Krieg in der Ukraine: Schwerer Alltag in Saporischschja

Krieg in der Ukraine:Überleben in der Frontstadt: Schwerer Alltag in Saporischschja

ZDF-Reporter Henner Hebestreit aus der Ukraine mit ZDFR-Mikrofron in der Dunkelheit

von Henner Hebestreit

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Beinahe täglich wird Saporischschja in der Südukraine angegriffen. Die Familien, die geblieben sind, bestreiten seit Jahren ihren Alltag im Ausnahmezustand - besonders die Kinder.

Ein Feuerwehrmann läuft vor den zerstörten Häusern in der ukrainischen Stadt Saporischschja

In Saporischschja versuchen Familien, trotz Drohnenangriffen am Alltag festzuhalten, während Soldaten die Front sichern. Das nahe AKW bleibt ein großer Streitpunkt in Friedensverhandlungen.

11.02.2026 | 6:25 min

Wenn Wini den deutschen Luftabwehrpanzer Gepard in Stellung bringt, sind russische Drohnen im Anflug auf Saporischschja im Südosten der Ukraine.

"Ich will so viele abschießen wie möglich", sagt Wini, "damit in der Stadt keine Menschen zu Schaden kommen." Wini ist sein Kampfname, er gehört zur Luftabwehr-Truppe der Stadt.

Trotzdem dringen Geschosse durch die Luftverteidigung - vernagelte Fensterlöcher im Stadtbild sind Narben dieser Attacken mit Drohnen und Raketen.

Eine Jugend in Kriegszeiten

Aber die Menschen haben gelernt, damit umzugehen. So oft es geht, ist deshalb die 15-jährige Anna Wiznykowa mit Freunden oder der Familie draußen: Spaziergänge in den Parks wollen sie sich nicht nehmen lassen.

"Der Krieg hat mir wohl die Zeit gestohlen, die für mich am wichtigsten war," klagt Anna. Seit Beginn der Kämpfe sind viele ihrer Freunde weggezogen. "Ich vermisse sie mehr als alles andere." Sonst hat sie, was sie braucht, und will um keinen Preis der Welt die Stadt verlassen.

Hier bin ich geboren, und hier will ich hoffentlich in hohem Alter sterben.

Anna Wiznykowa

Russland will Saporischschja unbedingt einnehmen

Dafür nimmt die Jugendliche einen Alltag in Kauf, der sich schon mit Beginn der Corona-Pandemie über Nacht geändert hat. Dann kam der 24. Februar 2022, der Beginn der Vollinvasion Russlands in die Ukraine. Weil die Russen die bedeutende Industriestadt mit ehemals knapp 600.000 Einwohnern unbedingt erobern wollen, stehen sie hier unter Dauerfeuer.

Russischer Angriff auf Odessa

Bei russischen Angriffen auf die Ukraine sind nach Angaben der Behörden zwei Menschen getötet worden. Allein in der Region Saporischschja hätte Russland in 24 Stunden 655 Angriffe ausgeführt.

14.02.2026 | 0:21 min

Saporischschja ist für die Russen strategisch wichtig, um den Zugang zur besetzten Krim zu sichern. Europas größtes Kernkraftwerk, 50 Kilometer entfernt von der Stadt, haben Putins Truppen schon vor vier Jahren erobert.

Annas Eltern Wolodymyr und Iryna glauben nicht daran, dass die Russen Saporischschja einnehmen können. Deshalb bleiben sie mit ihren Kindern.

Kinder gehen im Untergrund in die Schule

Die ganze Stadt hat sich dem Krieg angepasst. Ihre Kinder verstecken sie im Untergrund: Neue Schulen wurden gebaut, der Unterricht unter die Erde verlegt, in Annas Gymnasium Nr. 94 bleiben die oberirdischen Klassenzimmer leer.

Hier unten lernt eine Generation, für die der Ausnahmezustand längst Alltag geworden ist - erst die Pandemie, jetzt vier Jahre Krieg, ständig Alarm, Tag und Nacht Explosionen, kaum Schlaf. Und die Klassenräume bestenfalls getrennt durch Vorhänge.

"Natürlich schmerzt es, zu sehen, unter welchen Bedingungen unsere Kinder jetzt lernen. Ihre Kindheit ist zerstört," erklärt Lehrerin Olena Kruhlyak.

Das wird nicht spurlos an den Kindern vorübergehen.

Olena Kruhlyak, Lehrerin

Ukrainischer Präsident Selenskyj bei der Sicherheitskonferenz in München

Russland habe seine Angriffswaffen während des Kriegs massiv weiterentwickelt, dementsprechend schnell brauche die Ukraine bei ihrer Verteidigung Hilfe von ihren Partnern, appelliert Selenskyj.

14.02.2026 | 36:00 min

Saporischschja: Nur wenige Stunden Strom am Tag

Und auch zu Hause bei Anna ist nichts, wie es war. Kochen können sie nur wenige Stunden am Tag, denn wegen Russlands Attacken auf die Energieversorgung ist Strom Mangelware.

"Wir müssen alles ganz schnell erledigen, wenn es kurz Strom gibt," beschreibt Annas Mutter Iryna die schwierige Situation. "Ich sage immer, die Kinder sind Kinder der Unterwelt."

Trotzdem fühlt sich Anna hier wohl, hat die Eltern bekniet, die Heimat nicht verlassen zu müssen. Die Erinnerung an die friedlichen Tage ihrer Kindheit aber verschwindet.

Menschen legen Blumen am Majdan Nesaleschnosti in Kiyv nieder.

Seit vier Jahren tobt der Krieg in der Ukraine. Jeder Versuch, Frieden oder wenigstens einen spürbaren Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine zu schließen, ist bislang gescheitert.

11.02.2026 | 30:24 min

"Irgendwie beginnt alles in letzter Zeit zu verblassen," beschreibt Anna ihre Eindrücke. Früher sei alles anders gewesen: Die Sonne habe anders geschienen, die Menschen seien anders drauf gewesen. "Etwas ist verschwunden, aber ich kann nicht verstehen was genau", sagt Anna. Sie ist überzeugt:

Aber es wird nie wieder so sein, wie es einmal war.

Anna Wiznykowa

Nachts träumt sie manchmal, dass der Krieg gewonnen sei, dass alles vorbei ist - aber wenn es draußen wieder kracht und die Luftabwehr gegen Russlands Raketen und Drohnen kämpft, flüchtet sie sich in den Flur. Dort muss sie darauf vertrauen, dass die Beschützer von der Luftverteidigung hellwach sind.

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Über dieses Thema berichtete das auslandsjournal am 11.02.2026 um 22:15 Uhr.
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