Dreitägiges Nuklearmanöver:Warum Russlands Atomübung keine Eskalation darstellt
von Christian Mölling und András Rácz
Das große russische Nuklearmanöver vom 19. bis 21. Mai kam plötzlich. Es ist aber eher eine Machtdemonstration als eine Eskalation. Dafür spricht auch Putins Besuch in China.
Ein russisches Atom-U-Boot während einer Militärübung (Archivbild)
Quelle: Russisches Verteidigungsministerium/AP/dpaAm 19. Mai kündigte das russische Verteidigungsministerium den plötzlichen Beginn einer dreitägigen Übung der Nuklearstreitkräfte des Landes an. Die Übung solle vom 19. bis zum 21. Mai dauern.
Test der Alarmbereitschaft der Nuklearstreitkräfte
Das grundlegende Szenario der Übung besteht darin, die Einsatzbereitschaft der russischen Nuklearstreitkräfte bei der Abwehr einer Aggression unter Einbeziehung der gesamten nuklearen Triade zu testen. Die umfasst die Nuklearraketen, den Einsatz auf dem Boden und auf U-Booten sowie die nuklearen Bomber. Nach offiziellen Angaben sind insgesamt rund 64.000 Soldaten an der Übung beteiligt, mit etwa 7.800 Fahrzeugen, darunter etwa 200 Raketenwerfer, 140 Kampfflugzeuge, 73 Überwasserschiffe und 13 U-Boote, von denen acht strategische Nuklearraketenträger sind.
... ist Senior Advisor beim European Policy Centre. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.
Eine solche Bereitschaftsübung mag zwar überraschend klingen, ist aber in Wirklichkeit nichts Neues. Russland führt regelmäßig ähnliche Überprüfungen der nuklearen Einsatzbereitschaft durch - die letzte große fand 2024 statt.
Die Ukraine hat Russland mit einer der größten Attacken seit Kriegsbeginn angegriffen. Auch Moskau wurde getroffen. Über 1.000 Drohnen wurden laut russischen Angaben abgefangen.
17.05.2026 | 2:33 minZusammensetzung lässt Rückschlüsse zu
Die teilnehmenden Streitkräfte setzen sich aus den Strategischen Raketentruppen, der Nord- und der Pazifikflotte, dem Kommando der Fernfliegerei sowie Einheiten aus dem Leningrader und dem Zentralen Militärbezirk zusammen.
Bemerkenswert ist die völlige Abwesenheit der westlichen und südlichen Militärbezirke sowie der Schwarzmeerflotte - offenbar macht es der Krieg in der Ukraine ihnen unmöglich, auch nur symbolische Kräfte für die Teilnahme an der Übung abzustellen. Dies gilt insbesondere für die Schwarzmeerflotte: Ihre verbleibenden großen, mit Raketen bestückten Überwasserschiffe und U-Boote sitzen im Hafen von Noworossijsk fest, den sie aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen nicht zu verlassen wagen.
Nach einem harten Winter kehrt in Kiew etwas Alltag zurück: mit Konzerten, Marathon und Menschen, die das Leben feiern. Doch neben diesem Aufbruch bleibt der Krieg stets präsent.
20.05.2026 | 6:50 minBelarussische Beteiligung
An der Übung sind auch Teile der belarussischen Streitkräfte beteiligt. Minsk übt offiziell den Einsatz taktischer Atomwaffen - was deshalb interessant ist, da die angeblich in Belarus stationierten taktischen Atomwaffen (deren Existenz nie unabhängig bestätigt wurde) Russland gehören, nicht Belarus.
Die Beteiligung von Belarus verdeutlicht somit auch, wie eng die belarussischen Streitkräfte mit denen Russlands verflochten sind, insbesondere im Hinblick auf einen Atomkrieg.
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Kultur der nuklearen Signale
Die plötzliche, groß angelegte Nuklearübung ist ein Element der traditionellen Kultur Russlands, mit nuklearen Signalen auf empfundene Bedrohungen zu reagieren. Sie stellt jedoch keine militärische Eskalation dar.
Der Kreml sah sich wahrscheinlich veranlasst, seine militärische Macht zu demonstrieren, nachdem am vergangenen Sonntag spektakuläre ukrainische Drohnenangriffe auf Moskau stattgefunden hatten. Die Signale richten sich wahrscheinlich auch an die Vereinigten Staaten und China, da die Übung nur wenige Tage nach dem Ende von Trumps China-Besuch begann.
Zwei Tage lang beraten Xi und Putin in Peking. Kurz vor seiner Ankunft pries Putin in einem Video das "grenzenlose Potenzial" der Partnerschaft zwischen den beiden Ländern.
19.05.2026 | 2:53 minPutin außer Landes
Der wichtigste Indikator dafür, dass die Übung lediglich eine nukleare Signalfunktion hat, aber keine unmittelbare nukleare Eskalation bedeutet, ist die Tatsache, dass Putin am 20. Mai selbst nach China gereist ist. Wäre die Übung der Beginn eines Kampfeinsatzes von Nuklearwaffen gegen die Ukraine und/oder gegen andere Ziele gewesen, wäre es äußerst unwahrscheinlich, dass sich der russische Präsident in dem Moment im Ausland aufhält.
Es gibt auch sekundäre Indikatoren dafür, dass die Übung keine Eskalation darstellt: Russlands Zivilschutzdienste sind nicht mobilisiert, ebenso wenig wie die Polizei und die Nationalgarde Rosgwardija. Auch die russischen Eliten verlassen das Land nicht. Insgesamt ist diese Nuklearübung eher ein Signal militärischer Stärke als ein Indikator für eine Eskalation.
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