Taktikanalyse vor WM-Finale:Was Argentinien bei der WM so stark macht
von Ullrich Kroemer
Wie sehr hängt Argentiniens Wohl und Wehe von Lionel Messi ab? Weniger als viele glauben, analysiert Taktikexperte Daniel Memmert vor dem Finale der Fußball-WM 2026 gegen Spanien.
Wieder kurz vor Schluss: Lautaro Martinez trifft im WM-Halbfinale gegen England in der zweiten Minute der Nachspielzeit zum 2:1-Siegtor. Englands Torwart Jordan Pickford ist machtlos.
Quelle: Jewel Samad / AFPProfessor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln war bei der Fußball-WM 2026 für Forschungskooperationen auf Reisen. Für ZDFheute nimmt er die spannendsten Teams der WM unter die Lupe. Im vierten Teil seiner Analysereihe beschäftigt sich der Leiter des Master-Studiengangs "Spielanalyse" an der DSHS vor dem Finale (Sonntag, 21 Uhr / ZDF ab 19:30 Uhr) mit Argentinien.
Der Kader: Mehr als nur Lionel Messi
Argentinien hat einen breiten Kader - und nutzt ihn auch. Nur wenige Teams (wie etwa Mexiko) haben noch mehr Spieler eingesetzt als der Titelverteidiger, stellt Memmert heraus. Von den 26 Kaderspielern haben 23 (88,5 Prozent) schon gespielt, 16 davon mit mehr als 100 Minuten Einsatzzeit.
Argentinien hat nicht nur in der Breite, sondern auch in der Tiefe einen starken Kader, das wird immer wieder übersehen.
Daniel Memmert, Taktikexperte
Fünf Spieler sind in der Premier League - der stärksten Liga der Welt - unter Vertrag. Mit diesem Wert liege die "Albiceleste" gleichauf mit Finalgegner Spanien im oberen Bereich aller WM-Teams.
Das Duell zwischen England und Argentinien war schon vor Anpfiff emotional aufgeladen. Die Partie gipfelte in einer verrückten Schlussphase.
15.07.2026 | 9:57 min"Argentinien bringt sehr viel Körperlichkeit aus der Premier League gepaart mit starken variablen Fertigkeiten mit dem Ball und guter Entscheidungsfähigkeit mit", sagt der Taktikexperte. Somit sei es nicht verwunderlich, dass der Finalist in bislang allen K.o.-Spielen späte Tore erzielte.
Spielanlage: Komplettes Team
Wie bei der vergangenen WM agiere das Team gegen ähnlich starke Gegner aus einer soliden Defensive heraus und versuche meist, über Konter zum Erfolg zu kommen, hat Memmert beobachtet. Dabei seien im Unterschied zu vielen anderen Weltklasseteams nur wenige Spieler - hin und wieder nur drei - im Vormarsch, die anderen bildeten eine groß angelegte Restverteidigung. Torgefahr ist dennoch möglich, weil sie mit dem überragenden Lionel Messi einen extrem gefährlichen Einzelkönner haben.
Die zweite Hälfte gegen England stellte eindrucksvoll unter Beweis, wie dominant die Südamerikaner auch im Ballbesitz agieren können. Nach dem 0:1 hatten die Engländer nur noch zwölf Prozent Ballbesitz und wurden von Argentiniens Powerplay förmlich erstickt.
Aus einer soliden Defensive setzt Argentinien auf schnelle Konter. Im Unterschied zu anderen Weltklasseteams oft mit nur wenigen Spielern.
16.07.2026 | 0:18 minBallbesitz: Lionel Messi freispielen
"Mit dem Ball - und da haben sie enorme Qualität - nutzt Argentinien vor allem Rotationen, breite Überladungen und schnelle Seitenwechsel, um Messi freizuspielen", analysiert Memmert.
Erstaunlich ist: Mit ihm und dem "Mentalitätsspieler" Rodrigo De Paul kommen zwei von Argentiniens Schlüsselspielern in der Offensive nicht etwa aus europäischen Topliegen, sondern aus der US-amerikanischen MLS von Inter Miami.
Rotationen, breite Überladungen und schnelle Seitenwechsel: Mit diesen Mitteln gelingt es Argentinien, Lionel Messi freizuspielen. Hier zu sehen beim 1:0 gegen Österreich.
09.06.2026 | 0:15 minPressing: Die Atlético-Madrid-Schule
Gegen den Ball agiert Argentinien in zwei kompakten Viererketten, "ähnlich wie das über die letzte Dekade hinweg Atlético Madrid extrem erfolgreich praktiziert hat", so der Sportwissenschaftler.
Daher sei es auch nicht verwunderlich, dass sechs der 26 Kaderspieler bei Atlético Madrid unter Vertrag stehen, darunter mit Julián Álvarez, Nicolás González, Thiago Almada und Nahuel Molina gleich vier Stammspieler.
Kein anderer Klub stellt so viele Argentinier bei dieser WM. Das ist eine auffällig hohe Klub-Konzentration bei einem einzigen Verein.
Daniel Memmert, Taktikexperte
Gegen den Ball agiert Argentinien ähnlich wie Atletico Madrid mit zwei kompakten Viererketten. Hier gut zu erkennen im Halbfinale gegen England.
09.06.2026 | 0:53 minMentalität: Alle für einen, einer für alle
Wenig überraschend tritt Lionel Messi mit Arbeit gegen den Ball nicht in Erscheinung. Das müssen die anderen neun Feldspieler übernehmen; es geschieht dafür jedoch umso disziplinierter, mentalitätsstärker, giftiger und ausdauernder. Dies sogar am Ende der Nachspielzeit, wie etwa der gewonnene Zweikampf von Stürmer Julián Álvarez gegen Granit Xhaka vor dem 3:1 gegen die Schweiz belegt.
Gegen den Ball müssen die anderen Argentinier für Lionel Messi mitackern. Eindrucksvoll zu sehen von Julian Alvarez vor dem 3:1 gegen die Schweiz.
16.07.2026 | 0:29 minZDFsportstudio Update:Dein Newsletter zur Fußball-WM 2026
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