Krieg in der Ukraine: Wie eine Therapeutin Traumatisierten hilft

Interview

Ängste, Albträume und Alarmbereitschaft:Ukraine-Krieg: Wie eine Therapeutin Traumatisierten hilft

Marcel Burkhardt

von Marcel Burkhardt

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Leben im Ausnahmezustand: Hjördis Lorenz hilft Traumapatienten in der Ukraine. Sie erklärt, wie Gewalt, Verlust und Dauerstress die Menschen zermürben - und was ihnen Halt gibt.

Montage: FPV-Drohne vor zerstörten Gebäuden mit Feuer und Brandrauch sowie "frontal"-Reporter Arndt Ginzel auf der rechten Seite im Bild

Die Ukraine und Russland setzen zunehmend auf Flugroboter. Der Krieg mit Drohnen wird immer mehr zum Wettlauf - und für die Bevölkerung zum Alltag unter Dauerbeschuss.

19.02.2026 | 22:36 min

ZDFheute: Was hat der russische Angriffskrieg mit der psychischen Gesundheit der Menschen in der Ukraine gemacht?

Hjördis Lorenz: Selbst Menschen, die weit weg von der Front leben, sind regelmäßig der Gefahr durch Drohnen und Raketen ausgesetzt. Wir haben hier in Winnyzja südwestlich von Kiew oft Luftalarm - mal kurz, mal bis zu acht Stunden lang. Niemand ist sicher.

Viele Familien sind zudem aus dem umkämpften Osten geflohen und bringen ihre Erlebnisse von Verlust und Trauer mit. Deshalb sehen wir hier vor allem Traumafolgestörungen: posttraumatische Belastungsstörungen, Ängste, Albträume, Depression.

Eine Frau mit Blumen in der Hand gedenkt am 24. Februar 2026 an der Gedenkmauer den Gefallenen der Ukraine in Kiew, während die Ukraine den vierten Jahrestag des russischen Einmarsches erinnert.

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Für viele fühlt es sich so an, als seien sie ständig in Gefahr - jeden Moment könnte wieder etwas explodieren. Die Menschen sind dauerhaft in Alarmbereitschaft.

ZDFheute: Wie wirkt sich das psychologisch aus?

Lorenz: Die andauernde Bedrohung raubt den Menschen jede Ruhe. Wer sich nie sicher fühlt, lebt in ständiger Anspannung. Erinnerungen mischen sich mit aktueller Gefahr; das überfordert das Nervensystem.

Hjördis Lorenz ist für Ärzte ohne Grenzen als Traumatherapeutin in der Ukraine tätig.
Quelle: MSF

… ist klinische Psychologin und Traumatherapeutin. Seit fünf Monaten arbeitet die Deutsche für die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" in der ukrainischen Stadt Winnyzja.

In einigen Wochen kehrt Lorenz in ihren beruflichen Alltag zurück: In England forscht sie an der Universität Oxford zu Behandlungsmethoden für soziale Ängste und Traumafolgen und arbeitet zudem im spezialisierten Traumadienst des britischen Gesundheitsdienstes NHS.


Viele hier spüren deshalb tiefe körperliche und seelische Erschöpfung und eine um sich greifende Hoffnungslosigkeit.

Mehr als vier Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine auf der Flucht, viele benötigen psychologische Hilfe, um mit den Kriegstraumata fertig zu werden.

ZDFheute: Wie versuchen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen zu helfen?

Lorenz: Wir arbeiten in einer Trauma-Spezialklinik und versuchen als Ärzte ohne Grenzen die Lücken zu füllen, die das ukrainische Gesundheitssystem trotz enormer Anstrengungen nicht schließen kann.

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Wir behandeln Patientinnen und Patienten evidenzbasiert, aber wir gehen auch in Gemeinden, Unterkünfte für Vertriebene und Schulen, um Wissen zu vermitteln und Vorurteile abzubauen.

ZDFheute: Welche Vorurteile?

Lorenz: Psychische Erkrankungen gelten in der Ukraine verbreitet als persönliche Schwäche.

Das führt dazu, dass viele Menschen - vor allem Männer - Angst haben, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Es kommt immer wieder vor, dass Betroffene sich aufgrund der Vorurteile zurückziehen, schweigen, ihren Schmerz mit Alkohol betäuben und erst viel zu spät Unterstützung suchen.

Wir unterstützen deshalb auch die Familien ehemaliger Kriegsgefangener, damit sie verstehen, was ihre Angehörigen durchmachen - etwa nach Folter in russischer Gefangenschaft.

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ZDFheute: Wie können Sie Betroffenen klinisch helfen?

Lorenz: Es geht erstmal um eine Grundstabilisierung: Allein zu verstehen, was mit einem geschieht infolge eines absoluten Kontrollverlusts im Leben, schafft bereits enorme Erleichterung.

Viele leiden auch unter sogenannten Flashbacks.

Dabei verschwimmt die Gegenwart mit der Erinnerung. Körper und Nervensystem der Betroffenen reagieren dabei so, als wären sie wieder mitten im Krieg, obwohl sie tatsächlich ganz woanders sind. Wir vermitteln einfache Techniken, die Menschen ins Hier und Jetzt zurückholen.

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ZDFheute: Welche Techniken nutzen Sie dabei?

Lorenz: Das kann anfangen mit bewusster Atmung und Wahrnehmung - Sehen, Hören, Fühlen -, dass man dem Körper beibringt: Du bist gerade in Sicherheit, du hast die Kontrolle über die Situation, du bist nicht hilflos ausgeliefert. Diese Methoden helfen im akuten Notfall. Die eigentliche Traumaverarbeitung kann dagegen sehr lange dauern.

Selbst wenn der Krieg morgen enden würde, bleiben die psychologischen Wunden noch Jahre bestehen.

ZDFheute: Gibt es etwas, dass Sie in diesem extrem schwierigen Winter in der Ukraine überrascht hat?

Lorenz: Ja, der Umstand, wie stark Menschen trotz widrigster Umstände an Normalität festhalten - als Überlebensmechanismus. Trotz stundenlanger Alarme gehen alle morgens zur Arbeit, schicken ihre Kinder zur Schule. Abends trifft man sich in einem Café, spielt mit den Kindern draußen, geht auch mal auf ein Konzert, auf dem Spenden für Kriegsopfer gesammelt werden.

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Diese Beharrlichkeit im Alltag hat mich tief beeindruckt. Ich hätte mir auch nie vorstellen können, wie ruhig Menschen bleiben, wenn die Alarmsirenen schrillen oder wenn der Strom ausfällt, was hier jeden Tag unglaublich oft geschieht.

Gleichzeitig haben nur wenige Ukrainerinnen und Ukrainer Hoffnung in die Friedensgespräche mit Russland. Und diese Hoffnungslosigkeit zehrt extrem an ihren Kräften.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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Über das Leben in der Ukraine unter ständiger Bedrohung berichtete unter anderem die ZDF-Redatkion frontal am 19.02.2026 ab 06:00 Uhr.

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