Ex-Präsident Sepp Blatter rechnet ab:"Die FIFA ist keine respektable Organisation mehr"
Joseph Blatter wirkt, als sei er noch lange nicht fertig. Der 90-Jährige rechnet mit seinem alten Arbeitgeber ab: dem Weltfußballverband FIFA. Dabei kennt er keine Zurückhaltung.
Countdown für das Fußball-Highlight des Jahres: die WM 2026. Die größte Weltmeisterschaft ever. Und obendrein noch nachhaltig. So die FIFA.
10.05.2026 | 43:52 minDas ZDF trifft Joseph "Sepp" Blatter für die Doku "FIFA WM 2026: Grün ist hier nur der Rasen" zum Interview in Zürich, in einem seiner Lieblingsrestaurants. Von dort aus hat man einen weiten Blick über die Stadt, es liegt nicht weit entfernt von jener Adresse, an der Blatter einst die Geschicke des Weltfußballs über den Verband Fédération Internationale de Football Association (FIFA) lenkte.
Der frühere Präsident der FIFA ist 90 Jahre alt. Das Alter ist sichtbar, in den Bewegungen, im Gesicht. Und doch sitzt da einer, der immer noch genau beobachtet, zuhört, einordnet. Der gleichzeitig keinen Zweifel daran lässt, dass er sich weiterhin für relevant hält und nach wie vor bestens vernetzt ist - auch zehn Jahre nach seinem Abgang.
Vieles habe sich verändert beim Weltverband, sagt er. Zum Besseren allerdings nicht.
Die FIFA ist eine große finanzielle Maschinerie geworden, die sich nicht mehr um die Essenz des Spiels kümmert.
Joseph "Sepp" Blatter, ehemaliger Präsident des Weltfußballverbands FIFA
Joseph "Sepp" Blatter: Ehemaliger FIFA-Chef
Sepp Blatter ist ein schweizerischer Fußballfunktionär und ehemaliger Präsident des Weltfußballverbands FIFA. Blatter führte die FIFA etwa 18 Jahre lang - von 1998 bis 2016 - und wurde fünfmal im Amt bestätigt. Blatter kündigte 2015 seinen Rücktritt an, blieb jedoch noch bis zur Wahl eines Nachfolgers 2016 im Amt.
Unter seiner Führung wuchs der Verband: Der Fußball wurde globaler und die Weltmeisterschaften größer und stärker vermarktet. Gleichzeitig geriet die FIFA in seiner Amtszeit immer wieder wegen mangelnder Transparenz und Korruptionsvorwürfen in die Kritik.
Das Ende von Blatters Amtszeit war von Korruptionsaffären und Ermittlungen überschattet. 2015 geriet die FIFA durch internationale Untersuchungen wegen mutmaßlicher Korruption in eine schwere Krise. Kurz nach seiner Wiederwahl kündigte Blatter seinen Rücktritt als FIFA-Präsident an. Im selben Jahr sperrte ihn die FIFA-Ethikkommission wegen einer umstrittenen Zahlung an den früheren UEFA-Präsidenten Michel Platini.
Auch die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelte gegen Blatter. 2022 wurden Blatter und Platini in einem Strafprozess vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona vom Vorwurf des Betrugs und der ungetreuen Geschäftsbesorgung freigesprochen. 2025 bestätigte ein Berufungsgericht den Freispruch. In Blatters Amtszeit fällt die hochumstrittene Vergabe der WM 2022 an Katar.
Blatter: Umstrittene Fußball-Persönlichkeit
Dabei war es Blatter, der mit Fernsehrechten, Sponsoren und Vermarktung dem großen Geld Tür und Tor öffnete. Der den Fußball globalisierte und kommerzialisierte. Sein Vorgänger João Havelange habe ihm einst attestiert, er habe ein "Monstrum" geschaffen. Ein wirtschaftliches. Blatter widerspricht dem nicht. Aber er verschiebt die Perspektive.
Geld, so seine Lesart, sei immer nur Mittel zum Zweck gewesen. Heute hingegen sei es zum Selbstzweck geworden.
Es geht nur noch ums Geld und nicht mehr um das Spiel. Von der FIFA, wie sie ist, bin ich enttäuscht.
Joseph "Sepp" Blatter, ehemaliger FIFA-Präsident
Aus Enttäuschung wird bei ihm rasch Verärgerung, besonders wenn es um die Zukunft des Turniers geht, das er wie kaum ein anderer geprägt hat: die Fußball-Weltmeisterschaft.
Vor der WM 2006 stand der deutsche Fußball am Abgrund. Die Revolution von Trainer Jürgen Klinsmann wankte - bis sein junges Team das Land elektrisierte. Die ZDF-Doku zeigt die unerzählte Vorgeschichte und Emotionen hautnah.
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2026 nehmen erstmals 48 Mannschaften teil, "praktisch ein Viertel der FIFA". Und erstmals wird über drei Länder gespielt. Die Konsequenz: weite Wege und ein Tross aus Spielern, Betreuern, Funktionären, Fans und Medien, der sich über den Kontinent schiebt. Für Blatter ist das vor allem eines: ein Symbol.
"Diese WM, die jetzt da kommt, da schert sich niemand um Nachhaltigkeit." Und dann fügt er hinzu: "Wenn ich noch da wäre, wäre das nicht passiert."
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12.03.2026 | 43:30 minUnter Blatter wurden erstmals in der Geschichte der FIFA Nachhaltigkeitsversprechen formuliert. Er sagt selbst, er habe das aus Pragmatismus und nicht aus Liebe zur Umwelt gemacht:
Ich war immer der Fußballer, ich war nicht ein Verfechter von Nachhaltigkeit.
Joseph "Sepp" Blatter, ehemaliger FIFA-Präsident
Ein Satz, der viel über sein Selbstbild verrät. Nachhaltigkeit als unliebsames Erfordernis: Eine zu warme Erde schadet dem Fußball - und was dem Fußball schadet, schadet auch der FIFA. Viel komplizierter müsse es aus Blatters Sicht nicht sein.
Umso größer sein Unverständnis, was daraus geworden ist: "Wenn ich sehe, wie die WM und andere Wettbewerbe organisiert werden, hat das mit Nachhaltigkeit nichts mehr zu tun."
"Die nachhaltigste aller Zeiten war es sicher nicht", so Barbara Metz von der Deutschen Umwelthilfe über die Fußball-Europameisterschaft 2024.
11.07.2024 | 5:05 minBlatter und Infantino: Gegenspieler im Ringen um das FIFA-Erbe
Die Verantwortung dafür verortet Blatter an der Spitze des Verbands: "Die FIFA ist eben nicht mehr eine respektable Organisation. Am Kopf ist es nicht gut."
Gemeint ist Gianni Infantino, Blatters Nachfolger als FIFA-Boss. Zwischen Blatter und Infantino herrscht Eiszeit. Insider berichten, Infantino versuche, jede Spur seines Vorgängers zu tilgen.
Blatter wiederum macht keinen Hehl daraus, dass er sich einen anderen Nachfolger gewünscht hätte. Vom aktuellen Amtsinhaber und dessen Kurs hält er entsprechend wenig: "Der Präsident, der jetzt da ist, der redet nur noch mit Staatschefs, reist mit Jets um die Welt und hat vergessen, dass die Essenz der FIFA das Spiel ist."
Funktionär, Strahlemann, Fußball-Autokrat: Gianni Infantino plante, die Korruption im Fußball zu bekämpfen. Stattdessen machte er die FIFA zu seinem Hofstaat.
18.12.2023 | 14:30 minBlatter über die Machtstrukturen in der FIFA
Widerstand gegen diesen Kurs? Für Blatter kaum existent. Und auch das deutet er, wenig zurückhaltend, als Symptom.
Die FIFA ist im Moment eine Diktatur. Alles, was der Präsident sagt, wird gemacht. Und alles andere wird zum Schweigen gebracht.
Joseph "Sepp" Blatter, ehemaliger FIFA-Präsident
Worte eines Mannes, der selbst fast zwei Jahrzehnte an der Spitze eines Systems stand, das selten für seine Transparenz gerühmt wurde. Und vielleicht liegt genau darin die leise Pointe dieses Gesprächs: dass hier einer über den Zustand einer Organisation urteilt, die er maßgeblich geprägt hat.
"Ich bin ja Missionär gewesen im Fußball. Und ich bleibe Missionär." Dass Blatter wieder häufiger spricht, ist kein Zufall. Er will gehört werden, einordnen, vielleicht auch korrigieren.
Das Interview führte Sherif Rizkallah, Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.
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