Arktis: Fischfang mit Schleppnetzen:Wie Grundschleppnetze empfindliche Ökosysteme zerstören
von Andreas Ewels
Grundschleppnetzfischerei bedroht die Arktis. Netze zerstören empfindliche Lebensräume und setzen seltene Arten unter Druck. Welche Entwicklungen die Problematik noch verschärfen.
Schleppnetzfischerei: Gigantische Netze pflügen durch die Arktis und zerstören den Meeresboden. Kameras zeigen Zerstörung und eine bedrohte, faszinierende Unterwasserwelt.
02.05.2026 | 0:53 minDie Arktis gilt als einer der letzten großen, weitgehend unberührten Naturräume der Erde. Doch der menschliche Druck nimmt stetig zu. Eine große Bedrohung: die Grundschleppnetzfischerei.
Bei dieser Fangmethode ziehen große Schiffe tonnenschwere Netze über den Meeresboden. Die Netze sind oft mehrere hundert Meter lang und darauf ausgelegt, möglichst effizient große Mengen Fisch zu fangen - etwa Kabeljau, Scholle oder Garnelen. Was wirtschaftlich attraktiv wirkt, ist ökologisch hochproblematisch.
Die Ostsee ist bedroht. Das gesamte Ökosystem des Binnenmeeres ist aus dem Gleichgewicht. Auf der Suche nach Erklärungen stoßen Wissenschaftler auch auf sogenannte Todeszonen.
09.10.2022 | 28:44 minMeeresboden: Lebensraum für Korallen und Kleinstlebewesen
Der Meeresboden der Arktis ist keine öde Fläche. Er bietet Lebensraum für Schwämme, Kaltwasserkorallen, Muscheln und zahllose Kleinstlebewesen. Deshalb beurteilt die Meeresschutzexpertin Franziska Saalmann von Greenpeace die Situation kritisch:
Grundschleppnetze wirken wie tonnenschwere Pflüge, die jahrtausendealte Lebensgemeinschaften aus Schwämmen und Kaltwasserkorallen buchstäblich zermalmen.
Franziska Saalmann, Meeresschutzexpertin bei Greenpeace
Diese Organismen wachsen extrem langsam - manche Korallen nur wenige Millimeter pro Jahr. Werden sie zerstört, kann es Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern, bis sich der Lebensraum erholt - wenn überhaupt. Eine Studie des Alaska Fisheries Science Center zeigt beispielsweise, dass bereits ein einziger Schleppvorgang Bodenlebewesen massiv schädigen oder vernichten kann.
Teile von Fischernetzen liegen tonnenweise auf dem Meeresgrund und werden zu tödlichen Fallen. Eine Taucherin berichtet bei ZDFheute live.
27.04.2026 | 12:43 minKlimawandel macht neue Regionen für Schleppnetzfischerei nutzbar
Der Klimawandel verschärft das Problem. Durch das Abschmelzen des arktischen Meereises werden bislang schwer zugängliche Regionen zunehmend befahrbar.
Genau dort aber liegen besonders empfindliche Ökosysteme, die bisher weitgehend vor industrieller Nutzung geschützt waren. "Die dominierenden Flotten in der Arktis stammen derzeit vor allem aus Russland und Norwegen, die insbesondere in der Barentssee großflächig Grundschleppnetze einsetzen", erklärt Saalmann.
Hinzu kommt, dass steigende Wassertemperaturen viele Fischbestände nach Norden wandern lassen. Die Folge: Immer mehr Fangflotten konkurrieren in arktischen Gewässern, wo es oft keine klaren Regeln oder wirksamen Schutzgebiete gibt.
Die Weltmeere haben 2025 eine Rekordmenge an Wärme aufgenommen - es ist das neunte Jahr in Folge. Das zeigt eine Studie chinesischer Forscher.
09.01.2026 | 0:22 minAuch geschützte Arten landen als Beifang in Schleppnetzen
Ein weiteres zentrales Problem der Schleppnetzfischerei ist der Beifang. Neben den Zielarten landen auch Jungfische, Haie, Rochen und andere Meerestiere in den Netzen - meist tot oder schwer verletzt.
In der Arktis betrifft dies auch seltene oder geschützte Arten, über deren Bestände bislang wenig bekannt ist.
Große Wale können riesige Mengen Kohlenstoffdioxid speichern. Und: Die Meeresgiganten fördern durch ihre Lebensweise den Nährstoff- und Kohlenstoffkreislauf in den Ozeanen.
01.04.2026 | 1:04 minGrundschleppnetzfischerei: Wirtschaft gegen Ökologie?
Befürworter der Schleppnetzfischerei verweisen auf Arbeitsplätze und die globale Nahrungsmittelversorgung. Umweltorganisationen halten dagegen: Kurzfristige Gewinne gefährdeten langfristig ganze Fischbestände.
Alternativen wie selektivere Fangmethoden, strengere Fangquoten oder großflächige Schutzgebiete gelten als mögliche Auswege, sind politisch jedoch bislang nur teilweise umgesetzt.
Nach Ansicht von Gerd Kraus, Direktor des Thünen-Instituts für Seefischerei, wären viele Probleme lösbar, wenn sich alle Akteure an die bestehenden Regeln hielten: "Die internationalen Vorgaben sind vorhanden, werden aber nicht konsequent umgesetzt."
Das erste UN-Abkommen zum Schutz der Hochsee ist in Kraft getreten. Es verpflichtet die Staaten, gemeinsam Schutzgebiete zu schaffen, um die biologische Vielfalt der Ozeane zu erhalten.
17.01.2026 | 0:17 minVerbot für Grundschleppnetzfischerei wird international diskutiert
International fordern Wissenschaft und Umweltverbände zunehmend ein Umdenken. Für die Arktis werden großräumige Verbote der Grundschleppnetzfischerei diskutiert. Kraus warnt jedoch vor einer pauschalen Verurteilung: "Grundschleppnetzfischerei kann ökonomisch sehr effizient und für bestimmte Grundfischbestände sogar die einzig rentable Fangmethode sein."
Es gibt dort ertragreiche Fischbestände, die nachhaltig befischt werden können. Dafür braucht es jedoch deutlich mehr Vorsicht, größere Sicherheitspuffer und eine sehr genaue räumliche Steuerung der erlaubten Fischerei.
Gerd Kraus, Direktor des Thünen-Instituts für Seefischerei
Entscheidend sei Kraus zufolge die konkrete Ausgestaltung: "Der Einfluss der Grundschleppnetzfischerei hängt immer von der Kombination aus Netztyp und dem jeweiligen Lebensraum ab, in dem es eingesetzt wird." Auch er erkennt die Arktis als besonders sensiblen Raum an, sieht aber Spielräume.
Andreas Ewels ist Redakteur in der ZDF-Umweltredaktion.
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