Nach Einsturz von Carolabrücke:Experte: Brücken am Rande der Leistungsgrenze
von Julia Vonier
Nach dem Brückeneinsturz in Dresden stellt sich die Frage nach dem allgemeinen Zustand der Brücken in Deutschland. Ein Experte bilanziert: Sie sind in keinem erfreulichen Zustand.
Der Einsturz der Dresdner Carolabrücke in der Nacht hat nicht nur die Menschen in Sachsens Landeshauptstadt in Schrecken versetzt. Beruhigend ist das, was der Präsident der Bundesingenieurkammer Heinrich Bökamp allgemein über den Zustand der Brücken in Deutschland zu sagen hat, nicht gerade:
Es gibt eine ganze Reihe Patienten unter den Brücken, wo wir wissen, sie sind halt nicht in dem Zustand, wie sie sein sollten.
Heinrich Bökamp, Präsident Bundesingenieurkammer
Auch wenn Brücken - wie die in Dresden - in der Vergangenheit sicherlich mit bestem Wissen und Gewissen gebaut worden seien: Seit den 1970er Jahren zum Beispiel habe sich einfach viel geändert, erklärt Bökamp bei ZDFheute live.
Schwerlastverkehr und Lkw-Aufkommen nicht vorhersehbar
Der Verkehr sei seither deutlich stärker geworden. Den jetzt üblichen Schwerlastverkehr und den gestiegenen Lkw-Verkehr auf den Brücken, diese Belastung, die habe man beim Brückenbau seinerzeit sicherlich nicht in der jetzt üblichen Form erwartet.
Jede Lkw-Überfahrt tut der Brücke um ein Vielfaches mehr weh, als ein Pkw - und damit kommt man halt zu höheren Belastungen. Damit sind viele Brücken jetzt auch am Rande dessen, was sie leisten können.
Heinrich Bökamp, Präsident Bundesingenieurkammer
Alle drei Jahre werden Brücken in Deutschland von Experten überprüft. Die Ergebnisse würden genau dokumentiert, sodass Veränderungen leicht zu erkennen seien. Bökamp gibt aber zu bedenken:
Das ist ja auch nur eine Teillösung. Sie sehen der Brücke ja nicht an, wann sie knapp dran ist.
Heinrich Bökamp, Präsident Bundesingenieurkammer
Brücken am "besten überwachte Bauwerke"
Der Präsident der Bundesingenieurkammer vermutet, dass das auch für die Carolabrücke in Dresden galt. Die nächste Teilsanierung war dort ja bereits für 2025 vorgesehen. Ein Teil der Brücke war außerdem erst in diesem Jahr überarbeitet worden.
Das wird hier genauso gewesen sein, das knallt irgendwann und dann ist die Brücke halt weg.
Heinrich Bökamp, Präsident Bundesingenieurkammer
Ein Szenario, das kaum jemanden beruhigen kann. Auch wenn der Experte betont, dass Brücken eigentlich "zu den am besten überwachten Bauwerken, die wir haben", gehören. Dass die Situation der Brücken ein Risiko sei, das man vor sich herschiebe, das sei bereits sei vielen Jahren klar. Bislang habe man in der Bundesrepublik "sehr viel Glück gehabt" und meist rechtzeitig erkannt, wann eine Brücke zum Problemfall werden könnte und diese dann rechtzeitig gesperrt.
Experte: Katstrophen nicht ganz auszuschließen
Als Konsequenz aus Dresden nimmt der Fachmann an:
Man wird wohl in Zukunft das Maß noch etwas enger ziehen müssen, dass man Brücken versucht, noch früher zu sperren.
Heinrich Bökamp, Präsident Bundesingenieurkammer
Nach dem Teileinsturz der Carolabrücke in Dresden bleiben die noch stehenden Brückenteile bis auf Weiteres gesperrt. ZDF-Reporter Thomas Bärsch berichtet aus Dresden.
11.09.2024 | 1:11 minHundert Prozent auszuschließen seien Katastrophen nicht. Dresden sei ein klares Beispiel dafür, dass man jetzt wisse, dass einige Brücken in Deutschland an der Grenze seien. Bökamps Fazit: "Da müsste man dringend etwas tun." Allerdings fehle dafür das Personal und auch die finanziellen Mittel, um wieder vor das Problem zu kommen, deshalb laufe man der Problematik im Moment hinterher. Sein Rat:
Es muss zuerst ein Bewusstsein wachsen, dass man da ein Problem hat, das man nicht auf die lange Bank schieben kann.
Heinrich Bökamp, Präsident Bundesingenieurkammer
Er führt aus: "Das muss gerade auch in der Politik ankommen, dass gerade dieses Thema Sicherheit sich nicht als Sparziel eignet, sondern dass man da jetzt alle Ressourcen greifen muss, um möglichst kurzfristig an der einen oder andere Stelle tätig werden zu können."
Brückenproblem wohl noch jahrelang akut
Allzu viel Hoffnung, dass eine solche Erkenntnis für marode Brücken eine schnelle Sanierung bedeutet, will der Experte aber nicht schüren:
Man wird dieses Problem eh in den nächsten zehn Jahren nicht gelöst haben. Da wird man jetzt einige Jahre mit leben müssen. Nur alles, was jetzt bremst, bringt das Risiko nur noch mehr nach oben.
Heinrich Bökamp, Präsident Bundesingenieurkammer
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