Analyse zum Kongress: Wie unpolitisch ist die FIFA wirklich?

Analyse

Nach dem Kongress in Vancouver:Wie unpolitisch ist die FIFA wirklich?

Porträtfoto ZDF Sportreporter Markus Harm

von Markus Harm

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Der 76. FIFA-Kongress ist Geschichte. Das Treffen in Vancouver kam als politisches Forum im sportlichen Gewand daher. Zu groß ist der Einfluss der Krisen und Kriege auf der Welt.

Der Chef des palästinensischen Fußball-Verbandes Jibril Rajoub (rechts) deutet auf Basim Sheikh Suliman, Chef des israelischen Verbandes. In der Mitte versucht FIFA-Präsident Gianni Infantino zu beschwichtigen.

Der Chef des palästinensischen Fußball-Verbandes Jibril Rajoub (rechts) will sich nicht mit seinem israelischen Kollegen Basim Sheikh Suliman (links) fotografieren lassen. FIFA-Präsident Gianni Infantino versucht zu beschwichtigen.

Quelle: Darryl Dyck / The Canadian Press via Zuma Press

Der Kongress in Vancouver macht den zentralen Widerspruch des Weltfußballs sichtbarer denn je: Während die FIFA betont, unpolitisch zu sein, wird das Geschehen von geopolitischen Konflikten, Machtfragen und politischen Interessen dominiert.

Alle blicken auf den Iran

Insbesondere im Fokus stand die Iran-Debatte. FIFA-Präsident Gianni Infantino hält demonstrativ daran fest, dass der Iran an der WM 2026 teilnehmen werde und betont die verbindende Kraft des Fußballs. "Der Iran wird die WM spielen - und er wird seine Matches in den USA bestreiten. Punkt!", sagt Präsident Gianni Infantino in seiner Rede vor den Funktionären der 211 Nationalverbände.

Doch parallel dazu zeigen konkrete Vorgänge das Gegenteil dieser kühnen Rhetorik: Niemand aus dem Iran ist in Kanada anwesend, Teile der Delegation haben wegen mutmaßlicher Verbindungen zur Revolutionsgarde keine Einreisegenehmigung erhalten.

Die Frage der Teilnahme an der WM 2026 wird damit faktisch von Sicherheits- und Außenpolitik bestimmt - nicht vom Sport. Oder der FIFA.

FIFA-Kongress: "Mehr Kommerz, weniger Spiele"

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Israel und Palästina: Eskalation auf offener Bühne

Ein zweiter Konflikt verschärft dieses Bild: die Spannungen zwischen Israel und Palästina. Auf offener Bühne eskaliert die Situation, als der Präsident des palästinensischen Fußballverbandes Jibril Rajoub sich weigert, gemeinsam mit der israelischen Delegation aufzutreten.

Der Versuch Infantinos, ein symbolisches Einheitsfoto zu inszenieren, mündet in einen lautstarken Streit und wird später nicht mehr live in der Live-Übertragung der Veranstaltung gezeigt.

Koloriertes Schwarz-Weiß-Foto vom 3. Juli 1948: Israels Premierminister David Ben Gurion läuft mit seiner Frau und den letzten britischen Soldaten auf den Haifa Docks an einer kleinen Abteilung der israelischen Marine vorbei.

1948 beginnt ein erbitterter Konflikt: Der neue Staat Israel trifft auf arabischen Widerstand – ein jahrzehntelanger Kampf um Land, Identität und politische Vorherrschaft entbrennt.

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Seit mehreren Jahren verspricht Gianni Infantino den Konflikt im sportlichen Bereich und im Fußball zu lösen, doch bislang ist das nur "heiße Luft". "Die FIFA muss viel mehr unternehmen und sich an ihre eigenen Regeln halten", so Rajoub im ZDF-Interview.

Infantinos Mantra: Einheit durch Fußball

Gerade auch dieser Moment entlarvt die Inszenierung des Infantino-Mantras "Einheit durch Fußball" als brüchig: Politische Konflikte lassen sich nicht durch symbolische Gesten auflösen. Eine obligatorische Pressekonferenz nach dem Kongress sagt der FIFA-Präsident ab, will sich nicht vor Kameras äußern.

Wohl auch deswegen wird innerhalb der Organisation die Kritik laut. Die norwegische Verbandspräsidentin Lise Klaveness spricht in ihrem Heimatsender NRK von einer "Furchtkultur", in der kontroverse Debatten unterdrückt würden.

Ihre Aussage verweist auf ein strukturelles Problem: Politische Themen sind allgegenwärtig, werden aber nicht transparent oder pluralistisch verhandelt.

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DFB-Präsident Bernd Neuendorf hält sich zurück

Andere Funktionäre sind deutlich vorsichtiger. FIFA-Generalsekretär Mattias Grafström betont vor allem organisatorische Stabilität und wirtschaftliche Dimensionen des Turniers. DFB-Präsident Bernd Neuendorf gibt keine Interviews. Er steht - wie viele Verbände - für einen eher pragmatischen Kurs: Teilnahme und Kooperation mit dem Weltverband statt offener Konfrontation, selbst bei politisch heiklen Fragen.

Parallel dazu dominieren wirtschaftliche und organisatorische Themen den Kongress: steigende Kosten, komplexe Logistik eines 48-Team-Turniers und Rekordeinnahmen in Milliardenhöhe werden als Erfolg verkauft.

Aber auch das ist politisch, denn es geht um Verteilung von Geld, Einfluss und globaler Sichtbarkeit.

FIFA ein Teil globaler Machtpolitik

Es zeigt sich: Der Kongress ist kein unpolitisches Sporttreffen, sondern ein politisches Forum im sportlichen Gewand. Der Iran-Konflikt, der offene Streit zwischen Palästina und Israel sowie die wachsene Kritik an Strukturen zeigen deutlich, dass der Fußball und die FIFA längst Teil globaler Machtpolitik ist.

Montage: Foto vom 13. September 1993 anlässlich der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens: Yitzhak Rabin und Yasir Arafat reichen sich die Hand, während Bill Clinton zwischen ihnen steht. Im Hintergrund sind die Flaggen von Israel und Palästina abgebildet.

1993 scheint Frieden greifbar: Das Oslo-Abkommen zwischen Arafat und Rabin weckt Hoffnung. Doch die Vision zerbricht an Gewalt, Misstrauen und politischen Rückschlägen.

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Die FIFA hält dennoch am Narrativ der Neutralität fest. Doch dieses wirkt zunehmend wie eine strategische Fassade: Der Fußball will unpolitisch erscheinen - kann es aber längst nicht mehr sein.

Das BC Place Stadium in Vancouver.
Das WM-Stadion in Vancouver von innen.
Das BMO Field Stadium in Toronto.
Das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt bei einem Länderspiel von Mexiko.
Das WM-Stadion Estadio BBVA Bancomer in Monterrey.
Das WM-Stadion Estadio Akron in Guadalajara.
Das MetLife Stadium in New Jersey.
Das WM-Stadion AT&T Stadium in Dallas.
Das Arrowhead Stadium in Kansas City.
Das NRG Stadium in Houston.
Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta.
Das SoFi Stadium in Los Angeles.
Das Lincoln Financial Field Stadium in Philadelphia.
Das Lumen Field Stadium in Seattle.
Das Levi's Stadium in Santa-Clara.
Das Gilette Stadium in Foxborough.
Das Hard Rock Stadium in Miami.

Das sind die Stadien der Fußball-WM 2026

Insgesamt haben die 16 Stadien, in denen die Spiele der Fußball-WM 2026 ausgetragen werden, eine Kapazität von 1.067.644 Plätzen. Hier: Das BC Place Stadium in Vancouver, Kanada.

Quelle: IMAGO / agefotostock

Über das Thema berichtete das ZDF am 30.04.2026 ab 5:30 Uhr im Morgenmagazin im Beitrag "Infantino beschwört wunderbare WM".

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