Militär, Geheimdienst, Präsidialamt:Wie Selenskyj den Sicherheitsapparat der Ukraine umbaut
von Christian Mölling und András Rácz
Präsident Selenskyj hat wegen eines Korruptionsskandals mehrere Positionen in seiner Regierung neu besetzt. Der Umbau des Sicherheitsapparats könnte sich auf die Front auswirken.
Präsident Selenskyj hat den Militär- und Geheimdienstchef Budanow zu seinem neuen Stabschef ernannt. Er kündigte außerdem an, den Verteidigungsminister auswechseln zu wollen.
02.01.2026 | 0:47 minSeit dem im Sommer bekannt gewordenen Korruptionsskandal um Andrij Jermak, den langjährigen Leiter der Präsidialverwaltung der Ukraine, befindet sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer prekären Lage. Nach wochenlangem Zögern reichte Jermak am 28. November 2025 seinen Rücktritt ein. Seitdem steht die Frage im Raum, wer diese einflussreiche Position übernehmen wird.
In der Ukraine ist der Leiter der Präsidialverwaltung nicht nur ein Bürokrat oder Büroleiter. Der Inhaber dieser Position ist de facto die rechte Hand des Präsidenten in politischen und administrativen Angelegenheiten. Daher ist dies eine Position, die tiefes, dauerhaftes Vertrauen erfordert.
... ist Senior Advisor beim European Policy Centre. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.
Militärgeheimdienst-Chef Budanow folgt auf Jermak
Selenskyjs Wahl für diesen Posten fiel auf Kyrylo Budanow, den jungen und energischen Leiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes HUR. Budanow, der für seinen ironischen Humor und sein rätselhaftes Lächeln bekannt ist, ist nicht nur ein erfolgreicher, bewährter Kommandeur, sondern auch eine in der Ukraine sehr beliebte Persönlichkeit.
Seine Ernennung ist daher wahrscheinlich nicht nur Ausdruck des Vertrauens, das Selenskyj ihm entgegenbringt, sondern auch ein Versuch, den angeschlagenen Ruf der Präsidialverwaltung wiederherzustellen. Seine Ernennung bedeutet auch, dass der Einfluss der Sicherheitsdienste auf die Politik der Ukraine zunehmen wird.
Präsident Selenskyj will den Sicherheitsapparat des Landes neu aufstellen. Neuer Verteidigungsminister soll Mychajlo Fedorow werden, der sich mit dem Einsatz von Drohnen beschäftigt.
03.01.2026 | 0:25 minBudanow wurde an der Spitze des HUR durch Oleh Iwaschtschenko ersetzt, den ehemaligen Leiter des zivilen Auslandsgeheimdienstes der Ukraine. Es ist noch unklar, ob Iwaschtschenko nur ein vorübergehender Ersatz ist oder ob er den HUR für längere Zeit leiten wird.
Vizeregierungschef wird neuer Verteidigungsminister
Auch im Verteidigungsministerium gab es eine Veränderung. Rustem Umjerow wurde am 2. Januar ersetzt. Sein Nachfolger ist Mychajlo Fedorow, der erste stellvertretende Ministerpräsident. Der erst 34-jährige Fedorow hat sich bereits zwischen 2019 und 2023 als sehr effizienter und innovativer Minister für digitale Transformation einen Namen gemacht.
Als neuer Verteidigungsminister soll er die weitere Entwicklung der Drohnenkriegsführung - zu Lande, zu Wasser und in der Luft - vorantreiben und die Verteidigungsindustrie effizienter und flexibler bei der Versorgung der Front machen.
Ein schwerer russischer Luftangriff auf Kiew hat den Strom in tausenden Wohnblöcken lahmgelegt. Bürgermeister Klitschko rief die Bewohner auf, die Stadt vorübergehend zu verlassen.
09.01.2026 | 2:19 minUnklarheit über den Oberbefehlshaber
Seit Langem gibt es Gerüchte, dass Fedorow bereit sei, Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj zu ersetzen, da dieser ineffizient, unflexibel und zu sehr sowjetisch geprägt sei.
Bislang berichtete die ukrainische Presse, dass eine Ablösung Syrskyjs nicht auf der Tagesordnung stehe - tatsächlich würde eine solche jedoch sehr gut in das Programm zur Modernisierung der Regierung und des gesamten Verteidigungssektors passen.
Für einen Waffenstillstand und Frieden in der Ukraine müsse Deutschland seinen Anteil leisten, sagt Sicherheitsexperte Lange. Frieden gäbe es nur, "wenn wir selbst dafür sorgen".
08.01.2026 | 1:45 minKorruptionsvorwürfe: Chef des Inlandsgeheimdienstes tritt zurück
Auch beim SBU, dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst, gab es eine bedeutende Veränderung. Der Leiter des Dienstes, Wassyl Maljuk, ein symbolträchtiger Kommandeur und Vater der berühmten "Operation Spiderweb" - bei der es der Ukraine gelang, in einer komplexen Drohnenoperation fast ein Dutzend strategischer Bomber Russlands zu zerstören - reichte nach Rücksprache mit Selenskyj seinen Rücktritt ein.
Maljuk soll durch Vorwürfe einer möglichen Verwicklung in den Korruptionsskandal um Jermak in Verlegenheit gebracht worden sein. Er verlässt die SBU jedoch nicht, sondern wird künftig insbesondere für Tiefschlagoperationen zuständig sein.
Sein Nachfolger wird Generalmajor Jewgenij Chmara, ehemaliger Leiter des Sonderoperationszentrums "A", der als amtierender Direktor fungieren wird. Chmara und Maljuk sollen gute Beziehungen zueinander haben, sodass der Wechsel an der Spitze die Arbeit des SBU wahrscheinlich nicht wesentlich beeinträchtigen wird. Unterdessen wurde die Ablösung Maljuks in der gesamten Ukraine heftig kritisiert.
Kanadierin wird Wirtschaftsberaterin
Selenskyj stellte zudem eine neue Wirtschaftsberaterin ein. Die ehemalige stellvertretende Premierministerin Kanadas, Chrystia Freeland, wurde vom Präsidenten zur neuen Beraterin für wirtschaftliche Entwicklung ernannt.
Freeland, die zuvor als Sonderbeauftragte Kanadas für den Wiederaufbau der Ukraine tätig war, verfügt zwar eindeutig über fundierte Fachkenntnisse, doch in der Ukraine ist die Einstellung von Ausländern in hohe Regierungspositionen seit einigen umstrittenen Entscheidungen des ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko ein heikles Thema. Freelands Fachwissen und ihre Netzwerke haben Selenskyj jedoch davon überzeugt, diese möglichen Bedenken zu überwinden.
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