IT-Panne bei russischen Behörden:So grausam behandelt Russland seine eigenen Soldaten
von Sebastian Ehm
Durch eine IT-Panne werden Tausende Beschwerden russischer Soldaten und ihrer Angehörigen öffentlich. Sie zeigen ein grausames Bild der russischen Armee.
Hunderte Beschwerde-Briefe russischer Bürger sind durch eine IT-Panne an die Öffentlichkeit gelangt. Sie offenbaren den brutalen Umgang der russischen Armee mit ihren Soldaten.
28.01.2026 | 6:32 minDas Video zeigt einen russischen Soldaten, der mit Handschellen an einen Baum gefesselt ist. Irgendwo bei Kreminna nahe der Front im Donbass schaut Ilja Gorkow in die Kamera und sagt:
Wir sind jetzt den dritten Tag lang mit Handschellen an diesen Baum gefesselt. Ohne Essen, ohne Wasser, ohne Toilette.
Ilja Gorkow, russischer Soldat
Vier Tage war er am Ende an den Baum gefesselt. Gorkow hatte Glück. Erstens war Sommer und die Temperaturen dementsprechend erträglich und zweitens filmte ein Kamerad die Misshandlung und schickte sie an Gorkows Mutter. Die machte daraufhin in einem Telegram-Post den Behörden öffentlich schwere Vorwürfe. Ihr Sohn werde misshandelt und als Kanonenfutter eingesetzt.
Video rettet ihn vorläufig
Viele der angeschriebenen Behörden würden ihr gar nicht antworten und das Verteidigungsministerium glaube ihr nicht.
Das Verteidigungsministerium hat gesagt, dass ich Videos verschicke, die den Ruf der Einheit schädigen.
Mutter von Ilja Gorkow
"Es sei nicht bewiesen, dass es unser Soldat ist", sagt sie aufgebracht. Dass Gorkows Video öffentlich wird, rettet ihn vorläufig. Ein im Militär gut vernetzter Verwandter interveniert und Ilja Gorkow wird nach Hause geschickt.
135.000 junge Russen zwischen 18 und 30 Jahren müssen dieser Tage zum Wehrdienst. Es ist die bis dato größte russische Herbsteinberufung. Offiziell nicht für Kampfeinsätze, doch einige sorgen sich.
02.10.2025 | 2:22 minMisshandlungen haben System
Misshandlungen wie diese sind an der Front kein Einzelfall. Tausende Beschwerden sind bei der russischen Ombudsfrau für Menschenrechte eingegangen. In ihnen heißt es:
"Er führt jetzt Kampfaufträge aus, obwohl er seine Beine nicht spüren kann."
"Seine Kameraden schlugen ihn immer wieder und ließen ihn hilflos in einer Art Grube auf dem Gelände eines Schweinestalls zurück."
"Er kann nicht mal einen Löffel oder eine Gabel halten und jetzt wird er zurück zur militärischen Spezialoperation geschickt. HELFEN SIE UNS, DAS ZU LÖSEN."
Seit dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine intensiviert Moskau die Einflussnahme: Russlands Jugend wird im Klassenzimmer und außerhalb ideologisch auf Linie gebracht.
18.11.2025 | 3:11 minIT-Panne macht Briefe öffentlich
Diese Beschwerden sollten eigentlich nicht öffentlich werden. Angehörige oder Soldaten haben sie verfasst, um an ihrer Situation etwas zu verändern. Sie hatten nicht vor, das Regime oder den Krieg öffentlich zu kritisieren. Doch es gab wohl eine IT-Panne bei den russischen Behörden und plötzlich waren Zehntausende Briefe online einsehbar.
Der russische Journalist Maxim Kurnikow von der russischen Exil-Publikation Echo hat sie gesichert. Es sei mitnichten so, dass in Russland alles so rosig sei, wie oft von den Staatsmedien dargestellt. "Wenn man sich nun diesen Datensatz ansieht, erkennt man, wie hart dieser Krieg für Russland tatsächlich ist."
Der Verlust Russlands sei eher geostrategischer Struktur und weniger wirtschaftlich, sagt Militärökonom Dr. Marcus M. Keupp. Russland habe keine Handlungsspielräume.
15.01.2026 | 45:08 minKurnikow stellte seinen Datensatz der "New York Times" zur Verfügung. Korrespondent Paul Sonne und sein Team recherchierten monatelang dazu. Sie nahmen Kontakt zu den Soldaten und ihren Angehörigen auf und verifizierten viele der Beschwerden. Auch mit Ilja Gorkow und seiner Mutter konnten sie sprechen. Sonne sagt, dass es allein 6.000 Beschwerden darüber gab, wie Russland seine Soldaten im Krieg behandelt. Das ist ein gewaltiges Ausmaß. Im Dezember veröffentlichten sie das Ergebnis ihrer Recherche.
Diese Dokumente liefern uns die Aussagen von Soldaten in ihren eigenen Worten, was in ihren Einheiten passiert. Oftmals reichen sie dabei nicht nur Beschwerden ein, sondern legen auch Beweise vor, um diese zu untermauern.
Paul Sonne, Korrespondent New York Times
Eine Welt voller Brutalität
Die Recherche zeigt eine Welt voller Brutalität, in der ein Menschenleben nicht viel zu zählen scheint. Wer sich wehrt, bekommt ein Problem. Der Machtmissbrauch in der russischen Armee hat System, oft werden damit persönliche Rechnungen beglichen.
Das "New York Times"-Team fand Dutzende Beschwerden, die das Wort "obnulenja" enthielten. Das bedeutet so viel wie "jemanden auslöschen". In einigen Fällen, schildert Paul Sonne, hätten Kommandanten sich dazu entschlossen, ihre eigenen Soldaten umzubringen. Aus welchen Gründen auch immer.
Oleksandr Negir aus der Ukraine war zwei Jahre lang in russischer Gefangenschaft. Im Mai 2025 kam er frei. Noch immer ist er nicht der Mensch, der er einmal war.
16.01.2026 | 2:48 minKreml-Propaganda dominant
Der Kreml will davon nichts wissen und vor allem will er nichts davon veröffentlicht haben. Auf seinen Propaganda-Kanälen verbreitet er ein anderes Bild. Dort kämpfen russische Soldaten heldenhaft für das Vaterland.
In einer halbstündigen Dokumentation wird zum Beispiel Gavriil Doroschin gefeatured. Ein Soldat, der 2015 ganz unten angefangen habe und jetzt eine Drohnen-Einheit leiten soll. Sogar von Wladimir Putin wird er empfangen. Die Botschaft: In diesem Krieg kann jeder aufsteigen, jeder berühmt werden. Dass es für die allermeisten Soldaten anders läuft, bleibt unerwähnt.
Viele Russen setzen ihre Hoffnung darauf, dass in Abu Dhabi weiter über ein Ende des Krieges verhandelt wird. Auch Ilja Gorkow hofft darauf. Er ist wieder zuhause, hat sich Anwälte genommen und wartet auf ein Verfahren, das entscheiden soll, ob er wieder zurück an die Front muss.
Aktuelles zum Ukraine-Krieg finden Sie auch hier im Liveblog.
Sebastian Ehm berichtet als Korrespondent über Russland, Zentralasien und den Kaukasus.
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