Nach der US-Übernahme:Zensiert TikTok in den USA politisch brisante Inhalte?
von Jan Schneider
Wenige Tage nach der Übernahme durch US-Investoren häufen sich Berichte über Zensur auf TikTok. ZDFheute hat getestet - und kann die Vorwürfe teilweise bestätigen.
Ein US-Unternehmen hat die Kontrolle über TikTok in den USA übernommen. Seitdem klagen einige Nutzer über Zensur.
Quelle: dpaDer Test ist simpel: Wir öffnen TikTok auf einem Smartphone in unserem ZDF-Studio in New York, wählen einen Kontakt aus und tippen in die Direktnachricht ein einziges Wort: "Epstein". Dann drücken wir auf "Senden". Was folgt, ist eine automatische Fehlermeldung: "This message may be in violation of our Community Guidelines, and has not been sent to protect our community." Die Nachricht wird nicht zugestellt.
Ein Zufall? Ein technischer Fehler? Oder systematische Zensur? Diese Frage beschäftigt seit Tagen viele TikTok-Nutzer, Politiker und Journalisten weltweit. Denn der Name Jeffrey Epstein - der verstorbene, verurteilte Sexualstraftäter - ist nicht irgendein Name. Er ist politisch hochbrisant.
Ein Verbot von TikTok in den USA ist wohl endgültig abgewendet. Der Eigentümer ByteDance hat ein neues Unternehmen mit US-Mehrheitsbeteiligung gegründet.
23.01.2026 | 0:24 minDer brisante Kontext
Am 22. Januar 2026, vor gerade einmal fünf Tagen, wechselte TikTok in den USA die Besitzer. Das neue Joint Venture "TikTok USDS Joint Venture LLC" wird zu 80,1 Prozent von amerikanischen Investoren kontrolliert. Hauptinvestor ist Oracle-Gründer Larry Ellison, ein enger Verbündeter von US-Präsident Donald Trump. ByteDance, der bisherige chinesische Eigentümer, behält lediglich 19,9 Prozent.
Jeffrey Epstein und seine ungeklärten Verbindungen zu Präsident Trump belasten die US-Regierung seit Monaten. Dass ausgerechnet der Name "Epstein" nun auf der von Trump-Verbündeten kontrollierten Plattform blockiert wird, sorgt für Spekulationen über politische Einflussnahme.
Tausende Ermittlungsakten um den Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein wurden veröffentlicht. Kritik gibt es an den ausführlichen Schwärzungen in den Dokumenten und Fotos.
20.12.2025 | 2:30 minMehrere Medien bestätigen die Blockade
ZDFheute ist nicht allein mit dieser Beobachtung. Der amerikanische Sender NPR führte ebenfalls Tests durch und kam zu ähnlichen Ergebnissen. Allerdings mit einer wichtigen Einschränkung: Die Blockade funktioniert inkonsistent. Einige Nutzer können das Wort "Epstein" problemlos verschicken, andere erhalten die Fehlermeldung. Warum, bleibt unklar.
Auch der Wirtschaftssender CNBC konnte die Fehlermeldung reproduzieren. Ein TikTok-Sprecher bestätigte gegenüber NPR: "Wir haben keine Regeln gegen das Teilen des Namens 'Epstein' in Direktnachrichten und untersuchen, warum einige Nutzer Probleme erleben." Diese Aussage wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Wenn es keine Regel gibt - warum wird der Name dann blockiert?
Das US-Geschäft von Tiktok ist offiziell in eine neue Firma eingebracht worden. Was hinter dem Schritt steckt, erklärt Sina Mainitz aus der ZDF-Wirtschaftsredaktion.
23.01.2026 | 1:24 minNicht nur "Epstein": Eine Welle von Zensurvorwürfen
Die Blockade des Namens "Epstein" ist nur ein Phänomen, über das Nutzer klagen. Seit der Übernahme mehren sich Berichte über eingeschränkte Sichtbarkeit politischer Inhalte. Nutzer berichten, dass Posts über die US-Einwanderungsbehörde ICE ungewöhnlich niedrige Reichweiten erzielen. Videos über tödliche Schüsse von Bundesagenten in Minneapolis laden nicht richtig. Kritische Inhalte über die Trump-Regierung verschwinden aus den Feeds.
Mittlerweile haben sich auch prominente TikToker zu Wort gemeldet: Die Komikerin Meg Stalter berichtete von sogenanntem Shadow-Banning ihrer ICE-kritischen Posts. Shadow-Banning beschreibt, dass Inhalte oder Accounts auf Plattformen heimlich in ihrer Reichweite eingeschränkt werden. Popsängerin Billie Eilish berichtet ebenfalls von solchen Einschränkungen. Kaliforniens Senator Scott Wiener gab an, dass sein Beitrag über ICE in den ersten Stunden keinerlei Aufrufe erzielt hat. Mittlerweile steht der Beitrag bei knapp 25.000 Aufrufen - ob es bei diesen Inhalten zu einer Drosselung der Reichweite gekommen ist, ist schwer zu beurteilen.
Die Beschwerden häuften sich jedoch so massiv, dass Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom am 27. Januar eine offizielle Untersuchung ankündigte.
Gavin Newsom auf X
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In einer Stellungnahme erklärte Newsoms Büro:
Nach dem Verkauf von TikTok an eine Trump-nahe Investorengruppe hat unser Büro Berichte erhalten - und unabhängig Fälle bestätigt - von unterdrückten Inhalten, die Präsident Trump kritisieren.
Stellungnahme von Gouverneur Gavin Newsom
Newsom prüft nun, ob TikTok kalifornisches Recht verletzt. Nach kalifornischem Gesetz müssen Social-Media-Unternehmen transparent über ihre Content-Moderation berichten.
TikToks Erklärung: Ein Stromausfall
TikTok selbst weist alle Vorwürfe der politischen Zensur zurück. Das Unternehmen führt die Probleme auf einen Stromausfall in einem Rechenzentrum zurück, der zu einer "kaskadenartigen Systemstörung" geführt habe. Die Content-Moderation sei kurzzeitig fehlerhaft gewesen, aber es gebe keinerlei systematische politische Einflussnahme.
Erklärung von TikTok (USA) auf X
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Diese Erklärung überzeugt viele Kritiker nicht. Die inkonsistente Blockade des Namens "Epstein" passe zudem nicht zum Bild eines einfachen technischen Fehlers. "Diese Theorie eines Stromausfalls ist technisch gesehen nicht valide, weil sich dieser Fehler auch von verschiedenen Stellen zu unterschiedlichen Zeitpunkten hat reproduzieren lassen", sagt Dennis-Kenji Kipker vom cyberintelligence.institute Frankfurt auf Anfrage von ZDFheute:
Es ist auch nicht erklärbar, wie ein Stromausfall sich auf einzelne Suchbegriffe oder einzelne Themen auswirken sollte, die zugleich auch noch von besonderer politischer Brisanz sind.
Dennis-Kenji Kipker, Experte für Cybersicherheit
Die Algorithmen der großen Plattformen seien immer eine "Blackbox", ein gut gehütetes Geschäftsgeheimnis.
Was sagt die Wissenschaft dazu?
Die Debatte um TikTok-Zensur ist nicht neu. Schon vor der US-Übernahme beschäftigten sich mehrere wissenschaftliche Studien mit der Frage, ob und wie TikTok politische Inhalte moderiert. Die Ergebnisse sind allerdings widersprüchlich:
Das Network Contagion Research Institute der Rutgers University, New Jersey, veröffentlichte im Dezember 2023 und Januar 2025 Studien, die statistisch auffällige Unterschiede bei politisch sensiblen Hashtags dokumentieren. Die Forscher hatten die Häufigkeit bestimmter Hashtags auf TikTok und Instagram verglichen. Für jeden TikTok-Post mit Ukraine-unterstützendem Hashtag fanden sie 8,5 entsprechende Posts auf Instagram. Bei Hashtags zu den Hongkong-Protesten war das Verhältnis noch drastischer: 206 Instagram-Posts für jeden einzelnen TikTok-Post.
Die NCRI-Studien identifizierten zudem eine "selektive und opportunistische" Content-Moderation bei Hashtags zur angeblich "gestohlenen Wahl" 2020 - Eine Behauptung, die von Trump-Anhängern bis heute propagiert wird. Die Forscher schlossen daraus, dass es eine "starke Möglichkeit" gebe, dass Inhalte auf TikTok basierend auf ihrer politischen Ausrichtung verstärkt oder unterdrückt werden.
Allerdings sind diese Studien nicht peer-reviewed, also nicht durch andere Wissenschaftler geprüft. TikTok warf dem Institut vor, "fehlerhafte Methodik" zu verwenden, um zu einem "vorbestimmten, falschen Ergebnis" zu gelangen. Auch ein Historiker vom Cato Institute kritisierte "grundlegende Fehler" in den Rutgers-Studien.
Eine Studie des Georgia Institute of Technology kam 2023 hingegen zum gegenteiligen Schluss: TikTok "exportiert keine Zensur, weder direkt durch Blockierung noch indirekt über den Empfehlungsalgorithmus". Allerdings basiert diese Studie logischer Wiese auf Daten von vor der US-Übernahme.
Aufschlussreich ist auch eine 2022 in der Fachzeitschrift "Policy & Internet" veröffentlichte Studie. Sie untersuchten mit 14 TikTok-Creators das Konzept der "Sichtbarkeitsmoderation" - eine subtilere Form der Zensur. Dabei werden Inhalte nicht blockiert, sondern algorithmisch weniger sichtbar gemacht. Nutzer bemerken oft gar nicht, dass ihre Reichweite künstlich gedrosselt wird.
Das Transparenzproblem
Das zentrale Problem bei der Bewertung aller Zensurvorwürfe ist die fehlende Transparenz. TikTok veröffentlicht keine Liste verbotener Wörter oder Phrasen. Es ist unklar, wie viel Content-Moderation algorithmisch erfolgt und wie viel durch menschliche Moderatoren. Die Community-Richtlinien sind vage formuliert und lassen enormen Interpretationsspielraum.
Diese Intransparenz macht es nahezu unmöglich, zwischen technischen Fehlern, algorithmischen Verzerrungen und gezielter politischer Zensur zu unterscheiden. Die inkonsistente Blockade des Wortes "Epstein" - bei manchen Nutzern funktioniert es, bei anderen nicht - verstärkt dieses Problem noch.
Fazit: Die Faktenlage ist komplex, aber einige Punkte sind zweifelsfrei belegt: Das Wort "Epstein" wird in TikTok-Direktnachrichten teilweise blockiert. Auch bei ICE-bezogenen Inhalten und Videos über Polizeigewalt in Minneapolis gibt es zahlreiche dokumentierte Beschwerden von Nutzern.
Die Ursache bleibt umstritten: TikTok beharrt auf der Erklärung eines technischen Fehlers durch einen Stromausfall. Die angekündigte Untersuchung des kalifornischen Gouverneurs Newsom könnte in den kommenden Wochen mehr Klarheit bringen. Problematisch bleibt derweil, dass eine der größten Social-Media-Plattformen der Welt nicht transparent macht, wie und warum sie Inhalte moderiert - unabhängig davon, ob chinesische oder amerikanische Investoren die Kontrolle haben.
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