Drogenrausch in sozialen Medien:Pingtok auf TikTok: Wie ein Drogentrend Jugendliche erreicht
von Laura Koop
Was als Video beginnt, endet im Konsum. Auf TikTok verbreitet sich mit #Pingtok ein Trend, der Jugendliche ungefiltert in eine Welt aus Drogenrausch und Abhängigkeit zieht.
Der Hashtag #pingtok beeinflusst den Drogenkonsum von Jugendlichen. Das kann reale Folgen haben: Es endet oft in der Abhängigkeit.
02.01.2026 | 8:55 minGroße Pupillen, mahlender Kiefer. Ein Gesicht, sehr jung. Ein paar Sekunden. Dann der nächste Clip. Und der nächste. "Ich weiß, ich sollte es nicht tun, aber ich will lieben und Emma liebt mich", schreibt ein Nutzer unter sein Video.
Unter dem Hashtag #Pingtok zeigen Jugendliche auf TikTok ihren Drogenrausch. "Pinging" nennen sie es: auf Ecstasy oder MDMA sein, in der Szene auch "Emma" genannt. Wer kurz stehen bleibt, bekommt mehr davon.
Kontakt zu Drogen durch TikTok: Betroffene schildern Erfahrungen
So beginnt es auch bei Anna (Name geändert). Sie ist Anfang 20. Als ihr TikTok die Clips zum ersten Mal ausspielt, ist diese Welt neu für sie. "Ich war total schockiert", sagt sie. Sie kommentiert wütend und schaut trotzdem weiter. "Das Interesse wurde einfach geweckt."
Was auf dem Bildschirm beginnt, schiebt sich in ihren Alltag. In der Schule wächst der Leistungsdruck. Anna fühlt sich einsam, entwickelt eine Essstörung. Cannabis hilft ihr zunächst beim Abschalten. Später kommen Speed, Ritalin und Ecstasy dazu. Hunger und Gefühle verschwinden.
Ecstasy gehört zu den am häufigsten konsumierten Partydrogen in Deutschland. Die MDMA-Konzentration steigt immer weiter an, der Rausch wird dadurch extremer und gefährlicher.
06.04.2024 | 1:28 min"Mein Alltag bestand darin, dass ich maximal 20 Minuten in der Nacht geschlafen habe. Ich bin aufgestanden, ich habe direkt konsumiert", sagt Anna. Mit 16 ist sie abhängig.
Auch Lea (Name geändert), Annas Freundin, rutscht über Pingtok in den Konsum. Erst neugierig, dann regelmäßig. Kokain, Speed, Ritalin - geblieben ist Ecstasy. "Ich habe über Monate sehr viel konsumiert, fast täglich, damit es einfach nicht mehr aufhört", sagt sie. "Damit ich diese Liebe verspüren kann und nicht mehr den Hass oder die Traurigkeit." Sie schwänzt die Schule. Besteht ihr Abitur nicht.
Sozialpädagogin: Oft depressive Symptome Grund für Verhalten
Am Anfang konsumieren Anna und Lea gemeinsam. Mit Freunden. Doch irgendwann wird es stiller. Allein im Kinderzimmer. "Wenn du dann alleine in deinem Zimmer hockst und dir denkst, ich hätt jetzt Bock, und das dann auch machst", sagt Lea, "das ist noch mal ein Schritt weiter."
Fachleute warnen: Gerade der Konsum alleine ist besonders gefährlich - niemand passt auf. Die Sozialpädagogin Julia Praller beobachtet seit Längerem, dass hinter Phänomenen wie Pingtok oft Hoffnungslosigkeit und depressive Symptome stehen.
Bei Pingtok finde ich es eben sehr bedenklich, weil die Beweggründe oft sehr negative Erfahrungen, negative Gefühle sind, die dann mit dem Substanzkonsum überdeckt werden sollen.
Julia Praller, Sozialpädagogin
Die neu erschienene Dokumentation über den Rapper Haftbefehl handelt von seiner Drogensucht. Suchttherapeutin Stefanie Bötsch erklärt mögliche Hintergründe.
31.10.2025 | 1:13 minDrogenhandel in Kommentaren: "Du findest alles"
An Drogen zu kommen, ist für Anna und Lea kein Problem. Schule. Freunde. Pingtok. In den Kommentaren wird offen gefragt: "Jemand München?" - "Hat wer Düren?" - "Will wer Berlin?" Hunderte Kommentare unter einem Clip.
Was dort beginnt, wechselt schnell zu Plattformen wie Telegram. Dort wird gehandelt - anonym, rund um die Uhr. Tim (Name geändert), ein ehemaliger Dealer, sagt:
Du findest alles und du bekommst alles.
Tim (Name geändert), ehemaliger Drogendealer
"Mit ein paar Nachrichten und du hast deine Substanzen schon nach Hause geliefert bekommen, wie eine Pizza", ergänzt er. Ecstasy sei praktisch. Eine Pille. Ein Handschlag.
Australien führt als erstes Land ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige ein. Was das bedeutet und ob es auch in Deutschland sinnvoll wäre, diskutiert ZDFheute live.
10.12.2025 | 29:54 minDrogenmarkt: Hohe Umsätze, viele Drogentote
Der Drogenhandel ist ein Milliardengeschäft. In Europa lag der geschätzte Umsatz laut einem Bericht der Europäischen Drogenagentur und der Polizeibehörde Europol aus 2024 bei rund 31 Milliarden Euro. 2024 starben in Deutschland 2.137 Menschen an Drogenkonsum, bei den Unter-30-Jährigen gab es einen Anstieg von 14 Prozent.
Ein direkter Zusammenhang mit Social Media ist nicht belegt. Klar ist aber: Dealer sind dort, wo junge Menschen sind - online. Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, sagt:
Die sozialen Medien und der virtuelle Raum ist etwas, was wir insgesamt sehr schlecht reguliert haben.
Hendrik Streeck, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung
Dort gebe es eine so schnelle Entwicklung, weshalb man gesamtgesellschaftlich, aber auch in Expertenkommissionen, Lösungen für die problematische Social-Media-Nutzung finden müsse, so Streeck.
2.137 Menschen sind im vergangenen Jahr an Drogen gestorben. Die Zahl bei den unter 30-Jährigen steigt. Ein Grund dafür: Der Einfluss sozialer Medien wie TikTok.
07.07.2025 | 1:33 minWie steht es um Prävention und Aufklärung?
Offen über ihre Suchterkrankung sprechen Lea und Anna lange nicht. Die Scham ist zu groß. "Irgendwann verstehst du, dass es der falsche Weg ist", sagt Lea, "Aber man fühlt sich halt einfach alleine in seinem Problem."
Der Bund investiert 18 Millionen Euro in Prävention und Aufklärung. Hilfe gibt es schon jetzt: anonym online oder bei Beratungsstellen. Für Lea und Anna beginnt Hilfe mit einem Gespräch. Zuhören. Ernst nehmen. Ohne Vorwürfe.
- Die Bundesweite Sucht & Drogen Hotline ist erreichbar unter der Telefonnummer 01806 313031 (kostenpflichtig, 0,20 Euro pro Anruf)
- Unter Hilfen im Netz gibt es Unterstützung für Kinder und Jugendliche aus sucht- und psychisch belasteten Familien
- Unter DigiSucht gibt es digitale, kostenlose und anonyme Suchtberatung für erwachsene Betroffene, Angehörige und Eltern
- Hier gibt es einen Überblick über Beratungsangebote des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen
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