EU rügt ukrainischen Präsidenten:Diplomatische Entgleisung: Selenskyj droht Orban
von Christian von Rechenberg, Wien
Die Luft zwischen Kiew und Budapest wird immer dicker. Ungarische Behörden stoppen einen ukrainischen Geldtransport. Und Ukraines Präsident Selenskyj reagiert ungewöhnlich scharf.
Nachdem ein ukrainischer Geldtransporter in Budapest festgesetzt wurde, droht Selenskyi Orban mit dem Militär. Hintergrund des Konflikts: Blockierte Öllieferungen.
06.03.2026 | 2:24 minEs ist ein diplomatischer Krimi, der sich derzeit in Europa abspielt: Das nächste Kapitel schlug Ungarn heute auf. Behörden beschlagnahmten einen Geldtransporter aus der Ukraine. An Bord 40 Millionen Dollar, 35 Millionen Euro und neun Kilogramm Gold. Die Anti-Terror-Einheit TEK nahm sieben Begleiter der staatlichen ukrainischen Oschadbank vorübergehend fest. Der Vorwurf: Geldwäsche.
Florian Bieber, Politikwissenschaftler an der Universität Graz, vermutete einen anderen Grund für die Festnahme: Es scheine "ganz offensichtlich darum zu gehen, quasi ein Faustpfand zu haben, um auf die Ukraine mehr Druck auszuüben", sagte er.
Aus Kiew kamen weitaus schärfere Töne. Außenminister Andrij Sybiha sprach von einer "Geiselnahme" und einem "Diebstahl" ukrainischen Eigentums und bezeichnete das Vorgehen als "Staatsterrorismus und Schutzgelderpressung". Inzwischen wurden die Ukrainer freigelassen und konnten in ihre Heimat zurückkehren, wie Sybiha im Onlinedienst X am Freitagabend mitteilte.
Ungarn drohte im Februar damit, das 90 Milliarden Euro schwere Darlehen der EU für die Ukraine zu blockieren. Hintergrund ist ein Streit um Öllieferungen über die seit Januar unterbrochene Druschba-Pipeline.
21.02.2026 | 0:23 minStreit um Druschba-Pipeline erhöht Spannungen
Der Vorfall fällt in eine Phase wachsender Spannungen rund um die sogenannte Druschba-Pipeline, über die Ungarn und die Slowakei seit Jahrzehnten russisches Öl beziehen. Die Ukraine hatte den Transit nach einem russischen Angriff im Januar gestoppt und verweist auf schwere Schäden an der Infrastruktur.
Budapest hingegen wirft Kiew vor, die Reparatur aus politischen Gründen zu verzögern. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban blockiert daher ein EU-Hilfspaket über 90 Milliarden Euro für die Ukraine und fordert die rasche Wiederaufnahme der Öllieferungen. In einem Video kündigte er an, man werde die Ukraine "mit Gewalt" zur Reparatur zwingen - gemeint seien politische und finanzielle Mittel. Der Vorfall mit dem Geldtransporter passt laut Beobachtern also ins Bild.
Ungarn hatte die Abstimmung zu neuen Sanktionen gegen Russland und einem Hilfspaket für die Ukraine mit einem Veto blockiert. Isabelle Schaefers berichtet.
23.02.2026 | 1:04 minScharfe Reaktion vom ukrainischen Präsidenten
Und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte ungewöhnlich scharf. Er warf Orban vor, die Ukraine in einer existenziellen Lage zu sabotieren. Er hoffe, eine Person werde die EU-Hilfe nicht weiter blockieren, oder man werde "die Adresse einer bestimmten Person unseren Jungs weitergeben, auf dass sie ihn anrufen und mit ihm in ihrer Sprache reden".
Ungarn und die Ukraine drohen sich gegenseitig. Es geht um russische Öllieferungen, festgesetzte Geldtransporter und blockierte EU-Gelder. ZDFheute live analysiert.
06.03.2026 | 35:27 minFür Politikwissenschaftler Bieber eine ungeschickte, aber verständliche Reaktion, angesichts der Situation, in der sich die Ukraine befinde: Ohne das Geld aus Brüssel ist die Ukraine pleite, und ihr wichtigster Lieferant von Munition, die USA, verschießt am Golf gerade ihr Arsenal. "Also ich glaube nicht, dass das kalkuliert ist, sondern dass das eher auch eine emotionale Reaktion ist, darauf, dass Ungarn seine Machtposition missbraucht und mit Mitteln vorgeht, die innerhalb der Europäischen Union schwer nachzuvollziehen sind."
Orban unter Druck
Orban hingegen eskaliere den Konflikt mit Kalkül. Ihm droht bei den Parlamentswahlen am 12. April eine herbe Niederlage gegen Widersacher Peter Magyar von der nationalkonservatischen Tisza-Partei.
Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban will sich bei der anstehenden Parlamentswahl eine fünfte Amtszeit sichern. Nun stärkte ihm US-Außenminister Rubio in Budapest den Rücken.
16.02.2026 | 2:26 minUnd so hat Orban den Krieg in der Ukraine zum zentralen Wahlkampfthema auserkoren. Er schürt die Angst vor einer Ausweitung des Krieges auf EU-Gebiet, sendet teilweise KI-generierte Videos von apokalyptischen Zuständen und Schmäh-Plakate gegen hochrangige Brüssler EU-Politiker aus: Die Ukraine als existenzielles Problem bloßgestellt - die nun auch noch überlebenswichtiges Öl aus Russland zurückhalte.
Laut Bieber hat sich Selenskyj in diesem Kontext mit seiner jüngsten scharfen Attacke eher einen Bärendienst erwiesen - selbst wenn man unterstellte, dass es angesichts einer kraftlos wirkenden EU an der Zeit war, Orban mit zupackender Rhetorik zu begegnen: "Aus meiner Sicht glaube ich nicht, dass die Aussagen Selenskyjs wirklich für Orban einen Schaden bedeuten."
Es würden sehr stark russische Narrative verbreitet, sagt Politikwissenschaftlerin Ellen Bos. Die Negativpropaganda habe Wirkung gezeigt. Viele Ungarn folgten ihr dennoch nicht.
06.03.2026 | 18:15 minZurück zur Diplomatie?
Dass der Konflikt weiter eskaliert, glaubt Bieber indes nicht, dafür wären beide Politiker zu klug. Die EU müsse dennoch versuchen, beruhigend einzuwirken. Und zwar eher bei Selenskyj, als bei Orban - um dem die nächste Möglichkeit zu nehmen, sich als Opfer am Gängelband Brüssels zu inszenieren.
Ein wahrer Frieden lasse sich nur erreichen, wenn westliche Sicherheitsgarantien vorliegen, so der ukrainische Präsident Selenskyj im ZDF-Gespräch. Sehen Sie hier das Interview in voller Länge.
01.03.2026 | 48:26 minDie EU-Kommission von Ursula von der Leyen hat die Drohungen des ukrainischen Präsidenten gegen Ungarn zunächst scharf verurteilt. "Eine solche Wortwahl ist inakzeptabel. Es darf keine Drohungen gegen EU-Mitgliedstaaten geben", sagte ein Sprecher der Kommission in Brüssel.
Immerhin hat Selenskyj nun erstmals einen Termin für die Reparatur der Pipeline genannt: Innerhalb von anderthalb Monaten könne die Leitung wieder betriebsbereit sein - allerdings nur, wenn von Ungarn die EU-Mittel freigegeben würden.
Christian von Rechenberg ist Korrespondent im ZDF-Studio Wien. Er berichtet aus den Ländern Südost-Europas, unter anderem aus Ungarn.
Mehr zu Orban und Ungarn
Orban blockiert Ukraine-Politik der EU:Politiker fordern Entzug der Stimmrechte Ungarns im EU-Rat
mit Video1:04Treffen der EU-Außenminister:Ungarn blockiert Ukraine-Politik - Wadephul wirft Verrat vor
mit Video0:23Streit um Ölpipeline:Ungarn will Ukraine-Hilfen und Russland-Sanktionen blockieren
mit Video0:23- FAQ
Rede zur Lage der Nation im Wahlkampf:Orban unter Druck: Das Duell mit Magyar um Ungarns Zukunft
mit Video0:20