Dank Schule gesund durchs Leben:Wie Schüler ihr Gesundheitsbewusstsein stärken
von Thomas Bleich
Leistungsdruck, soziale Medien, Konflikte: Viele Schüler erleben belastende Herausforderungen. Um damit besser umzugehen, vermittelt ihnen ein Schulprojekt Gesundheitskompetenz.
Wie lernt man, richtig mit Stress und Konflikten umzugehen? Im Projekt "Positive Gesundheit" wird genau das den Schülern einer Gesamtschule in Witten vermittelt.
22.01.2026 | 5:14 min"Wie geht es dir?" oder "Wie fühlst du dich?" - auf solche Fragen antworten viele Kinder und Jugendliche einfach mit "gut". Beim genaueren Nachfragen wird jedoch oft deutlich, dass die Antwort unüberlegt ist. Denn der Alltag von Schülern ist oft von Konzentrationsproblemen, Konflikten und psychischem Druck geprägt. Welche Folgen das für Körper und Psyche haben kann, ist Kindern, Eltern und Lehrern oft nicht bewusst.
Gesundheitskompetenz als Schlüssel für seelisches Wohlbefinden
Studien zeigen seit Jahren, dass Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten haben, mit Stress, Konflikten und digitalen Medien umzugehen. Laut dem DAK-Report 2025 besitzen rund 84 Prozent der Schulkinder in Deutschland keine ausreichende Gesundheitskompetenz.
Als Gesundheitskompetenz werden Fähigkeiten bezeichnet, die es ermöglichen, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen und zu bewerten, um im Alltag gesundheitsbezogene Entscheidungen zu treffen.
Geringe Gesundheitskompetenz kann sich zum Beispiel durch eine falsche Selbsteinschätzung von Symptomen, die fehlerhafte Einnahme von Medikamenten oder ein ungesundes Ernährungsverhalten zeigen. Es geht um Wissen, Motivation und Kompetenzen, die dazu beitragen, die eigene Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern.
Quelle: Robert Koch-Institut
Die Folgen der Corona-Pandemie und anhaltende Krisen sorgen bei immer mehr Kindern und Jugendlichen dauerhaft für psychische Probleme. Das zeigen Zahlen der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2025.
08.12.2025 | 0:25 minLernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen
Andreas Stephan ist Schulleiter der Otto-Schott-Gesamtschule in Witten. Er stellt fest, dass viele Kinder heutzutage auf Probleme treffen, für die Erwachsene kein richtiges Verständnis haben.
Viele Kinder haben kaum Strategien gelernt, um mit Stress oder Frust umzugehen. Dadurch eskalieren Konflikte schneller.
Dr. Andreas Stephan, Schulleiter, Otto-Schott-Gesamtschule, Witten
Wenn die inneren Belastungen dann zu groß werden, leide auch das Lernen, so der Schulleiter weiter. Schulen können darauf mit neuen Konzepten reagieren, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern Handlungskompetenzen fördern. Die Kinder sollen lernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen und handlungsfähig zu bleiben, statt Probleme zu verdrängen, so Stephan.
Manuela Mohr vom Education Innovation LAB in Berlin fordert langfristige Lösungen von der Politik für das Bildungssystem. Es verstärke die soziale Ungleichheit, sagt sie.
29.01.2026 | 4:53 minSelbstwahrnehmung als Messgröße fürs Wohlbefinden
Hier setzt das Pilotprojekt an der Otto-Schott-Gesamtschule an, das auf dem Konzept Positive Gesundheit basiert. Es stammt aus den Niederlanden und hat das Ziel, die Fähigkeit zur Selbstregulation zu stärken. Grundlage ist ein Modell mit sechs Lebensbereichen - zu denen unter anderem Körper, Gefühle, soziale Beziehungen und Sinngebung gehören.
Im Mittelpunkt des Pilotprojekts Positive Gesundheit stehen die Selbstwahrnehmung, soziale Fähigkeiten und die Stärkung der persönlichen Ressourcen der Schüler. Die Teilnahme ist freiwillig. Es ist Teil der kommunalen Gesundheitsförderung der Stadt Witten und wird zusätzlich durch eine Krankenkasse im Rahmen von Präventionsprogrammen finanziert.
Was sollte an Schulen unterrichtet werden? Was Schüler sich wünschen.
13.01.2026 | 1:14 minSchüler abholen, wo sie mit ihren Bedürfnissen und Sorgen stehen
Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit und Grundlage für ein gelingendes Leben, erklärt der Allgemeinmediziner Achim Mortsiefer. Er erforscht das Konzept Positive Gesundheit am Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung der Universität Witten/Herdecke.
Um Gesundheitskompetenz zu fördern, ist es entscheidend, an das anzuknüpfen, was den Menschen wichtig ist und was ihre Augen zum Leuchten bringt.
Prof. Dr. Achim Mortsiefer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Privatuniversität Witten Herdecke
Im Schulalltag bedeutet das, Gespräche auf Augenhöhe zu führen, statt mit erhobenem Zeigefinger zu belehren, ergänzt Schulleiter Andreas Stephan. Wenn es im Umgang mit den Schülern gelinge, Stärken statt Defizite anzusprechen, würden sie dazu motiviert, wichtige Zusammenhänge für sich neu zu erkennen, etwa den Zusammenhang zwischen Schlaf, Ernährung, Stimmung und Konzentration. So sei der Anfang gemacht, damit die Schüler Veränderungen selbst ausprobieren, so Stephan weiter.
Viele Kinder haben den Bezug zur Ernährung verloren. Deswegen fordern einige, Ernährung als verpflichtendes Schulfach einzuführen. Kann es Kindern helfen, gesünder zu leben, wenn sie das Kochen lernen?
22.08.2025 | 5:07 minGestiegene Resilienz im Schulalltag
Die ersten Erfahrungen mit dem Projekt im Schulalltag sind positiv. Der Kinder-, Jugend- und Familiencoach Ralf Maurer hat bei der Umsetzung des Projekts mit den Schülern erlebt, dass sie inzwischen bewusster mit Problemen umgehen und ihre eigenen Stärken besser benennen können.
Man sieht, dass die Kinder achtsamer miteinander umgehen und Frust anders verarbeiten.
Ralf Maurer, Kinder-, Jugend- und Familiencoach
Gerade für Kinder mit belastenden Lebensumständen könne das laut Maurer neue Perspektiven eröffnen. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass Angebote zur Stärkung der Gesundheitskompetenz keine Therapie ersetzen können, wenn medizinische Diagnosen vorliegen. Aber sie können präventiv wirken und bei Kindern und Jugendlichen die Resilienz für Körper und Geist fördern, gegenüber den vielen gesundheitlichen Belastungen, denen sie im Alltag ausgesetzt sind, so das Fazit von Maurer.
Dr. Thomas Bleich ist Arzt und Redakteur der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
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