Neue Verpackungsverordnung PPWR:Warum viele Unternehmen nicht mehr ins EU-Ausland liefern
von Helge Hoffmeister
Eine neue EU-Verordnung soll Verpackungsmüll reduzieren. Die an sich gute Idee belastet vor allem kleine Unternehmen, die ihre Waren in andere EU-Staaten versenden.
Die neue EU-Verpackungsverordnung soll Müll reduzieren. Für kleine Versandhändler bringt sie aber hohe Kosten und viel Aufwand. Die ersten haben ihren Auslandsversand bereits eingestellt.
19.08.2026 | 2:29 minWeniger Plastik und Schadstoffe, mehr Recycling: Hinter die Grundidee der neuen Verpackungsverordnung der EU können sich wahrscheinlich die meisten Menschen stellen. Doch die wohlmeinende Verordnung birgt neue bürokratische und finanzielle Hürden für Unternehmen, die Waren ins EU-Ausland verschicken.
Neue EU-Verpackungsverordnung
- Für Lebensmittelverpackungen gelten seitdem Grenzwerte, unter anderem für die möglicherweise gesundheitsschädlichen "Ewigkeitschemikalien" PFAS.
- Verpackungen müssen stufenweise mehr und mehr recycelbar sein, ab 2030 müssen alle Verpackungen recyclingfähig, spätestens ab 2030 dürfen sie nicht mehr unnötig groß sein. Die bisher unterschiedlichen nationalen Recycling-Vorgaben sollen vereinheitlicht werden.
Jeder EU-Staat muss bis 2027 ein öffentliches Register führen, über das sich Versandhändler gegen Gebühren Lizenzen für die von ihnen verwendeten Verpackungen holen müssen. Die Kosten sind Teil der Erweiterten Herstellerverantwortung (EPR) und richten sich nach Gewicht und Materialart. Dafür müssen Unternehmen ab dem 12. August für jedes EU-Land einen Bevollmächtigten beauftragen und bezahlen. Dieser ist dann der direkte Ansprechpartner für nationale Umweltbehörden und setzt die lokalen Verpackungsregeln um.
Neue Verordnung trifft Kleinstunternehmer
Die neuen Regeln treffen gerade kleine Unternehmen wie das von Lisa Adam. Die gelernte Goldschmiedin hat vor acht Jahren begonnen, online Materialien und Anleitungen für Häkelkuscheltiere zu verkaufen. Heute betreibt sie ihren eigenen Online-Shop. Die Verpflichtung, für jedes EU-Land eigene Registrierungen und Regeln zu beachten und Bevollmächtigte zu finden und zu bezahlen, hat sie geschockt.
Für uns in der Handmade-Branche ist das katastrophal, sowohl finanziell als auch vom Aufwand.
Lisa Adam, Goldschmiedin und Unternehmerin
Seit dem 12. August hat sie den Versand ins EU-Ausland eingestellt. Zwar kämen rund 80 Prozent ihrer Bestellungen aus Deutschland, aber der Wegfall der ausländischen Kunden macht bei ihr Umsatzeinbußen in vier- bis fünfstelliger Höhe pro Jahr aus. Sie wird sich jetzt auf Deutschland beschränken. "Die EU sollte sich mehr in die Menschen und kleinen Versandhändler hineinversetzen, wir sind ja keine Riesenonlinehändler", sagt Adam.
Unternehmen müssen für die neue EU-Verpackungsverordnung einen höheren bürokratischen Aufwand erbringen. Zu aufwendig, klagen vielen Händler.
14.08.2026 | 1:29 minNoch offene Fragen zu PPWR
Bei der Verordnung besteht zudem noch Rechtsunsicherheit, wer gewährleisten muss, dass eine Verpackung recycelbar ist - die Produzenten des Kartons oder der Versandhändler, der darin Produkte verschickt. Eva Behling vom Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) sieht hier die größte offene Frage für Online-Händler.
Es hätte der Verordnung gutgetan, wenn man noch etwas länger diskutiert hätte.
Eva Behling, Leiterin Recht & Compliance beim Bundesverband E-Commerce & Versandhandel
Die Verordnung betreffe die gesamte Wirtschaft, aber offensichtlich seien nicht alle Wirtschaftsakteure angehört worden. Dass Unternehmen für die Entsorgung der Verpackungen im Ausland verantwortlich sind, ist nicht neu. Bislang war dies aber wegen fehlender Daten nicht nachvollziehbar und vielen Unternehmen nicht bewusst. Mit den neuen Registern könnten mehr Sanktionen kommen.
Ich gehe davon aus, dass es durch die bessere Datenerfassung auch zu mehr Abmahnungen kommen wird.
Eva Behling, Leiterin Recht & Compliance beim Bundesverband E-Commerce & Versandhandel
Die neue EU-Verpackungsverordnung sorge auch für mehr Bürokratie und höhere Kosten, so ZDF-Wirtschaftsexpertin Mainitz. Dennoch herrsche dringender Handlungsbedarf.
12.08.2026 | 1:25 minEU plant Nachbesserungen
Die EU-Kommission und das Parlament betonen die Wichtigkeit der neuen Verordnung, um den wachsenden Müll in Europa zu bekämpfen und giftige Chemikalien in Verpackungen zu verhindern. Es gebe aber auch noch Nachbesserungsbedarf, sagt Erik Marquardt, Mitglied im EU-Parlament für Bündnis90/Die Grünen:
Wir können uns sehr gut vorstellen, dass man jetzt auch eine kleine Änderung direkt nach der Sommerpause auf den Weg bringt, die dafür sorgt, dass besonders kleine Unternehmen erstmal etwas Luft haben.
Erik Marquardt (Bündnis90/Die Grünen), Mitglied des EU-Parlaments
Die Regeln sollen dafür nochmal auf Bürokratie überprüft werden, so Marquardt. Ziel sei es schließlich nicht, Unternehmen zu überfordern, sondern gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen und Müll zu reduzieren.
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13.07.2026 | 2:47 minOnline häufen sich die Beschwerden
Auf sozialen Medien beschweren sich viele kleine Unternehmen über die neuen Regeln. Auf der Feedback-Seite der EU-Kommission zum PPWR gibt es über 5.000 kritische Kommentare (Stand 19.08.2026). Die Petition einer slowakischen Kleinunternehmerin hat seit Anfang des Monats mehr als 69.000 Unterschriften (Stand 19.08.2026) gesammelt.
Die Petition fordert die sofortige Aussetzung der Verordnung, Ausnahmen für kleine Auftragsmengen und ein europaweites Register.
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24.07.2026 | 17:13 minEin solches Register fordert der BEVH bereits seit 2019. Der Verband hofft auf den Circular Economy Act, ein Rechtsrahmen für Kreislaufwirtschaft, den die EU im Herbst vorstellen will. Ob dieser tatsächlich Änderungen der PPWR enthält, ist aber noch ungewiss.
Helge Hoffmeister ist Redakteur im Team Wirtschaft und Finanzen.
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