Zweiter Todestag von Alexej Nawalny:Russische Opposition: Im Land mundtot, im Exil zerstritten
von Sebastian Ehm
Zwei Jahre nach dem Tod des wichtigsten Oppositionellen Alexej Nawalny ist die Opposition in Russland mundtot. Im Exil sind die Verantwortlichen zerstrittener denn je.
Vor zwei Jahren starb der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny. In Russland und in anderen Ländern soll es Gedenkveranstaltungen geben.
16.02.2026 | 0:26 minAuch am heutigen Tag sind einige Mutige auf den Borissow-Friedhof in Moskau gekommen, um frische Blumen auf das Grab von Alexej Nawalny zu legen. Sie stellen sich in einer Reihe an, um des verstorbenen Oppositionellen zu gedenken. Viele haben rote Nelken dabei, wie es seit Sowjet-Zeiten Tradition ist. Doch es sind auch viele weiße und blaue Blumen zu sehen - teurer als Nelken und deswegen mehr Ehre für den Toten.
Auch Ljudmila Nawalnaja, die Mutter des Oppositionellen, ist wieder gekommen, um um ihren Sohn zu weinen, der vor zwei Jahren in der Strafkolonie "Polar Wolf" unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Am Wochenende hatten Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden und die Niederlande erklärt, Nawalny sei mit hoher Wahrscheinlichkeit vergiftet worden.
Russland weist das zwar erwartungsgemäß als Lüge zurück, doch der Kreml hat nach wie vor Respekt vor der Strahlkraft des verstorbenen Gegenspielers von Präsident Wladimir Putin.
Deutschland und vier weitere Länder werfen Russland vor, den Oppositionellen Alexej Nawalny 2024 in einem russischen Straflager vergiftet zu haben.
14.02.2026 | 1:59 minKreml macht Opposition in Russland mundtot
Am Eingang des Friedhofs hat sich, das kann man auf Telegram-Posts erkennen, die Nationalgarde postiert. Auch dieses Jahr soll das Gedenken an Nawalny unter Kontrolle gehalten und spontane Demonstrationen bereits im Keim erstickt werden.
Der Druck scheint zu funktionieren, es ist keine Massenveranstaltung wie noch bei der Beerdigung vor knapp zwei Jahren. Dafür haben die Menschen wohl zu viel Angst vor Repressionen, die ein offenes Zeigen von Unterstützung Nawalnys nach sich zieht. So ist Nawalnys Organisation in Russland mittlerweile eine terroristische Vereinigung, auf deren Mitgliedschaft bis zu 20 Jahre harte Lagerhaft stehen.
Die Opposition im Land ist keine wirkliche Gefahr mehr für Putin und den Kreml. Die Medien sind gleichgeschaltet. Vergangene Woche wurde sogar der populäre Messengerdienst Telegram gestört, um die Russen in den staatseigenen Chatkanal Max zu bringen. Der ist besser zu überwachen.
Der Kreml will Online-Inhalte weitgehender kontrollieren. Ein neues Gesetz enthält eine Liste sogenannter "extremistischer Inhalte" - darauf auch die Namen von Oppositionellen.
01.09.2025 | 1:39 minOpposition im Exil heillos zerstritten
Gerade weil die Opposition in Russland mundtot gemacht wurde, liegt ein besonderer Fokus auf den berühmten Exil-Oppositionellen. Doch das Problem hierbei ist: Die Putin-Gegner im Ausland sind heillos zerstritten.
Eine wichtige Gruppe um den Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski und den Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow hat das Anti-Kriegs-Komitee gegründet und versucht hauptsächlich aus dem Londoner Exil, gegen Putin vorzugehen. Doch außer scharfer Rhetorik bleibt ihnen nicht viel.
Beliebt bei den Jüngeren ist nach wie vor die Organisation von Nawalny, dessen ehemalige Mitstreiter ohne ihn weitermachen. Im litauischen Exil betreiben sie an einem geheimen Ort ein Studio, wo sie Social-Media-Videos aufnehmen und so weiter wie zu Zeiten Alexej Nawalnys versuchen, die Menschen in Russland über die Korruption im Land aufzuklären.
Nach Nawalnys Tod sucht die russische Opposition nach einer Strategie. Doch im Exil herrscht Streit, während Oppositionellen in Russland Repressionen drohen.
08.05.2025 | 29:51 minKeine Einigung in Sicht
Diese beiden Hauptgruppen werfen sich gegenseitig vor, die jeweilige Arbeit zu behindern oder selbst korrupt zu sein. Das Team Nawalny warf der Gruppe um Chodorkowski gar vor, hinter einem Angriff mit einem Hammer auf Nawalnys ehemaligen Staatschef Leonid Wolkow zu stecken. Die Fronten sind verhärtet.
Zuletzt wurde sogar der eigentlich als unabhängig geltende Ex-Strafgefangene und Oppositionelle Wladimir Kara-Mursa mit in den Konflikt gezogen, weil Chodorkowski von ihm Gefolgschaft verlangte und Kara-Mursa sich weigerte.
"Ich will nicht ins Gefängnis, hinter Gittern passiert nichts Gutes", sagt der russische Menschenrechtler Oleg Orlow. Er hat das "massenhafte Töten" in der Ukraine angeprangert.
25.02.2024 | 1:24 minJulija Nawalnaja enttäuscht Erwartungen
Manch einer hatte große Hoffnungen in die Witwe Nawalnys, Julija Nawalnaja, gesetzt, die auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2024 in einer denkwürdigen Rede angekündigt hatte, die Arbeit ihres Ehemanns fortzusetzen. Doch bisher hat sie wenig erreicht und wirkt, als würde sie die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen können. Die Strahlkraft ihres Mannes hat sie nicht, was aber im Exil auch schwerer zu erreichen ist.
Die russische Opposition im Jahr zwei nach dem Tod Alexej Nawalnys: im Exil zerstritten, im Land mundtot. Es gibt wenig Hoffnung auf Veränderung.
Sebastian Ehm ist Korrespondent für Russland, Zentralasien und den Kaukasus.
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