Biodiversität im Harz: Warum tote Tiere im Wald belassen werden

Aas als Motor des Lebens:Warum im Harz tote Tiere liegen

Filmemacher Andreas Ewels auf der Preisverleihung auf dem Internationalen Greeen Festival in Krakau.

von Andreas Ewels

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Ein totes Reh im Wald erzählt mehr über die Natur, als man denkt. Im Nationalpark Harz wird der Kadaver zum Forschungsobjekt - und zeigt, wie lebendig der Tod sein kann.

Niedersachsen, Oderbrück: Abgestorbene Fichten stehen nahe dem Brockenfeldmoor bei Torfhaus im Harz.

Im Harz bleiben tote Tiere im Wald. Sie versorgen Luchs, Adler, Insekten und Pilze mit Nahrung und sichern so einen natürlichen Kreislauf, der die Artenvielfalt stärkt.

25.05.2026 | 1:18 min

Für viele Besucher sind tote Tiere im Wald ein irritierender Anblick. Für die Forschung ist es ein Fenster in einen Lebensraum, der sonst kaum sichtbar ist.

Denn an toter Biomasse zeigt sich der Kreislauf des Lebens wie in Zeitraffer: Was bei einem abgestorbenen Baum Jahrzehnte dauert, geschieht hier in wenigen Wochen. Wissenschaftler Andreas Marten betreut das sogenannte Aasprojekt im Harz.

Ein Wildtierkadaver ist ein wahrer Hotspot der Biodiversität.

Andreas Marten, Forscher im Aasprojekt Harz

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Aasprojekt Harz soll Artenvielfalt untersuchen

Das Aasprojekt Harz ist Teil eines bundesweit angelegten Projekts. Dessen Ziel ist es, erstmals vergleichbar zu untersuchen, wie Säugetiere, Vögel, Insekten, Pilze und Mikroorganismen Aas in verschiedenen Nationalparks nutzen - von den Alpen bis zur Küste. Das Projekt wird vom Bundesamt für Naturschutz gefördert und von der Universität Würzburg koordiniert.

"Wir wollen verstehen, wie komplex das Zusammenspiel all dieser Organismen ist und welche Bedeutung große tote Tiere für die Biodiversität in unseren Schutzgebieten haben", so Marten. Gerade in Schutzgebieten, die sich mit dem Prozessschutz verpflichtet haben, gänzlich auf menschliche Eingriffe zu verzichten, spiele der natürliche Tod eine größere Rolle als weithin angenommen.

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Forscher beobachten Artenvielfalt in Kadavernähe

Im Harz wurden dafür von 2023 bis 2025 jährlich mindestens acht Rehkadaver an unterschiedlichen Standorten ausgelegt und bis zur weitgehenden Zersetzung mit Wildkameras überwacht. Verwendet werden ausschließlich Tiere, die natürlich verendet oder bei Wildunfällen ums Leben gekommen sind.

Die Kameras dokumentieren, wer kommt - vor allem aber auch wann und wie lange. Allein im Harz wurden von den Wildkameras über 325.000 Bilder und über 15.500 Videos aufgenommen.

Von Füchsen, Luchsen und Wildschweinen über Raben bis zu Mardern und Greifvögeln und selbst Mäusen und Gartenschläfern reicht die Palette. 35 Tierarten wurden schon an den insgesamt 46 ausgelegten Kadavern beobachtet.

Man sieht auf den Bildern, wie sich eine Art nach der anderen einstellt. Jede hat ihre ökologische Nische.

Andreas Marten, Forscher im Aasprojekt Harz

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Im erweiterten Untersuchungsteil wird es noch genauer. Dort werden neben Wildkameras auch Insektenfallen aufgestellt, Bodenproben entnommen und Abstriche vom Aas genommen, um die mikrobielle Gemeinschaft molekularbiologisch zu bestimmen.

Warum Aas für die Natur unverzichtbar ist

Bei der nun schon drei Jahre lang laufenden Untersuchung konnten über 250 Käferarten an den Kadavern alleine im Harz festgestellt werden. An einem einzigen Reh- oder Rothirschkadaver können sich im Sommer zigtausende Fliegenmaden und Käferlarven entwickeln. Diese dienen anderen räuberischen Insekten oder Vögeln als Nahrung. Die schlüpfenden fertigen Fliegen und Käfer sind wiederum eine wichtige Beute für andere Vögel oder auch Fledermäuse.

Aas gehört in die Natur und ist ein wichtiger Bestandteil natürlicher Kreisläufe.

Andreas Marten, Forscher im Aasprojekt Harz

Für Marten ist das ein wichtiges Signal: "Wenn wir es entfernen, entziehen wir vielen Arten eine wichtige Lebensgrundlage und verringern damit die Artenvielfalt."

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Tote Tiere für Wanderer noch ungewohnte Begegnung

Viele Wandernde im Harz erwarten stille Wälder und Naturidylle - ein verendetes Wildtier überrasche sie daher oft und wirke im ersten Moment irritierend, erzählt der Forscher. Während abgestorbene Bäume längst als Teil des natürlichen Kreislaufs akzeptiert seien, gelte das für Tierkadaver noch nicht.

Viele empfänden sie als ungewohnt, obwohl sie ein zentraler Baustein des Ökosystems sind. Hier möchte das Aasprojekt für ein Umdenken, für Akzeptanz und Verständnis werben. Auch die Rückkehr großer Raubtiere wie Luchs und Wolf in die Schutzgebiete sorgt für eine bessere Verfügbarkeit großer toter Tiere im Ökosystem und leistet somit einen wichtigen, aber nicht gleich offensichtlichen Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt.

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Projektziel: Empfehlung für Umgang mit Aas in Nationalparks

Für Marten steht fest: "Das Aasprojekt hilft uns, Prozesse sichtbar zu machen, die normalerweise im Verborgenen ablaufen - und zeigt, wie wertvoll selbst das scheinbar Tote für ein gesundes Ökosystem ist." Am Ende der fünfjährigen Untersuchung sollen Empfehlungen entstehen, wie Nationalparks künftig mit toten Wildtieren umgehen sollten.

Andreas Ewels ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute in dem Beitrag "Die Rolle toter Tiere im Ökosystem" am 25.05.2026 um 06:57 Uhr.

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