Von "Timmy" bis zum Walfall:Was passiert, wenn ein Wal stirbt?
von Anna Vezirgenidi
Der Buckelwal "Timmy" vor Wismar hat laut Experten kaum noch Überlebenschancen, Rettungsversuche wurden eingestellt. Was passiert mit ihm und wie stirbt ein Wal in der Tiefsee?
Es gebe keine Aktivität, die Anlass zur Hoffnung gäbe. "Der Ansatz der maximalen Ruhe und der Respekt vor der Natur gebieten es, ihn gehen zu lassen", sagt Meeresmuseumsdirektor Burkard Baschek.
01.04.2026 | 35:45 minDer vor der Ostseeküste liegende Buckelwal "Timmy" bewegt sich kaum noch. Nach Angaben des Umweltministeriums in Mecklenburg-Vorpommern atmete das Tier am Mittwochmorgen etwa alle fünf Minuten. Experten sprechen von einem "sehr weit fortgeschrittenen Schwächezustand", der auf ein mögliches Verenden hindeutet.
Wal soll ins Deutsche Meeresmuseum nach Stralsund
Sollte der Wal sterben, steht bereits fest, wie mit dem Kadaver umgegangen wird: Er soll ins Deutsche Meeresmuseum nach Stralsund gebracht und dort umfassend untersucht werden. Das Deutsche Meeresmuseum teilte gegenüber ZDFheute mit, dass der Walkörper nach dem Transport zur Insel Dänholm gemeinsam mit externen Expert*innen obduziert und umfassend dokumentiert werden soll.
Organe und Gewebe werden vermessen, gewogen und beprobt, um mögliche Krankheiten und die Todesursache zu bestimmen. Die entnommenen Proben sollen langfristig für die Wissenschaft gesichert werden. Ein Großteil des Körpers werde von einer spezialisierten Firma entsorgt, das Skelett könnte laut Museum in die wissenschaftliche Sammlung der Universität Rostock übernommen werden, ein Angebot werde dort derzeit geprüft.
Die Rettungsversuche für den Wal in der Ostsee werden eingestellt. "Die Experten sind zu dem Schluss gekommen, dass die Grenzen der Unterstützung erreicht sind", sagt ZDF-Reporterin Stadtfeld.
01.04.2026 | 6:42 minWas passiert, wenn ein Wal stirbt?
Der Wal ist ein Säugetier, "der Sterbeprozess ist deswegen nicht anders als bei uns Menschen", erklärt Tamara Narganes Homfeldt, Meeresbiologin mit dem Schwerpunkt Cetologie von der Organisation Whale and Dolphin Conservation (WDC). "Für die Natur ist es am allerschönsten, wenn ein sogenannter Walfall passiert", sagt die Meeresbiologin. Sinkt ein Wal in tiefere Gewässer, beginne laut Homfeldt ein mehrstufiger Prozess:
"Wenn ein Wal nicht mehr die nötige Energie hat, um an die Meereoberfläche zu gelangen, kann er auch nicht mehr atmen", erklärt Homfeldt. Im offenen Meer versinkt der Kadaver je nach Art und Gewebe früher oder später. Erreicht er die Tiefsee, befindet er sich in einem nährstoffarmen Meeresraum. Der Kadaver habe hingegen viele Nährstoffe, so Homfeldt.
Man kann sich den Kadaver wie ein Schlaraffenland oder ein Festmahl für die Tiefsee vorstellen.
Tamara Narganes Homfeldt, Meeresbiologin
Große Wale können riesige Mengen Kohlenstoffdioxid speichern. Und: Die Meeresgiganten fördern durch ihre Lebensweise den Nährstoff- und Kohlenstoffkreislauf in den Ozeanen.
01.04.2026 | 1:04 minWer kann sich am Kadaver ernähren?
Wie lange der Prozess der Zersetzung andauere, könne man schwer festlegen, das hänge von der Größe des Tiers ab und davon, wer sich davon ernähre. Fett werde meist innerhalb von Monaten bis wenigen Jahren abgebaut, Knochen könnten jedoch Jahrzehnte weiterhin bestehen bleiben.
Von Fischen bis Bakterien könne sich alles am Kadaver ernähren, was in der Tiefsee schwimme, so Narganes Homfeldt. "Man ist immer gewöhnt, Brot zu essen, und plötzlich hat man ein ganzes Buffet", beschreibt die Meeresbiologin den positiven Effekt auf das Ökosystem der Tiefsee. Er sei wie "eine Bombe an Nährstoffen, die unerwartet kommt".
In einer Bucht der Ostsee-Insel Poel steckte der Buckelwal am Dienstagnachmittag wieder fest. Die Versuche der Polizei und Tierschützer, den Wal zurückzuleiten, waren vergeblich
31.03.2026 | 0:22 minWarum "Timmy" kein Walfall wird
Im Fall "Timmy" ist ein Walfall jedoch nicht zu erwarten. Homfeldt erklärt: Das Tier treibe bereits in Küstennähe, würde es nicht geborgen, würde es vermutlich durch die Brandung an Land getrieben. Ein klassischer Walfall wie in tieferen Gewässern könne vor der Ostseeküste nicht entstehen.
Die geplante Autopsie könnte laut Homfeldt dennoch wertvolle Erkenntnisse liefern: "Hier macht es aufgrund der Situation der Haut Sinn zu schauen, welche Infektionen und Bakterien der Wal hat."
Nach derzeitigem Kenntnisstand sind auch Fischernetzteile in seinem Maul. Hier könnte man untersuchen, wo es Verletzungen im Rachen oder im Verdauungstrakt gibt.
Tamara Narganes Homfeldt, Meeresbiologin
Zudem könnte der Mageninhalt Aufschluss über die Route des Wals geben, sagt Homfeldt, und erklärt: "Buckelwale kommen aus den Wintermonaten aus südlichen Gewässern, beispielsweise um die Kapverden, und bewegen sich Richtung Norden zurück". In den Südgewässern gebe es nicht viel Essen, so Narganes Homfeldt, und die Ostsee könnte eine erste Möglichkeit der Nahrungsaufnahme für die Tiere sein: "Es kann also sein, dass er einem Fischschwarm hinterher geschwommen ist".
Über die letzte Woche hielten die Eskapaden des Buckelwals “Timmy“, der mehrfach am Timmendorfer Strand auflief, das Land in Atem – nun ist der Ozeanriese frei. Sven Rieken berichtet live aus Wismar.
31.03.2026 | 2:50 minWas der Mageninhalt des Wals verraten kann
Aus biologischer Sicht sei es interessant, die Vorgeschichte der letzten Monate zu klären, erklärt die Meeresbiologin. Fischreste im Magen könnten beispielsweise zeigen, dass Wale möglicherweise Abstecher in die Ostsee vor ihrer Rückreise in den Norden machen.
"Timmy bleibt ein Individualfall", betont Homfeldt. Gleichzeitig sei es "leider nicht selten, dass sich Wale in Netzen verheddern und dadurch sterben". Solche Fälle zeigen, wie wichtig strengere Fischereiregulierungen, alternative Fangmethoden und der Schutz von Meeresschutzgebieten weiterhin seien, ergänzt die Meeresbiologin.
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