"Flytipping" in Großbritannien:Wie die Briten unter illegaler Müll-Entsorgung leiden
von Hilke Petersen, London
Etwa ein Fünftel des Mülls auf der britischen Insel wird illegal entsorgt. Millionen Tonnen, die mehr als 30-mal das Wembley-Stadion füllen würden, schätzt die Umweltbehörde.
Illegale Müllberge wachsen Großbritannien über den Kopf. Unbekannte verklappen tonnenweise Müll in ländlichen Gebieten. Es stinkt, die Ratten kommen, und die Anwohner sind entsetzt.
15.04.2026 | 7:45 minIn Wigan, nahe Manchester, fuhren monatelang zwanzig bis dreißig Lkw durch ein Wohngebiet. Beladen mit Müll, der vorbehandelt und mit Erde vermischt war. Das begann im Oktober 2024. Solange bis die Kippe hinter den Gartenzäunen einem kleinen Gebirge glich, Anwohner entsetzte und Ratten anlockte.
Nicha Rowson wohnt etwa 200 Meter entfernt. Die Decke ihrer Küche ist geöffnet, Dämmmaterial hängt heraus. Da oben hatten sich die Nagetiere eingenistet. Sie aber kämpft nicht nur gegen Ratten, sondern auch gegen die Ignoranz staatlicher Stellen. Denn die scheinen annähernd machtlos in Großbritannien gegen die skrupellosen Müllentsorger.
Organisierte Kriminalität bei der Müllentsorgung
Die Müllkippe in Wigan - ein Fall von organisierter Kriminalität. Wer hier verrottendes Material ablud, hat in großem Stil Geld verdient. Wie genau - das nachzuweisen, ist schwierig. Als Anwohner Hilfe zu bekommen, auch.
Wir haben wieder und wieder bei der Umweltbehörde angerufen, bei den Stadträten, beim Abgeordneten unseres Wahlkreises. Der hat das Problem zwar zur Kenntnis genommen, aber es ist nichts passiert.
Nicha Rowson, Anwohnerin
Die britische Umweltbehörde gilt seit langem als unterfinanziert und zahnlos. Stellt sie ein Verbotsschild an einer illegalen Müllkippe auf, geht das Abladen oft einfach weiter. So wie in Oxfordshire, wo entlang einer Autobahn ein 150 Meter langer und sechs Meter hoher Abfall-Berg entstand, der tagelang in den Nachrichtensendungen war. An Flytipping sind die Briten zwar seit Jahrzehnten gewöhnt, die großen Kippen aber machen dann doch schockierende Schlagzeilen.
In der Grafschaft Oxfordshire sorgt ein 150 Meter hoher illegaler Müllberg an einem Fluss für Entsetzen - solche Fälle haben zugenommen, die Umweltbehörden des Landes stehen daher in der Kritik.
27.11.2025 | 1:29 minBilliger entsorgen ist attraktiv
"Flytipping" bedeutet so etwas wie: im Vorbeifahren abgeworfen. Genauso verfahren die, die den Müll zu ihrem Geschäft gemacht haben: "Man with van"-Unternehmen werben dafür, größere Mengen Müll viel billiger abzuholen. Denn Recyclinghöfe können für Haushalte zur mühsamen Angelegenheit werden: Oft sind die Anfahrtswege weit, ein Termin ist vorab erforderlich. Die Deponiegebühren steigen: Eine der Schwachstellen im System auf der britischen Insel, wissen Experten wie James Piper vom Umweltberatungs-Unternehmen Ecosurety.
Den Müll von irgendeinem angeblichen Entsorger abholen zu lassen, finden manche leider viel attraktiver und fragen nicht groß nach, wo das Zeug am Ende landet.
James Piper, Ecosurety
Oft nachts abgekippt an versteckten Orten, im Wald, auf landwirtschaftlichen Flächen. 700 neue Müllkippen - kleine und große - zählt die Umweltbehörde im vergangenen Jahr. Verdoppelt.
Die Welt erstickt im Abfall - wie die Wende schaffen? Ein Film über drastische Folgen einer verfehlten Abfallwirtschaft und der nicht so utopischen Idee einer "Gesellschaft ohne Müll".
12.11.2025 | 51:55 minBürgerwehr gegen Müll-Täter
Die Initiative "Clean up Britain" hat genug von der Hilflosigkeit des Staates. Sammelt Spenden, um jetzt 200 weitere Kameras quer durchs Land zu installieren, an Flytipping-belasteten Stellen. Dazu große Warnschilder: "Hier wird gefilmt!" Clean up Britain-Gründer John Read ist hochzufrieden mit den empfindlichen Wildtierkameras. Und nicht zimperlich.
Wenn wir einen Flytipper erwischen, machen wir das bei Social Media öffentlich, im lokalen Fernsehen, im Radio. Wir stellen diese Personen gewissermaßen an den Pranger.
John Read, Clean up Britain
Besonders wütend macht ihn, dass Landbesitzer rechtlich verpflichtet sind, fürs Aufräumen zu bezahlen. Bei Landwirten etwa übersteigen die Kosten dann oft die Möglichkeiten.
Nicht nur in der Natur, auch in Städten ist Müll ein Problem. Sollte es eine kommunale Verpackungssteuer gegen vermüllte Städte geben? Ja, sagt Verena Graichen, Bundesgeschäftsführerin BUND. Nein, sagt Jana Schimke, Hauptgeschäftsführerin DEHOGA Bundesverband.
05.03.2026 | 9:57 minDer Landbesitzer in Wigan hingegen dürfte reich genug sein: Das Grundstück unter all dem Müll gehört König Charles und dessen privatem Herzogtum Lancaster. Das aber schließt Haftung aus und bietet an, der Gemeinde das Land zu schenken. Die zögert, denn die anfallenden Sanierungskosten sind ein Vielfaches höher als der Wert des Grundstücks.
So ist alles wie meistens mit Großbritanniens dreistem Flytipping: Bürger bleiben ziemlich allein mit einem stinkenden Problem.
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von Esther Burmann