.
Tatsächlich immer noch so ein bisschen Gehalt, Westgehalt, Ostgehalt, je nachdem, wo man arbeitet.
Stefan Kaufhold, Tourist
Ich bin mittlerweile ein Wossi, ein Wessi, der im Osten lebt. Bei mir gibt es kein West und Ost mehr.
Kerstin Rackwitz, Touristin
Die 1960er-Jahre stehen nach dem Mauerbau im Zeichen der Erneuerung. Mit Reformen will die SED die DDR modernisieren und stabilisieren. Aber wie erfolgreich sind sie tatsächlich?
28.08.2022 | 43:34 minBerlin setzt die Aufarbeitung fort
Vom 12. bis 16. August erinnern Ausstellungen, Führungen und Gespräche an Mauer, Teilung und deren Folgen. Den Auftakt bilden die Open-Air-Ausstellung "Mauerblicke. Berlin 1961-1990" und eine Installation am Brandenburger Tor.
Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Bernauer Straße wird auch Jörg Hildebrandt sprechen. Seine Botschaft: "Wir müssen uns auch Gedanken machen, was wir uns bieten lassen und wo bei uns Schluss ist."
Fast 37 Jahre ist die Mauer verschwunden, viel länger, als sie stand. Ihre Spuren in der Stadt und in den Köpfen sind geblieben.
Sherin Al-Khannak und Stefanie Hayn sind Redakteurinnen im ZDF-Studio in Berlin.
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