Wie Grundschleppnetze die Arktis und ihre Fische bedrohen

Arktis: Fischfang mit Schleppnetzen:Wie Grundschleppnetze empfindliche Ökosysteme zerstören

Filmemacher Andreas Ewels auf der Preisverleihung auf dem Internationalen Greeen Festival in Krakau.

von Andreas Ewels

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Grundschleppnetzfischerei bedroht die Arktis. Netze zerstören empfindliche Lebensräume und setzen seltene Arten unter Druck. Welche Entwicklungen die Problematik noch verschärfen.

Ein Fischerei-Schiff fährt auf dem Meer und zieht ein Netz hinter sich her.

Schleppnetzfischerei: Gigantische Netze pflügen durch die Arktis und zerstören den Meeresboden. Kameras zeigen Zerstörung und eine bedrohte, faszinierende Unterwasserwelt.

02.05.2026 | 0:53 min

Die Arktis gilt als einer der letzten großen, weitgehend unberührten Naturräume der Erde. Doch der menschliche Druck nimmt stetig zu. Eine große Bedrohung: die Grundschleppnetzfischerei.

Bei dieser Fangmethode ziehen große Schiffe tonnenschwere Netze über den Meeresboden. Die Netze sind oft mehrere hundert Meter lang und darauf ausgelegt, möglichst effizient große Mengen Fisch zu fangen - etwa Kabeljau, Scholle oder Garnelen. Was wirtschaftlich attraktiv wirkt, ist ökologisch hochproblematisch.

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Meeresboden: Lebensraum für Korallen und Kleinstlebewesen

Der Meeresboden der Arktis ist keine öde Fläche. Er bietet Lebensraum für Schwämme, Kaltwasserkorallen, Muscheln und zahllose Kleinstlebewesen. Deshalb beurteilt die Meeresschutzexpertin Franziska Saalmann von Greenpeace die Situation kritisch:

Grundschleppnetze wirken wie tonnenschwere Pflüge, die jahrtausendealte Lebensgemeinschaften aus Schwämmen und Kaltwasserkorallen buchstäblich zermalmen.

Franziska Saalmann, Meeresschutzexpertin bei Greenpeace

Diese Organismen wachsen extrem langsam - manche Korallen nur wenige Millimeter pro Jahr. Werden sie zerstört, kann es Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern, bis sich der Lebensraum erholt - wenn überhaupt. Eine Studie des Alaska Fisheries Science Center zeigt beispielsweise, dass bereits ein einziger Schleppvorgang Bodenlebewesen massiv schädigen oder vernichten kann.

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Klimawandel macht neue Regionen für Schleppnetzfischerei nutzbar

Der Klimawandel verschärft das Problem. Durch das Abschmelzen des arktischen Meereises werden bislang schwer zugängliche Regionen zunehmend befahrbar.

Genau dort aber liegen besonders empfindliche Ökosysteme, die bisher weitgehend vor industrieller Nutzung geschützt waren. "Die dominierenden Flotten in der Arktis stammen derzeit vor allem aus Russland und Norwegen, die insbesondere in der Barentssee großflächig Grundschleppnetze einsetzen", erklärt Saalmann.

Hinzu kommt, dass steigende Wassertemperaturen viele Fischbestände nach Norden wandern lassen. Die Folge: Immer mehr Fangflotten konkurrieren in arktischen Gewässern, wo es oft keine klaren Regeln oder wirksamen Schutzgebiete gibt.

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Auch geschützte Arten landen als Beifang in Schleppnetzen

Ein weiteres zentrales Problem der Schleppnetzfischerei ist der Beifang. Neben den Zielarten landen auch Jungfische, Haie, Rochen und andere Meerestiere in den Netzen - meist tot oder schwer verletzt.

In der Arktis betrifft dies auch seltene oder geschützte Arten, über deren Bestände bislang wenig bekannt ist.

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Grundschleppnetzfischerei: Wirtschaft gegen Ökologie?

Befürworter der Schleppnetzfischerei verweisen auf Arbeitsplätze und die globale Nahrungsmittelversorgung. Umweltorganisationen halten dagegen: Kurzfristige Gewinne gefährdeten langfristig ganze Fischbestände.

Alternativen wie selektivere Fangmethoden, strengere Fangquoten oder großflächige Schutzgebiete gelten als mögliche Auswege, sind politisch jedoch bislang nur teilweise umgesetzt.

Nach Ansicht von Gerd Kraus, Direktor des Thünen-Instituts für Seefischerei, wären viele Probleme lösbar, wenn sich alle Akteure an die bestehenden Regeln hielten: "Die internationalen Vorgaben sind vorhanden, werden aber nicht konsequent umgesetzt."

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Verbot für Grundschleppnetzfischerei wird international diskutiert

International fordern Wissenschaft und Umweltverbände zunehmend ein Umdenken. Für die Arktis werden großräumige Verbote der Grundschleppnetzfischerei diskutiert. Kraus warnt jedoch vor einer pauschalen Verurteilung: "Grundschleppnetzfischerei kann ökonomisch sehr effizient und für bestimmte Grundfischbestände sogar die einzig rentable Fangmethode sein."

Es gibt dort ertragreiche Fischbestände, die nachhaltig befischt werden können. Dafür braucht es jedoch deutlich mehr Vorsicht, größere Sicherheitspuffer und eine sehr genaue räumliche Steuerung der erlaubten Fischerei.

Gerd Kraus, Direktor des Thünen-Instituts für Seefischerei

Entscheidend sei Kraus zufolge die konkrete Ausgestaltung: "Der Einfluss der Grundschleppnetzfischerei hängt immer von der Kombination aus Netztyp und dem jeweiligen Lebensraum ab, in dem es eingesetzt wird." Auch er erkennt die Arktis als besonders sensiblen Raum an, sieht aber Spielräume.

Andreas Ewels ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute in dem Beitrag "Schleppnetze zerstören Meeresboden" am 02.05.2026 um 11:08 Uhr.

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