Münkler über Adenauer: "Westbindung ist der Anker"

Interview

Politikwissenschaftler:Münkler über Adenauer: "Westbindung ist der Anker"

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Zum 150. Geburtstag von Konrad Adenauer blickt Herfried Münkler auf dessen Erbe: Von Westintegration bis Grundgesetz - was bedeutet der erste Kanzler für das heutige Deutschland?

Schwarz-Weiß Porträtfoto von Konrad Adenauer

Heute wäre Konrad Adenauer, der erste deutsche Bundeskanzler, 150 Jahre alt geworden. Nach dem Krieg hat er die Bundesrepublik maßgeblich geprägt, und sein Einfluss ist noch bis heute spürbar.

05.01.2026 | 3:42 min

ZDFheute: Heute wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden. Wofür steht diese politische Figur aus Ihrer Sicht?

Herfried Münkler: Adenauer steht für die Westintegration der alten Bundesrepublik und die Rückgewinnung eines Stücks an Souveränität und Gleichberechtigung Deutschlands - beides steht heute nicht mehr zur Disposition, während die Westbindung von einigen Parteien im Bundestag immer wieder angezweifelt wird. Und natürlich steht Adenauer auch für die Wiederbewaffnung und die Gründung der Bundeswehr.

Konrad Adenauer als Schüler am Gymnasium - 1885
Friedrich Ebert und Konrad Adenauer - 1924
Konrad Adenauer unterzeichnet das Grundgesetz - 1949
Konrad Adenauer wird durch Bundestagspräsident Erich Köhler als Bundeskanzler vereidigt - 1949
Teile der ersten Bundesregierung - 1949
Nato-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland - 1955
Historischer Staatsbesuch in Moskau - 1955
Adenauer trifft den französischen Ministerpräsident Charles de Gaulle - 1958
Konrad Adenauer trifft David Ben-Gurion, den israelischen Premierminister - 1960
Konrad Adenauer spielt Boccia - 1960
Konrad Adenauer an seinem 87. Geburtstag inmitten seiner Familie - 1963
Unterzeichnung des Élysée-Vertrags - 1963
Berlin-Besuch von US-Präsident John F. Kennedy - 1963
Abschied von der Politik - 1966
Trauerfeier für Konrad Adenauer - 1967

Konrad Adenauer als Schüler am Gymnasium - 1885

Der junge Konrad Adenauer vor seinem Antritt am katholischen Gymnasium in Köln. Neun Jahre später macht er hier sein Abitur. (1885)

Quelle: Getty Images

ZDFheute: Inwiefern ist die Politik der Westbindung so grundlegend für unser Land?

Münkler: Westbindung ist der Anker der deutschen Politik - auch mit Blick darauf, dass Friedrich Merz versucht, in Zusammenarbeit mit Emmanuel Macron und Keir Starmer den Wegfall der USA als Anker der großen transatlantischen Westbindung zu kompensieren, auch wenn es in Deutschland immer Kräfte gab und gibt, die sich in Richtung Russland orientieren. Adenauer ist bei der Westbindung im Übrigen immer zweigleisig gefahren:

Sicherheitspolitisch hat er sich Richtung USA orientiert, wirtschaftspolitisch viel stärker nach Frankreich und in Bezug auf die entstehende EWG.

Herfried Münkler, Politikwissenschaftler

Das französische Erbe ist das Bleibende. Die enge Verbindung mit den USA wird hingegen in diesem und im nächsten Jahrzehnt nur eine nachgeordnete Rolle spielen.

Bundeskanzler Konrad Adenauer (Burghart Klaußner, 2.v.r.) und Ministerpräsident Charles de Gaulle (Jean-Yves Berteloot, M.) begegnen sich zum ersten Mal im beschaulichen Colombey-les-Deux-Églises.

Das erste Treffen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor 67 Jahren: kein Staatsbesuch, sondern ganz privat. Es war die Geburtsstunde der deutsch-französischen Freundschaft.

14.09.2025 | 2:46 min

ZDFheute: Konrad Adenauer spielte ja auch eine zentrale Rolle bei der Erschaffung des Grundgesetzes. Und heute verlieren viele Deutsche das Vertrauen in die Demokratie. Wie bewerten Sie das?

Münkler: Adenauer war mit Blick auf die deutsche Geschichte, zumal die von 1933 bis 1945, durchaus skeptisch gegenüber der Präsenz überzeugter Demokraten in Deutschland. Er hatte ja den Untergang der Weimarer Republik intensiv miterlebt. Insofern hat er dort, wo er Einfluss auf die Formulierung des Grundgesetzes genommen hat, zweifelslos versucht, die Demokratie durch die Rechtsstaatlichkeit, also die Verfassungsstrukturen, abzusichern, die Leitplanken möglichst eng zu ziehen, um den Willen des Volkes auf diese Weise nicht beliebig vagabundieren zu lassen, wie das am Ende der Weimarer Republik der Fall war.

Sachsen-Anhalt, Zscheiplitz: Wein reift in einem Weinberg bei Freyburg. Mit der Ernte für den spritzig-süßen Federweißen hat in der Weinanbauregion an Saale und Unstrut die Weinlese begonnen.

Er nennt sich "Bernkasteler Doctor", ist 72 Jahre alt, schlummert tief unter den Moselweinbergen in einem Stollen und ist der Wein, der 1955 mit dem Kanzler nach Russland reiste.

11.09.2025 | 2:48 min

ZDFheute: Heute erleben wir, wie diese Demokratie und vieles, wofür Adenauer stand, in Frage gestellt wird, es gibt zunehmend Renationalisierungstendenzen. Finden Sie es wichtig, vor diesem Hintergrund an ihn zu erinnern?

Münkler: Ja, es ist auch eine Erinnerung an die schwierigen Anfänge der Bundesrepublik, in der Adenauer die Leitplanken der Politik festgelegt hat. Er hat die Westbindung gegen viele Personen auch innerhalb seiner eigenen Partei durchgesetzt, die das nicht wollten, weil sie befürchteten, dass das Projekt Wiedervereinigung damit weit in den Hintergrund geschoben würde. Er hat die Auseinandersetzungen um diese Frage ja nicht nur mit den Sozialdemokraten geführt, die gesagt haben: Wiedervereinigung ist wichtiger als Westbindung. Adenauer hat die Akzente umgekehrt gesetzt, und ich glaube, das war im Nachhinein eine richtige und strategisch weitreichende Entscheidung.

adenauer, konrad - an seinem schreibtisch 1949

Der erste Kanzler der Bundesrepublik wäre heute 150 Jahre alt geworden. Adenauer prägte den Weg West-Deutschlands in die NATO und an die Seite der USA.

05.01.2026 | 3:10 min

ZDFheute: Wie würde Adenauer denn selbst auf das Hier und Heute schauen, auf das Ende der gewohnten Weltordnung nach der sicherheitspolitischen Abkehr der USA von Europa?

Münkler: Vermutlich würde er sagen - das habe ich euch doch gleich gesagt, dass auf die USA auf Dauer nicht unbedingt Verlass ist, auch wenn er den Umstand nie thematisiert hat, dass er Frankreich beziehungsweise das mit der EWG geschaffene Kerneuropa höher gewichtet hat. Ich denke, das wäre in etwa seine Sicht, und er würde sich sehr bestätigt fühlen durch die aktuelle Entwicklung. Die Erfahrung als Zeitzeuge davon, dass sich die USA nach dem Ersten Weltkrieg aus Europa zurückgezogen haben, hat ihn in dieser Frage sehr viel skeptischer sein lassen, als es die Enkel und die Urenkel-Generation Adenauers bis vor Kurzem war.

Das Interview führte Anne Herzlieb.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress in dem Beitrag "150. Geburtstag von Konrad Adenauer" am 05.01.2026 um 00:01 Uhr. 

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