Die EU und Ungarn:Ungarns Blockade: Kann die EU Orban umgehen?
von Anna Pettini, ZDF-Studio Brüssel
Ungarn blockiert erneut EU-Sanktionen gegen Russland und 90 Milliarden Euro Ukraine-Hilfen. Zwei Vetos, die in Brüssel für Unmut sorgen. Wie kann die EU auf die Blockade reagieren?
Die EU-Außenminister beraten über ein neues Hilfspaket, das ausgefallene US-Hilfen kompensieren soll. Ungarn hat angekündigt, dagegen zu stimmen.
23.02.2026 | 1:36 minWieder zeigt sich das Problem konkret: Ungarn blockiert neue EU-Sanktionen gegen Russland. In der Außenpolitik gilt das Prinzip der Einstimmigkeit - jeder Mitgliedstaat muss zustimmen. So schreiben es die EU-Verträge vor.
Der Grund liegt in der Geschichte der Europäischen Union. Sie entstand als Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Ziel eines gemeinsamen Binnenmarkts; die Außenpolitik kam erst später hinzu. Die Verträge legen bis heute genau fest, wo Einstimmigkeit gilt - und wo Entscheidungen mit qualifizierter oder einfacher Mehrheit getroffen werden können. Die Einstimmigkeit existiert in den Bereichen, die für Mitgliedstaaten extrem sensibel sind - wie zum Beispiel die Außenpolitik. Da hat die EU auch theoretisch keine klare Kompetenz.
Warum ist Ungarns Stimmrecht ein Problem?
Blockiert ein einzelner Staat mit seiner Stimme, spricht man von einem Veto. Am Montag allerdings war es per se kein Veto, weil neben Ungarn auch die Slowakei gegen die Sanktionen stimmte.
Was in Brüssel für besonderen Unmut sorgt: Viktor Orban stellt sich immer wieder quer, oft aus Gründen nationaler Interessen. Somit blockiert er die ganze EU, mit dem gleichen Gewicht wie größere Länder. Ungarn hat unzählige Male Entscheidungen zur Ukraine blockiert. Jana Puglierin vom European Council on Foreign Relations erklärt:
Die EU zeigt, dass sie im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik kein handlungsfähiger Akteur ist, weil sie immer erpressbar ist durch das Veto von einigen Staaten.
Jana Puglierin, Politikwissenschaftlerin
Und weiter: "Aber die Europäer zusammen, die als 25 oder 26 agieren, die sind im Laufe dieses Krieges schon als Akteur sehr stark in den Vordergrund gerückt."
Ungarn hat die Abstimmung zu neuen Sanktionen gegen Russland und einem Hilfspaket für die Ukraine mit einem Veto blockiert. Isabelle Schaefers berichtet.
23.02.2026 | 1:04 minWie kann die EU Ungarn das Stimmrecht entziehen?
Der Entzug des Stimmrechts ist über Artikel 7 möglich, wenn ein Mitgliedstaat schwerwiegend und lang anhaltend gegen EU-Werte verstößt. Dann könnte Ungarn sein Stimmrecht vollständig verlieren. Doch um dieses Verfahren tatsächlich anzuwenden, braucht es - ausgerechnet - Einstimmigkeit im Rat (ohne den betroffenen Staat). Diese Mehrheit kommt derzeit nicht zustande.
Tatsächlich läuft wegen Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit bereits seit 2018 ein Artikel-7-Verfahren gegen Ungarn. Bis heute steckt das Verfahren weiterhin fest, weil die Mitgliedstaaten im Rat keine Fortschritte machen. Budapest kann auf die Unterstützung einzelner Verbündeter zählen - sei es damals Polen, jetzt die Slowakei oder andere.
Dazu erklärt Thu Nguyen, Co-Direktorin des Jacques Delors Centre: "Als Artikel 7 eingeführt wurde, rechnete niemand damit, dass das Verfahren tatsächlich gebraucht würde." Und weiter:
Regierungen zögern, einander zu sanktionieren: Der Entzug des Stimmrechts gilt als härteste Strafe der EU, und viele fürchten einen Präzedenzfall, der sie eines Tages selbst treffen könnte.
Thu Nguyen, Co-Direktorin des Jacques Delors Centre
Hat Viktor Orban mit seinen neuen Gesetzen den Bogen überspannt? Bereits im letzten Jahr drohte Ungarn der Entzug des Stimmrechts.
27.05.2025 | 2:25 minWarum wird die Einstimmigkeit nicht abgeschafft?
Die Abschaffung der Einstimmigkeit ist kaum einfacher. Sie wäre durch eine Vertragsänderung möglich, doch auch dafür müssten alle zustimmen. Genau darin liegt das Dilemma: Um die Einstimmigkeit abzuschaffen, braucht es Einstimmigkeit.
Außerdem würde dies sehr lange dauern, da ein Konvent einberufen werden müsste. Alle Parlamente der 27 EU-Länder müssen Vertragsänderungen ratifizieren - das könnte scheitern. Für viele Politiker gilt außerdem bisher: Es gibt Wichtigeres als die Verträge zu ändern. Hinzu kommt:
Es gibt in den Verträgen keine Möglichkeit, einen Mitgliedstaat rauszuschmeißen.
Thu Nguyen, Co-Direktorin des Jacques Delors Centre
Eine andere Option wäre, dass Ungarn aus der EU austritt. Das ist jedoch nicht möglich - nur das Mitglied selbst kann seinen Austritt beschließen, wie es Großbritannien getan hat. Die EU verfügt über keine wirklichen rechtlichen Mittel, um einen Staat auszuschließen.
Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban will sich bei der anstehenden Parlamentswahl eine fünfte Amtszeit sichern. Nun stärkte ihm US-Außenminister Rubio in Budapest den Rücken.
16.02.2026 | 2:26 minWarum ist dieses Problem mit Ungarn so deutlich geworden?
Die Frustration über Viktor Orban war in der EU schon lange vor dem Streit um die Sanktionen oder Ukraine-Hilfen groß. Erstmals wurden letztes Jahr sogar Schlussfolgerungen von 26 Mitgliedstaaten ohne Ungarn verabschiedet - ein Novum.
Mit der Blockade des 90-Milliarden-Euro-Pakets für die Ukraine erreicht der Konflikt jedoch eine neue Eskalationsstufe: Im Dezember hatte Orban zugesagt, das Paket nicht zu verhindern, auch wenn Ungarn sich nicht beteiligt. Dieses Versprechen zurückzunehmen gilt in Brüssel als schwerer Vertrauensbruch. "Ungarn versucht ständig die Unterstützung der Ukraine zu sabotieren, wann immer es eine Gelegenheit findet", so Puglierin.
Gleichzeitig agiert die EU vorsichtig - auch wegen der anstehenden Wahlen in Ungarn. Die Sorge: Zu harter Druck aus Brüssel könnte Orban in die Hände spielen und sein Narrativ stärken, die EU arbeite gegen Ungarn.
Bisher versucht die Europäische Union mit Orban zu verhandeln. Die Wahlen in Ungarn sind Mitte April. Das Ergebnis wird in Brüssel mit Spannung erwartet.
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