"Doppelgänger"-Kampagne :Desinformation aus Russland: Hacker enttarnt Netzwerk
von Marta Orosz, Christo Buschek und Hakan Tanriverdi
Seit Jahren schaut ein Hacker russischen Akteuren heimlich über die Schulter, während sie Desinformation verbreiten. Einblicke in eine Kampagne, vor der Behörden lange warnen.
Wer steckt hinter der "Doppelgänger"-Kampagne? Ein Hacker enttarnt Desinformations-Netzwerk.
12.02.2026 | 3:12 minHugo zieht sein Smartphone aus der Tasche und wedelt damit herum. Hugo heißt in Wahrheit anders. Um seine Identität zu schützen, trifft ihn ZDF frontal nicht an seinem Wohnort, sondern in Barcelona am Hafen. Während hier Touristen Fotos von der berühmten Seilbahn auf den Montjuïc schießen, schaut Hugo auf seinem Display nach, wer gerade versucht, Demokratien zu destabilisieren und Desinformation zu streuen - und zwar lange bevor es passiert.
Schon wenn sich jemand auf einer Reihe von Webseiten einloggt, die Falschinformationen verteilen, leuchtet sein Smartphone auf. Dann loggt sich oft auch Hugo dort ein - und ist der erste Außenstehende, der jene Geschichten liest, die vor allem dem Kreml gefallen sollen.
Hunderte Gigabyte entwendet
Einige Webseiten lassen sich von seriösen Nachrichtenportalen kaum unterscheiden. Andere tragen obskure Namen wie "Stolzfolk", "Östlicher Wind" oder "Kaputte Ampel" - sie geben vor, aus Deutschland zu stammen und für die angeblich schweigende Mehrheit zu sprechen. In Wahrheit, sagt Hugo, kommen sie aus Russland.
frontal inside blickt hinter die Recherche.
12.02.2026 | 10:33 minEr weiß das, sagt er, weil er diese und viele weitere Seiten gehackt hat und die Spuren, die er findet, eindeutig nach Russland führen. Über Monate hinweg schleuste er Hunderte Gigabyte interner Daten heraus. Fotos, Passwörter, Statistiken. Aus den Zahlen kann er ablesen, in welchen Momenten die Desinformation am besten zu wirken scheint. Nämlich immer dann, wenn es zu einer Krise kommt.
Seit Jahren warnen deutsche Behörden vor Desinformations-Kampagnen aus Russland. Eine dieser Kampagnen wird "Doppelgänger" genannt - dabei wurden 2022 auch bekannte Nachrichten-Webseiten geklont, sodass Besucher auf den ersten Blick dachten, Informationen des "Spiegel" oder der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen. Deswegen: Doppelgänger.
Es gibt Dutzende Berichte über die Kampagne, von Journalisten und IT-Sicherheitsfirmen, vom FBI und von Nichtregierungsorganisationen, und sie alle sind sich einig: Doppelgänger kommt aus Russland, anscheinend im Auftrag des Kremls.
Seitdem wurden Anklageschriften geschrieben und Firmen und Personen sanktioniert, die als Putins "Agenten der Einmischung" eine Rolle gespielt und operiert haben sollen. Und doch geht es weiter.
Falschinformation, Cyberattacken, Sabotage und Spionage: Die Bundesregierung wirft Russland hybride Angriffe gegen Deutschland vor. Im Dezember 2025 wurde der russische Botschafter einbestellt.
12.12.2025 | 2:24 minBesonderer Fokus auf Deutschland
Wie diese Kampagnen genau ablaufen, kann Hugo live sehen, als er kurze Zeit später seinen Rechner aufklappt, und das Login-Portal für "Östlicher Wind" aufruft und dort ein Passwort eingibt. Begibt er sich nicht in erhebliche Gefahr, als Anti-Kreml-Troll gegen übermächtige Gegner? "Das glaube ich nicht", sagt Hugo.
Offiziell hat Moskau mit den Seiten ja rein gar nichts zu tun. Würden sie gegen mich vorgehen, würden sie sich doch selbst schuldig bekennen.
"Hugo"
Der Artikel, den er öffnet, wird offenbar gerade geplant. "Offene Kritik am Bundeskanzler", lautet die Überschrift, das Urteil: Merz sei "ungebildet", niemand in Deutschland möge ihn, fraglich, ob er 2026 überhaupt noch Kanzler bleibe. Zwei Stunden später geht der Artikel dann tatsächlich online.
Im Artikel wird Jeffrey D. Sachs zitiert, ein amerikanischer Professor der renommierten Columbia University, der Deutschlands Haltung gegenüber Russland kritisiert. Dem Wissenschaftler sei daraufhin die Einreise nach Deutschland verboten worden. Darauf angesprochen sagt der Professor ZDF frontal: Das sei schlicht falsch.
Es ist selten, dass derart offen gelogen wird, öfter sind es Ungenauigkeiten und Verzerrungen, die Doppelgänger verbreitet. "Das ist eher Masse statt Klasse", sagt Lea Frühwirth vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas) mit Sitz in Berlin.
Die erwarten nicht, dass man sich durch einen gesehenen Beitrag um 180 Grad dreht und die eigene Meinung ändert, aber steter Tropfen höhlt den Stein.
Lea Frühwirth, Cemas
Der Hacker glaubt, dass die Auftraggeber der "Doppelgänger"-Kampagne einen größeren Spielraum sehen, die politische Meinung besonders in Deutschland und Frankreich zu beeinflussen. "Im Grunde geht es darum, die Menschen so zu konditionieren, dass sie so denken, wie es die russische Regierung wünscht", sagt Hugo im Gespräch mit ZDF frontal.
Die Daten, die ZDF frontal vorliegen, erlauben nun erste, tiefere Einblicke. Eine Hochphase der Aufrufzahlen fällt demnach auf den November 2024. Die Ampel-Koalition brach auseinander, die USA wählten Donald Trump ein zweites Mal. Die Macher der Doppelgänger-Seiten veröffentlichten in dem Zeitraum 49 Artikel, jeder dritte beschäftigte sich mit den USA, auf Deutsch, Englisch und Französisch.
Immer wieder gibt es Versuche Russlands, durch hybride Bedrohungen die politische Debatte auch in Deutschland zu beeinflussen, vor allem bei polarisierenden Themen.
12.09.2025 | 1:22 minDoch Artikel über die Situation in Deutschland waren fast doppelt so erfolgreich, was Leserzahlen angeht. Über 15.000 mal werden die insgesamt elf Artikel aufgerufen. Gemessen an der bloßen Reichweite liegen die Zahlen weit unter dem, was seriöse Nachrichtenportale erreichen.
"Ich finde das ziemlich amateurhaft", sagt der Hacker. Er habe ein paar Dutzend Fehler gefunden, sagt er, teilweise hätten die Macher hinter Doppelgänger private Daten auf jene Seiten hochgeladen, über die sie ihre Propaganda verbreiten. Einige ihrer Identitäten sind ZDF frontal bekannt, auch an welchen russischen Hochschulen sie studiert haben. Auf ZDF-Anfrage haben sie nicht reagiert.
Innenministerium hilflos - Hacker ließ Webseiten sperren
Umso weniger Verständnis hat er dafür, dass auf politischer Seite sowohl in Deutschland als auch in der EU zu wenig passiert. Die Desinformation bleibt online. Auf Nachfrage von ZDF frontal teilt das Bundesinnenministerium (BMI) mit:
Die Verbreitung von Desinformation ist in Deutschland grundsätzlich nicht strafbar.
Antwort des Bundesinnenministeriums
Aus diesem Grund forciere das Ministerium die Sperrung der Webseiten auch nicht.
Dabei sei das im Grunde einfach, erklärt der Hacker. Ihm sei es gelungen, solche Webseiten abschalten zu lassen, mit einer E-Mail an die Betreiber, auf deren Servern die Desinformation lief. Der Hacker machte sie auf die Inhalte aufmerksam - er sagt, danach waren die Seiten weg.
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