Auswilderungsprojekte: Wildtiere sollen Biodiversität stärken

Interview

Auswilderung von Wisent, Luchs, Zebrahai:Warum die Rückkehr von Wildtieren so kompliziert ist

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Um Zebrahai, Luchs oder Feldgrille zu retten, werden die Tiere in teils spektakulären Aktionen ausgewildert. Das hilft, reicht aber alleine nicht, sagt Naturforscher Carsten Nowak.

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Ein Zebrahai schwimmt vor Thailands Küste eilends in die Freiheit davon, Wisente verlassen in großen Sätzen ihre Transportboxen und verlieren sich schnell in der Wildnis Aserbaidschans. Mit Auswilderungsaktionen wie diesen versuchen weltweit Naturschützer bedrohte oder ausgestorbene Tiere dahin zurückzubringen, wo sie einmal gelebt haben.

Es sind wichtige, wenn auch kleine Bausteine im Kampf gegen das Artensterben, erklärt Carsten Nowak vom Senckenberg-Zentrum für Wildtiergenetik im Interview. Nicht immer seien Auswilderungen aber erfolgreich - und sie alleine reichen nicht aus.

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ZDFheute: Warum brauchen wir solche Auswilderungs- oder Wiederansiedlungsprojekte?

Carsten Nowak: Solche Wiederansiedelungsprojekte sind wichtig, weil wir damit Arten wieder zurückbringen, die von selbst nicht wiederkommen, da sie nicht das Ausbreitungspotenzial haben. Trotzdem reicht es nicht alleine, Arten wieder anzusiedeln. Wir müssen die Lebensräume wieder besser machen, wir müssen weg von dieser intensiven Landnutzung.

Wir müssen der Natur wieder mehr Raum geben und dann kehren auch Arten wieder von selbst zurück.

Carsten Nowak, Senckenberg-Zentrum für Wildtiergenetik

Diese Wiederansiedelungsmaßnahmen, so spektakulär und öffentlichkeitswirksam sie oft sind, sind wirklich nur ein kleiner Baustein, aber durchaus ein wichtiger.

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ZDFheute: Es ist also nicht damit getan, möglichst viele Tiere einfach wieder auszusetzen. Wie erfolgreich sind solche Projekte denn überhaupt?

Dr. Carsten Nowak vom Senckenberg Zentrum für Wildtiergenetik
Quelle: privat

… ist Leiter des Senckenberg-Zentrums für Wildtiergenetik im hessischen Gelnhausen. Schwerpunkt der Forschung ist das Monitoring heimischer Tiere. Dazu zählen Biber, Feldhamster, Luchs, Wisent und Wolf. Beobachtet werden unter anderem die Größe von Beständen und Wanderungsbewegungen.


Nowak: Wir haben ganz tolle Erfolge mit Arten, die der Mensch mal aktiv ausgerottet hat, die er abgeschossen hat. Großraubtiere wie Luchse oder auch Biber und Fischotter. Wenn man die wieder aussetzt, finden sie meist gute Lebensraumbedingungen vor. Dann breiten die sich auch wieder aus, weil sie streng geschützt sind und nicht wieder abgeschossen werden dürfen.

Ein Hauptproblem ist, geeignete Tiere in ausreichender Anzahl zu erhalten, die sich auch wirklich in der Umgebung wohlfühlen. Viele sterben an Krankheiten, durch Zusfallsereignisse oder reproduzieren sich nicht erfolgreich. So kann eine kleine Population schnell wieder verschwinden.

Der Welttag des Artenschutzes (World Wildlife Day) wird jedes Jahr am 3. März begangen. Er weist auf die Bedeutung wildlebender Tier- und Pflanzenarten und die Notwendigkeit ihrer Erhaltung hin. Der Welttag erinnert an die Unterzeichnung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) im Jahr 1973. Nach Schätzung des Weltbiodiversitätsrats IPBES sind bis zu eine Million Arten vom Aussterben bedroht, viele davon bereits in den nächsten Jahrzehnten.


Die meisten Arten gehen aber zurück oder sterben aus, weil wir ihre Lebensräume zerstören. Und es ist schwierig, das wieder zurückzudrehen. Dann bringt es nichts, zehn, hundert oder tausend Tiere auszuwildern. Sie werden wieder eingehen, wenn ich nicht die Ökosysteme in den Zustand bringe, dass diese Arten auch wirklich überleben und sich erfolgreich fortpflanzen.

ZDFheute: Die Lebensräume müssen für die ausgewilderten Arten passen. Kommt es umgekehrt auch vor, dass ausgewildert wird, gerade, um Lebensräume wieder ins Gleichgewicht zu bringen?

Nowak: Ja. Viele Arten erfüllen sehr wichtige Ökosystemfunktionen. Ein gutes Beispiel sind große Pflanzenfresser wie Wisente - die letzten europäischen Wildrinder, die in freier Wildbahn einst komplett ausgestorben waren und die man seit etwa hundert Jahren wieder züchtet und an verschiedenen Stellen Europas, etwa im Kaukasus, in Rumänien, in Polen, wieder erfolgreich ausgewildert hat.

Sie tragen durch ihre Fraßtätigkeit dazu bei, zum Beispiel Wälder wieder etwas aufzulichten, Offenland zu erhalten. Davon profitieren viele Tier- und Pflanzenarten.

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ZDFheute: Wisente, Zebrahaie oder Luchse sind sozusagen die "Stars der Auswilderung". Auf sie schaut man gerne. Aber was ist mit unscheinbareren Arten wie die Feldgrille im Nordosten Deutschlands oder die Sumpfschildkröte am Rhein? Auch diese Tiere werden ausgewildert, bekommen aber längst nicht so viel Aufmerksamkeit.

Nowak: Uns Menschen interessieren die Großen, die Niedlichen, die Spektakulären, die Wale, die Tiger und so weiter. Und wir haben weitaus weniger im Blick oder es berührt uns auch weniger, wenn irgendein Insekt ausstirbt. Mittlerweile ändert sich das aber ein wenig.

Vielen Menschen ist bewusst, was Biodiversität bedeutet, wie wichtig beispielsweise Pilze im Waldökosystem sind und wie unerlässlich Insekten für die Naturkreisläufe sind.

Carsten Nowak, Senckenberg Zentrum für Wildtiergenetik

Und es gibt auch erfolgreiche Wiederansiedlungsprojekte für kleinere Tierarten. Aber insgesamt ist es natürlich so, dass uns das interessiert, was groß ist, was wir sehen, was spektakulär oder sogar potentiell gefährlich ist.

Das Interview führte Mark Hugo aus der ZDF-Umweltredaktion

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Über das Thema "Auswilderung und Artenschutz" berichtete das "Morgenmagazin" am 03.03.2026 ab 05:30 Uhr.

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