Erstmals trilaterale Verhandlungen:Wie der Kreml auf das Abu-Dhabi-Treffen zur Ukraine blickt
von Felix Klauser
Von Zeitspiel keine Spur mehr? Auf das Treffen im Kreml folgen Verhandlungen in Abu Dhabi. Warum Putin dafür sein Verhandlungsteam verändert - und einen Geheimdienst-Chef schickt.
In Abu Dhabi werden Vertreter der Ukraine und Russlands unter Beteiligung der USA Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges besprechen. Der Anspruch auf den Donbass ist dabei eine Schlüsselfrage.
23.01.2026 | 0:27 minEines unterschied diesen neuerlichen Besuch Steve Witkoffs in Moskau gleich zu Beginn von den vorherigen: Weder gab es im Vorfeld ausgedehnte Spaziergänge über Moskauer Prachtboulevards, noch kulinarische Ausflüge in exquisite Sterne-Restaurants der russischen Hauptstadt. Stattdessen: "dawai", gleich zur Sache: Steve Witkoff und Jared Kushner fuhren am Donnerstagabend über eine hochgesicherte Protokollstrecke vom Flughafen direkt in den Kreml.
Die Eile könnte mit der späten Ankunft der beiden (22:30 Uhr Ortszeit) zusammenhängen - oder aber damit, dass in den vergangenen Tagen tatsächlich eine neue Dynamik in den Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine entstanden ist.
Eine Woche, drei Treffen: Davos, Moskau, Abu Dhabi
Nach dem US-russischen Treffen zwischen Kreml-Unterhändler Kirill Dmitrijew und Steve Witkoff in Davos, war die Unterredung zwischen Witkoff, Kushner und Wladimir Putin am Donnerstagabend bereits das zweite Treffen der Woche.
An diesem Freitag folgt das dritte, erstmals auch im trilateralen Format, gemeinsam mit ukrainischen Vertretern. Die Gespräche in Abu Dhabi haben begonnen, wie der Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate am Abend mitteilte. Sie sind für zwei Tage angesetzt.
Trump bestehe auf ein Treffen mit Russland und der Ukraine, sagt Politikwissenschaftler Nico Lange. Es würde jedoch dauern, bis man sich einig werde.
23.01.2026 | 3:34 minDas vielfach bemängelte Zeitspiel des Kreml ist damit, zumindest nach außen, nicht mehr erkennbar. Innerhalb einer Woche finden gleich mehrere Verhandlungsrunden statt.
Putin baut um: Russisches Verhandlungsteam verändert
Aufhorchen lässt, dass die russische Delegation in den Vereinigten Arabischen Emiraten überraschend nicht nur von Putins bisherigem Chefunterhändler Kirill Dmitrijew geleitet wird. Der Investmentbanker gehört zwar ebenfalls zur Kreml-Reisegruppe, wird allerdings vor allem bilaterale Wirtschaftsgespräche mit den USA führen.
Die trilateralen Gespräche sollen dagegen vom Chef des russischen Militärgeheimdienstes GRU geleitet werden. Admiral Igor Kostjukow ist öffentlich bislang kaum in Erscheinung getreten, kann allerdings eine durchaus beeindruckende Karriere im russischen Militär vorweisen. Zeitweise leitete er Russlands Militäroperation in Syrien - wohlgemerkt bevor Russlands Verbündeter Assad dort gestürzt wurde.
Am Donnerstag reiste der ukrainische Präsident Selenskyj nach Davos. Er habe die Bühne für klare Worte an die Nato genutzt, berichtet ZDF‑Reporter Henner Hebestreit aus Kiew.
23.01.2026 | 2:31 minVerhandlungsführer mit militärischer Expertise
Dass mit Kostjukow nun ein Geheimdienstchef mit militärischer Expertise an der Seite des Investmentbankers Kirill Dmitrijew platziert wird, kann durchaus als Signal des Kreml Richtung Washington verstanden werden. In Abu Dhabi sollen, laut Kremlberater Juri Uschakow, Fragen der "Sicherheit" erörtert werden - das dürfte sich unter anderem auf Sicherheitsgarantien beziehen, die neben der Ukraine auch Russland fordert.
Klar ist, dass der Kreml mit Kostjukow eine deutlich ernsthaftere Besetzung des Verhandlungsteams wählt, als noch während der 2025 stattgefunden Gespräche in Istanbul: Den damals entsandten Wladimir Medinski, der sich unter anderem mit der Geschichtsauffassung in russischen Schulbüchern beschäftigte, fassten viele Beobachter eher als Affront denn als Verhandler auf Augenhöhe auf.
US-Präsident Trump sprach nach seinem Gespräch mit Selenskyj in Davos von einem "sehr guten" Treffen. Die Botschaft an Russlands Präsidenten Putin laute, der Krieg müsse enden.
23.01.2026 | 2:32 minDurchbruch in Abui Dhabi? Zugeständnisse nicht erkennbar
Trotz alldem dürfte Skepsis mehr als angebracht sein darüber, ob Abu Dhabi wirklich einen Durchbruch in den Friedensverhandlungen erzielt. Auch wenn der US-Sondergesandte Witkoff noch in Davos davon sprach, dass nur noch "ein Problem" zu lösen sei.
Ob der Kreml das auch so sieht, bleibt sein Geheimnis. Zugeständnisse hinsichtlich der ausstehenden territorialen Fragen - also der von Russland beanspruchten Gebiete - sind bislang jedenfalls nicht erkennbar.
Putin: In USA eingefrorenes Vermögen für Wiederaufbau
Wladimir Putin zog es unter der Woche vor, in einem kurzfristig anberaumten Treffen seines nationalen Sicherheitsrats über das in den USA eingefrorene russische Vermögen zu sinnieren. Das (oder zumindest Teile davon) könnten, so der Kremlchef, für den Wiederaufbau der "zerstörten Gebiete" genutzt werden. "Zerstörte Gebiete" aber gibt es nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russlands Grenzregionen - und den von Russland besetzten Gebieten.
Das vermeintlich freundliche Angebot könnte sich also als Finte erweisen. Gut möglich, dass selbiges nicht nur für das in den USA lagernde russische Vermögen gilt, sondern auch für die Gespräche in Abu Dhabi.
Felix Klauser berichtet als Korrespondent über Russland, den Kaukasus und Zentralasien.
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