Einblicke ins russische Innenleben:Wie Russen auf Krieg, Inflation und Zukunft blicken
von Joachim Bartz und Katja Belousova
Seit der russischen Invasion in der Ukraine ist es schwieriger geworden, mit Menschen in Russland zu sprechen. Frontal konnte dennoch mit 14 von ihnen über Alltag und Krieg reden.
Wie denken die Menschen in Russland über den Angriffskrieg in der Ukraine? Informationen aus Russland zu bekommen, ist schwer: Viele Russen haben Angst vor Repressionen - und sprechen nur anonym.
24.02.2026 | 9:40 minVier Jahre sind seit Russlands Invasion in die Ukraine vergangen. Und parallel zum Krieg schreitet seither auch die Abschottung russischer Bürger vom Ausland voran. Der Kreml sperrt und zensiert immer mehr unliebsame ausländische Internetseiten und Kommunikationskanäle, was den Austausch mit den Menschen im Land erschwert. "Sogar Werbung für VPN-Anbieter, die solche Sperren umgehen, wurde unter Strafe gestellt", berichtet der russische Oppositionspolitiker Andrej Moisejkin.
Mit seiner Hilfe ist es ZDF frontal gelungen, seltene Einblicke in das Innenleben Russlands zu bekommen. 2022 floh Moisejkin aus seiner Heimat nach Deutschland. Von hier hat er Freunde und Bekannte kontaktiert, die noch immer in Russland leben. Diejenigen, die angeben, unpolitisch zu sein, haben abgesagt. Doch 14 Menschen, die sich selbst als politisch bezeichnen, haben zugesagt.
ZDF frontal hat mit 14 Menschen aus Russland über ihre Situation gesprochen. Wie überzeugt man diese Menschen, mit westlichen Medien zu sprechen? Ein Einblick in die Recherche.
25.02.2026 | 10:23 minSituation in Russland hängt stark von Region ab
Sie waren bereit, unter Wahrung ihrer Anonymität mit ZDF frontal zu sprechen - über ihren subjektiven Blick auf den Alltag in Russland, die Situation im Supermarkt, ihre Sicht auf den Krieg und ihre Wünsche für die Zukunft.
Russland, Karte: Mit Menschen aus diesen russischen Städten konnte ZDF frontal sprechen
Quelle: ZDFWas schnell klar wird: Die Situation der Menschen hängt stark von der Region ab, in der sie leben. Eine Person aus dem Fernen Osten in Wladiwostok berichtet, im Alltag nur wenig vom Krieg mitzubekommen.
"Die Preise für Produkte ändern sich, aber ich würde nicht sagen, dass das einen signifikanten direkten Einfluss hat - zumindest nicht auf mein Leben oder das Leben der Menschen um mich herum", sagt er. Das liege auch daran, dass die Gehälter gestiegen seien: "Ich weiß natürlich, dass Krieg herrscht und es Tote auf beiden Seiten gibt. Wir sehen auf den Friedhöfen Soldaten-Gräber mit den Flaggen. Ich kenne Leute, die an der Front gefallen sind."
Aber das Kampfgebiet ist weit weg. Hier spüre ich keinerlei negative Stimmung. Im Gegenteil, die Mehrheit unterstützt den Krieg. Das Militär wird mit Respekt behandelt.
Person aus Wladiwostok
Russlands Wirtschaft spürt die Belastung durch hohe Staatsausgaben und Sanktionen. Der Unmut in der Wirtschaft wird größer und auch viele russische Bürger beschweren sich über gestiegene Preise.
11.02.2026 | 6:20 minInflation und Preissteigerungen beschäftigen Russen
Rund 4.500 Autokilometer westlich, im sibirischen Krasnojarsk, ist der Eindruck ein anderer: "Die Unterstützung für die militärische Spezialoperation sinkt. Sie war nie sehr hoch - eigentlich nur in der Propaganda. So etwas wie 'Hurra! Wir werden sie alle besiegen!’, das gab es hier überhaupt noch nicht."
Eine andere Person aus der Stadt beklagt sich über die spürbare Inflation im Land: "Vor allem die Preise sind stark gestiegen. Alles rund um Miete und Nebenkosten. Und natürlich sind auch die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr gestiegen."
Hier in Sibirien war die Wirtschaft lange stabil. Aber jetzt werden Wärme und Strom teurer. Obwohl wir nur 40 Kilometer von einem der größten Wasserkraftwerke der Welt entfernt leben! Eigentlich sollten wir lebenslang kostenlosen Strom haben!
Person aus Krasnojarsk
In Krasnojarsk würde das Internet meist noch sehr gut funktionieren, ergänzt diese Person - aber in St. Petersburg, im äußersten Westen des Landes, hätte sie Ausfälle erlebt.
Die Inflation trifft die Menschen in Russland hart, weitere Teuerungen werden prognostiziert. Viele kommen kaum noch über die Runden, doch der Kreml sagt, die Lage sei stabil und unter Kontrolle.
28.01.2026 | 2:10 minInternetausfälle vor allem im Westen des Landes
Diese Aussage deckt sich auch mit Berichten anderer Menschen im Westen Russlands. "Es gibt Momente, da ist das mobile Internet komplett offline. Dann funktioniert zum Beispiel in den Außenbezirken alles, aber im Zentrum gibt es keinen Empfang", sagt eine Person aus St. Petersburg. Jemand anders aus Sotschi ergänzt: "Manchmal ist es den ganzen Tag über weg, manchmal von 20 Uhr abends bis 8 Uhr morgens. Man kann die nötigen Apps nicht nutzen, Carsharing, aber auch Taxis sind ein Problem. Man kann nicht kommunizieren, man ist einfach hilflos."
Zurückzuführen sind diese Ausfälle auch auf Maßnahmen zur Drohnenabwehr, denn ohne mobiles Internet fällt Drohnen die Ortung schwerer: "Ich habe eigentlich keine Angst, aber jetzt schon. Durch die Drohnenangriffe und die Sirenen. Und die Appelle, sich in Sicherheit zu bringen. Es gibt plötzlich Schilder mit der Aufschrift 'Schutzraum'. Und es gibt Tote und Verletzte!", sagt die Person aus Sotschi und schickt ein Video, auf dem heulende Sirenen zu hören sind.
In Belgorod sorgen ukrainische Drohnen für Stromausfälle, und die Menschen leiden. Nicht nur im Grenzgebiet sind die Folgen zu spüren, fast vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs.
23.01.2026 | 4:26 minDrohnenangriffe und Warnmeldungen in russischen Städten
Auch aus Kasan und Samara berichten Menschen, dass sie Drohnenangriffe erlebt hätten. Über Drohnen-Warnungen berichten fast alle Menschen aus dem Westen Russlands, mit denen ZDF frontal sprechen konnte. Der Krieg ist für sie ganz realer Alltag geworden. Doch gegen ihn zu protestieren, kann gefährlich sein. Das ist den meisten Gesprächspersonen klar.
"Ich sehe, dass jemand etwas sagt und dafür zu 20 Jahren Haft verurteilt wird. Es werden Ärzte und Lehrer inhaftiert. Das macht mir große Sorgen", berichtet eine Person aus Kasan.
Außerdem werden immer mehr Menschen als 'ausländische Agenten' und viele Organisationen als 'unerwünscht' eingestuft. Menschenrechte und Meinungsfreiheit werden immer weiter eingeschränkt.
Person aus Kasan
In St. Petersburg wurde eine Straßenmusikerin verhaftet, die eine Menschenmenge dazu animierte, ein Putin-kritisches Lied zu singen. Es gab Folgeproteste, vor allem von der jungen Bevölkerung.
22.10.2025 | 5:40 min"Wenn man einen Chat oder eine kleine Community hat und eine Person darin als Extremist und Terrorist eingestuft wird, kann die gesamte Community eingestuft und alle Mitglieder des betreffenden Chats strafrechtlich verfolgt werden", erklärt Oppositionspolitiker Moisejkin: "Und dann gibt es noch die erhöhten Gefängnisstrafen und härtere Strafen für ausländische Agenten."
Ständig werden neue Gesetze verabschiedet, die ihnen beispielsweise die Kandidatur für öffentliche Ämter verbieten oder sogar ihr Eigentum beschlagnahmen.
Andrej Moisejkin, Oppositionspolitiker
Perspektivlosigkeit, Gleichgültigkeit - teilweise Angst
Solche Entwicklungen machen den Menschen im Land teilweise Angst, lassen sie teilweise aber auch abstumpfen. Viele Gesprächspartner berichten über Gefühle der Perspektivlosigkeit und Gleichgültigkeit. "Viele Menschen sind so unsicher, so überzeugt, dass nichts von ihnen abhängt, dass sie nichts beeinflussen können, dass es irgendwie schon immer so war", erzählt jemand aus der Stadt Tambov.
Von einer Situation des "totalitären Faschismus" will eine junge Person aus Barnaul mit Blick auf Russland nicht sprechen. "Aber es ist, nun ja, ein viel ärmeres Leben als früher, elender, müder."
Und wir leben mit dem Gefühl, dass alles allmählich stagniert, immer schlimmer wird und nichts Neues passiert.
Person aus Barnaul
Der Ukraine-Krieg wird für die Russen im Alltag langsam spürbarer: Kraftstoff wird knapper, Flüge fallen aus, das Internet ist regelmäßig gestört. Doch der Kreml tut so, als wäre alles bestens.
22.10.2025 | 6:13 minUnd eine Person, die in Moskau durch ihre Arbeit viel herumkommt und auf viele Menschen trifft, berichtet: "Ich habe zu Beginn der Invasion viele Aufkleber gesehen. Zuerst Antikriegsaufkleber in Eingängen, Aufzügen, an Laternenpfählen. Aber auch viele Pro-Kriegsaufkleber, 'Z'-Zeichen und so weiter. Die Leute haben damals also klar Stellung bezogen." Jetzt seien die Antikriegsaktivisten vertrieben oder aufgrund der aktuellen Repressionen zum Schweigen gebracht worden. Aber auch die Pro-Kriegsaktivisten würden sich nicht mehr so bemerkbar machen.
Mir scheint, dass eine allgemeine Apathie um sich gegriffen hat; die Leute wollen einfach nur, dass das alles aufhört.
Person aus Moskau
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