Schutz gegen Atomwaffen: Europa könnte nicht nur auf Nato setzen

Interview

Nuklearer Schutzschirm:Wie Europa sich atomar schützen kann

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Russlands Bedrohung und Zweifel am Schutzversprechen der USA lassen Europas nukleare Abschreckung brüchig wirken. Welche Möglichkeiten Europa noch bleiben.

Aufnahme von Emmanuel Macron während einer Rede.

Frankreich ist in der Nato ein Land, das über Atomwaffen verfügt. Mit Russlands Bedrohung ist die Bedeutung von Atomwaffen weltweit wieder gestiegen.

Quelle: epa

Präsident Emmanuel Macron hält am 2. März eine Rede zu Frankreichs nuklearer Abschreckung und der Frage, ob diese auf andere Länder Europas ausgeweitet werden soll. Nicht alle Länder Europas halten das für eine gute Idee. Die Politikwissenschaftlerin und Verteidigungsexpertin Claudia Major erklärt, welche Bedeutung nukleare Abschreckung für Europa hat.

ZDFheute: Frau Major, warum ist nukleare Abschreckung so zentral für die Nato?

Claudia Major: Nukleare Abschreckung ist ein Kernelement der Nato. Die Idee von Abschreckung ist, dem Gegenüber zu signalisieren, dass die Kosten eines Angriffes viel höher wären als die Gewinne, die sich der Angreifer erhofft, und dass es sich daher nicht lohnt.

Abschreckung, wenn sie funktioniert, ist eine Kriegsverhinderungsstrategie, weil man dem Gegenüber signalisiert, dass sich ein Angriff nicht lohnt.

Kampfjet von Dassault Rafale mit einem französischen atomaren luftgestützten Marschflugkörper ASMPA (Mittelstrecken-Luft-Boden-Rakete).

Die USA sind für Europa unberechenbar geworden, auch bei der atomaren Abschreckung. Macron stellt nun den Schutz der Atommacht Frankreich in Aussicht. Wie sehr hilft das?

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ZDFheute: Wie funktioniert der nukleare Schutzschirm der Nato konkret?

Major: Im Rahmen der Nato wird diese Abschreckung auch durch die Atomwaffen der USA, Frankreichs und Großbritanniens bereitgestellt. Die nukleare Abschreckung in der Nato wird zum größten Teil von den USA bereitgestellt, von den strategischen Waffen in den USA und im Rahmen der nuklearen Teilhabe. Nukleare Teilhabe heißt, dass die USA taktische Atomwaffen in einzelnen europäischen Staaten lagern, wie beispielsweise in Deutschland.

Deutschland stellt ihnen die Infrastruktur wie Flugzeuge und Piloten bereit und im Einsatzfall entscheidet der US-Präsident und das Gastland, also Deutschland, über einen möglichen Einsatz und deutsche Flugzeuge würden diese Waffen dann austragen.

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Bedeutung von Atomwaffen steigt weltweit

ZDFheute: Warum keimt diese Debatte jetzt so auf?

Major: Der russische Angriff 2022 auf die Ukraine hat eine Epoche beendet. Nämlich die Annahme, dass die Bedeutung von Atomwaffen sinkt und dass wir Sicherheit mit weniger Atomwaffen bereitstellen können ‒ das hat sich als Illusion erwiesen, auch weil Russland zeigt, dass es bereit ist, anderen Ländern nuklear zu drohen.

Weltweit steigt die Bedeutung von Atomwaffen nun wieder. Zugleich befürchten die Europäer, dass die USA einfach kein verlässlicher Partner mehr sind und damit die ganze Abschreckung geschwächt ist. Die Europäer fürchten also eine Abschreckungslücke, durch die der Eindruck entstehen könnte, dass die Europäer sich nicht schützen können.

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Europa braucht neue Strategien

ZDFheute: Was folgt daraus für Europa?

Major: Die Europäer müssen über Alternativen zu den USA nachdenken, aber zugleich die USA so lange wie möglich im Boot zu halten. Denn alle Optionen, die gerade diskutiert werden, sind schlechter.

Deswegen erscheint es sinnvoll, drei Schritte zu kombinieren: Die nukleare Abschreckung der USA für Europa aufrecht zu erhalten, mit Frankreich und Großbritannien über ein europäisches Modell zu reden und die konventionellen Fähigkeiten, die man immer als Unterstützung der nuklearen Abschreckung braucht, weiterzuentwickeln.

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ZDFheute: Könnten Frankreich und Großbritannien die USA ersetzen?

Major: Bislang haben Frankreich und Großbritannien nicht die Ambition geäußert, die USA ersetzen zu wollen. Ein Umbau wäre zudem ein extrem langwieriger und schwieriger Prozess. Man müsse Doktrinen, Strukturen, Prozesse anpassen und die Glaubwürdigkeit eines neuen Systems sowohl in Europa als auch gegenüber den Gegnern wirklich verankern.

Worüber wir momentan reden, ist, wie Frankreich und Großbritannien langsam mehr Verantwortung übernehmen können, ohne den USA zu signalisieren, dass man sie nicht mehr braucht.

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"Idee von nationalen Atomwaffen gefährlich"

ZDFheute: Wie blicken Sie auf nationale Atomwaffen, etwa für Deutschland?

Major: Ich halte die Idee einer nationalen, ob jetzt deutschen, polnischen oder anderen Atomwaffe, für eine gefährliche, anti-europäische Fehlentscheidung. Es wäre de facto ein Ausscheiden aus der europäischen Solidarität. Für Deutschland bedeutete das der Bruch mit all den Grundregeln, die Deutschland in der Außenpolitik bislang lieb und teuer waren. Ein Verletzen des 2-plus-4-Vertrages, ein Verletzen all der Abrüstung und Rüstungskontrollpolitik, ein Austreten aus dem Nichtverbreitungsvertrag.

Zudem ist es eine Fehlannahme, zu glauben, man hat die Bombe, man hat dann Abschreckung, man hat dann Sicherheit. Abschreckung ist ein komplexes System.

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ZDFheute: Wie geht es in der Frage der nuklearen Abschreckung jetzt weiter?

Major: Es ist ein extrem schwieriges Thema, aber sich davon wegzuducken oder weiterhin diese strategischen Themen an die USA outzusourcen, das geht nicht mehr. Die Europäer müssen selbst aus einer europäischen Perspektive Abschreckung denken - und zugleich vermeiden, dass es zu einer Abschreckungslücke in ihrem nuklearen Schutzschirm kommt.

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Das Interview mit Claudia Major wurde von Isabelle Schaefers und Paul Schubert vom ZDF-Studio Brüssel geführt.

Über dieses Thema berichtete die Sendung Morgenmagazin am 02.03.2026 ab 5:40 Uhr und ab 7:20 Uhr.

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