Kein TikTok, Instagram und Snapchat:Fünftklässler ohne Social Media: Solingen zieht Bilanz
von Nina Feldmann
Kein TikTok, Instagram und Snapchat: In Solingen verzichten Fünftklässler stadtweit auf soziale Medien - auch über den Unterricht hinaus. Nun gibt es eine erste Bilanz.
Ein ganzes Schuljahr verzichten 1.400 Fünftklässler auf soziale Medien. Nach sechs Monaten gibt es eine erste Bilanz: Wie wirkt sich das Experiment auf den Alltag der Kinder aus?
29.01.2026 | 2:52 minSocial-Media-Verzicht für Fünftklässler: In Solingen haben sie das ein halbes Schuljahr lang erprobt. Die erste Bilanz von Schulen und Projektverantwortlichen ist überwiegend positiv.
Schulübergreifend habe sich das Miteinander der Kinder verändert, sagt Jörg Augustin, Leiter des Regionalen Bildungsbüros der Stadt Solingen.
Vor allem zeigt sich das in den Pausen: Die Kinder sind interaktiver geworden, das Spielen hat zugenommen.
Jörg Augustin, Leiter des Regionalen Bildungsbüros Solingen
Grundlage des Projekts ist ein Vertrag zwischen Schulen, Kindern und Eltern. Rund 1.400 Schülerinnen und Schüler der fünften Klassen haben ihn zusammen mit ihren Eltern zum Wechsel auf die weiterführende Schule unterzeichnet. Darin verpflichten sich die Erziehungsberechtigten, ihre Kinder dabei zu unterstützen, soziale Medien wie etwa TikTok, Instagram oder Snapchat nicht zu früh zu nutzen. "Wir sprechen hier von einer Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Eltern", sagt Augustin. Das, was in der Schule vorgelebt werde, solle auch nach dem Unterricht Bestand haben.
Die französische Nationalversammlung hat für ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige gestimmt, der Senat muss noch zustimmen. Australien führte ein solches Verbot im Dezember ein.
27.01.2026 | 0:16 minSchulpsychologen begleiten Social-Media-Verzicht
Alle zwölf Gymnasien, Real- und Gesamtschulen in Solingen beteiligen sich an dem Projekt. Der Verzicht werde so zur neuen Normalität, sagt Augustin. Durch einheitliche Regeln könne man Konkurrenzsituationen zwischen Familien und Schulen vermeiden. Der Vertrag zum Social-Media-Verzicht ist dabei rein symbolisch: Es folgen keine schulischen Konsequenzen, wenn Kinder in ihrer Freizeit soziale Netzwerke nutzen.
Laut der JIM-Studie 2025 besitzen fast alle Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren ein eigenes Smartphone. Im Schnitt verbringen sie täglich rund 231 Minuten mit ihrem Gerät. Während 12- bis 13-Jährige auf etwa 166 Minuten pro Tag kommen, liegt die Nutzungsdauer bei Volljährigen bei mehr als viereinhalb Stunden.
Zu den beliebtesten sozialen Netzwerken zählen WhatsApp, Instagram, Snapchat und TikTok. Zwei Drittel der Befragten geben an, häufig mehr Zeit am Smartphone zu verbringen als ursprünglich geplant. Drei von zehn Jugendlichen berichten zudem, morgens oft müde zu sein, weil sie abends zu lange am Handy waren.
An allen Solinger Schulen wird das Projekt psychologisch begleitet. Schulpsychologe Markus Surrey hält den eingeführten Social-Media-Verzicht für dringend notwendig.
Wir beobachten eine rapide Zunahme psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Dazu zählen Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten, aber auch schlicht Veränderungen im Umgang mit Gleichaltrigen.
Markus Surrey, Schulpsychologe
Mehr als 70 Stunden sind Jugendliche jede Woche online. Das analoge Leben tritt in den Hintergund. Was hat das für psychische Folgen?
10.12.2025 | 2:11 minEin großer Treiber dieser Entwicklung sei die intensive Smartphone-Nutzung, insbesondere soziale Medien, sagt Surrey. Durch das Projekt verspreche man sich langfristig eine Verbesserung der psychischen Gesundheit der Schülerinnen und Schüler.
Die stadtweiten Regelungen sollen es den Kindern erleichtern, auf die sozialen Netzwerke zu verzichten. "Der digitale Raum verliert für Kinder stark an Relevanz in dem Moment, in dem die Interaktion mit dem sozialen Umfeld dort nicht mehr stattfinden", so Surrey.
Statt eines Social-Media-Verbots müsse mehr in Medienkompetenz investiert werden. "Wir hätten gerne mehr Regulierungen“, sagt Lilli Berthold, stellvertretende Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz.
23.01.2026 | 4:48 minUmgang mit Social Media in Australien und Frankreich
Das Solinger Projekt knüpft damit an Debatten an, die auch international diskutiert werden. Seit Australien im Dezember als erstes Land weltweit ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hat, wurden nach Angaben der Regierung mehr als 4,7 Millionen Accounts von Kindern und Jugendlichen deaktiviert, gelöscht oder eingeschränkt.
Auch in Europa wird über eine Verschärfung der Regulierung diskutiert. In Frankreich stimmte die Nationalversammlung mit deutlicher Mehrheit für die Einführung einer Altersgrenze von 15 Jahren. Sollte auch der Senat dem Gesetzesentwurf zustimmen, könnte das Verbot bereits ab dem kommenden Schuljahr gelten.
Australien verbietet soziale Netzwerke für alle unter 16 - als erstes Land weltweit. Auch in Deutschland bekommt die Debatte neuen Schwung: CDU‑Ministerpräsident Daniel Günther will ein Verbot auf den Weg bringen.
23.01.2026 | 2:35 minProjektleiter: Medienkompetenz fördern
Neben dem Social-Media-Verzicht haben sich die Schulen in Solingen auch auf die Ausbildung von Medienscouts verständigt. Dabei handelt es sich um speziell geschulte Schülerinnen und Schüler aus höheren Jahrgängen, die ihre Erfahrungen weitergeben und jüngere Klassen im Umgang mit digitalen Medien unterstützen. "Ein Verbot allein wird das Problem nicht lösen", sagt Surrey.
Je älter die Schüler werden, desto weniger relevant ist eine äußere Regulierung. Dann müssen wir stärker auf intrinsische Motivation setzen, also auf Selbstregulation.
Markus Surrey, Schulpsychologe
Über 80 Prozent der Deutschen nutzen soziale Medien, TikTok besonders rasant. Junge Nutzer suchen dort Infos - stoßen dabei aber auch immer öfter auf radikale Inhalte.
02.05.2025 | 1:35 minMan wolle nicht nur einschränkend unterwegs sein, sondern gleichzeitig die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen fördern, sagt Jörg Augustin vom Solinger Bildungsbüro. Aufgrund der positiven Rückmeldungen aus der Schüler- und Elternschaft plane man, das Projekt auch im kommenden Schuljahr fortzuführen und mit altersgerecht angepassten Regelungen auf weitere Jahrgangsstufen auszuweiten.
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