Politikwissenschaftler:Münkler über Adenauer: "Westbindung ist der Anker"
Zum 150. Geburtstag von Konrad Adenauer blickt Herfried Münkler auf dessen Erbe: Von Westintegration bis Grundgesetz - was bedeutet der erste Kanzler für das heutige Deutschland?
Heute wäre Konrad Adenauer, der erste deutsche Bundeskanzler, 150 Jahre alt geworden. Nach dem Krieg hat er die Bundesrepublik maßgeblich geprägt, und sein Einfluss ist noch bis heute spürbar.
05.01.2026 | 3:42 minZDFheute: Heute wäre Konrad Adenauer 150 Jahre alt geworden. Wofür steht diese politische Figur aus Ihrer Sicht?
Herfried Münkler: Adenauer steht für die Westintegration der alten Bundesrepublik und die Rückgewinnung eines Stücks an Souveränität und Gleichberechtigung Deutschlands - beides steht heute nicht mehr zur Disposition, während die Westbindung von einigen Parteien im Bundestag immer wieder angezweifelt wird. Und natürlich steht Adenauer auch für die Wiederbewaffnung und die Gründung der Bundeswehr.
Konrad Adenauer als Schüler am Gymnasium - 1885
Der junge Konrad Adenauer vor seinem Antritt am katholischen Gymnasium in Köln. Neun Jahre später macht er hier sein Abitur. (1885)
Quelle: Getty ImagesZDFheute: Inwiefern ist die Politik der Westbindung so grundlegend für unser Land?
Münkler: Westbindung ist der Anker der deutschen Politik - auch mit Blick darauf, dass Friedrich Merz versucht, in Zusammenarbeit mit Emmanuel Macron und Keir Starmer den Wegfall der USA als Anker der großen transatlantischen Westbindung zu kompensieren, auch wenn es in Deutschland immer Kräfte gab und gibt, die sich in Richtung Russland orientieren. Adenauer ist bei der Westbindung im Übrigen immer zweigleisig gefahren:
Sicherheitspolitisch hat er sich Richtung USA orientiert, wirtschaftspolitisch viel stärker nach Frankreich und in Bezug auf die entstehende EWG.
Herfried Münkler, Politikwissenschaftler
Das französische Erbe ist das Bleibende. Die enge Verbindung mit den USA wird hingegen in diesem und im nächsten Jahrzehnt nur eine nachgeordnete Rolle spielen.
Das erste Treffen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor 67 Jahren: kein Staatsbesuch, sondern ganz privat. Es war die Geburtsstunde der deutsch-französischen Freundschaft.
14.09.2025 | 2:46 minZDFheute: Konrad Adenauer spielte ja auch eine zentrale Rolle bei der Erschaffung des Grundgesetzes. Und heute verlieren viele Deutsche das Vertrauen in die Demokratie. Wie bewerten Sie das?
Münkler: Adenauer war mit Blick auf die deutsche Geschichte, zumal die von 1933 bis 1945, durchaus skeptisch gegenüber der Präsenz überzeugter Demokraten in Deutschland. Er hatte ja den Untergang der Weimarer Republik intensiv miterlebt. Insofern hat er dort, wo er Einfluss auf die Formulierung des Grundgesetzes genommen hat, zweifelslos versucht, die Demokratie durch die Rechtsstaatlichkeit, also die Verfassungsstrukturen, abzusichern, die Leitplanken möglichst eng zu ziehen, um den Willen des Volkes auf diese Weise nicht beliebig vagabundieren zu lassen, wie das am Ende der Weimarer Republik der Fall war.
Er nennt sich "Bernkasteler Doctor", ist 72 Jahre alt, schlummert tief unter den Moselweinbergen in einem Stollen und ist der Wein, der 1955 mit dem Kanzler nach Russland reiste.
11.09.2025 | 2:48 minZDFheute: Heute erleben wir, wie diese Demokratie und vieles, wofür Adenauer stand, in Frage gestellt wird, es gibt zunehmend Renationalisierungstendenzen. Finden Sie es wichtig, vor diesem Hintergrund an ihn zu erinnern?
Münkler: Ja, es ist auch eine Erinnerung an die schwierigen Anfänge der Bundesrepublik, in der Adenauer die Leitplanken der Politik festgelegt hat. Er hat die Westbindung gegen viele Personen auch innerhalb seiner eigenen Partei durchgesetzt, die das nicht wollten, weil sie befürchteten, dass das Projekt Wiedervereinigung damit weit in den Hintergrund geschoben würde. Er hat die Auseinandersetzungen um diese Frage ja nicht nur mit den Sozialdemokraten geführt, die gesagt haben: Wiedervereinigung ist wichtiger als Westbindung. Adenauer hat die Akzente umgekehrt gesetzt, und ich glaube, das war im Nachhinein eine richtige und strategisch weitreichende Entscheidung.
Der erste Kanzler der Bundesrepublik wäre heute 150 Jahre alt geworden. Adenauer prägte den Weg West-Deutschlands in die NATO und an die Seite der USA.
05.01.2026 | 3:10 minZDFheute: Wie würde Adenauer denn selbst auf das Hier und Heute schauen, auf das Ende der gewohnten Weltordnung nach der sicherheitspolitischen Abkehr der USA von Europa?
Münkler: Vermutlich würde er sagen - das habe ich euch doch gleich gesagt, dass auf die USA auf Dauer nicht unbedingt Verlass ist, auch wenn er den Umstand nie thematisiert hat, dass er Frankreich beziehungsweise das mit der EWG geschaffene Kerneuropa höher gewichtet hat. Ich denke, das wäre in etwa seine Sicht, und er würde sich sehr bestätigt fühlen durch die aktuelle Entwicklung. Die Erfahrung als Zeitzeuge davon, dass sich die USA nach dem Ersten Weltkrieg aus Europa zurückgezogen haben, hat ihn in dieser Frage sehr viel skeptischer sein lassen, als es die Enkel und die Urenkel-Generation Adenauers bis vor Kurzem war.
Das Interview führte Anne Herzlieb.
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