Vom Wackelkandidat zum WM-Fahrer:Nadiem Amiris spätes Glück
von Peter H. Eisenhuth
Mainz-Profi Nadiem Amiri steht in Julian Nagelsmanns Kader. Mit 29 Jahren wird er erstmals bei einer Fußball-Weltmeisterschaft dabei sein.
Tommi Schmitt hat vor der WM Nadiem Amiri, David Raum und Nick Woltemade eine ganze Saison lang bei ihren Vereinen, der Nationalmannschaft und im Alltag begleitet.
31.05.2026 | 91:55 minIrgendwann kommen Nadiem Amiri die Tränen. Es ist der Moment, in dem Tommi Schmitt ihm das Video zeigt, das der Deutsche Fußball-Bund anlässlich der Nominierung des Mainzers für Julian Nagelsmanns Kader für die WM 2026 veröffentlicht hat. Mit Fotos aus seiner Kindheit, Liebesbekundungen seiner Eltern und seines Sohns. Amiri wischt sich über die feuchten Augen und sagt:
Eigentlich wollte ich nie vor der Kamera weinen. Ich bin grad der glücklichste Mensch auf der Welt.
Nadiem Amiri nach seiner WM-Nominierung
Amiri war höchstens ein Wackelkandidat
Drei Spieler hat Schmitt für seine ZDF-Dokumentation "World Cup" eine Saison lang begleitet, sich immer wieder mit ihnen getroffen: Nick Woltemade und David Raum, die als sichere WM-Fahrer galten, und eben Amiri. Er war der Wackelkandidat im Kampf um die Tickets für Amerika. In diesem Frühjahr war er nicht mal mehr das.
Für den Drama-Effekt der Doku wäre es perfekt gewesen, hätte einer aus dem Trio den Sprung nicht geschafft. Dann hätte Schmitt auch zeigen können, wie ein gestandener Fußballer mit einer solchen Enttäuschung umgeht. Für Amiri wäre es "eine Riesen-Riesenenttäuschung" gewesen, nicht berücksichtigt zu werden.
DFB-Comeback nach viereinhalb Jahren
Das sagte er noch im März, als er wegen einer Fersenverletzung sechs Wochen lang außen vor war und die letzten Testspiele gegen die Schweiz und Ghana vor der Bekanntgabe des Kaders verpasste. Um in dieser Phase seinen Optimismus nicht zu verlieren, bedurfte es sowohl eines ausgeprägten Selbstbewusstseins, als auch entsprechender Leistungen auf dem Platz.
Am Ersterem mangelte es dem Offensivspieler des FSV Mainz 05 anscheinend nie. Wann immer Journalisten ihn auf die WM ansprachen, zeigte er sich zuversichtlich, seine fünfteilige Länderspielkarriere unter Joachim Löw nach dem Comeback, das Nagelsmann ihm viereinhalb Jahre später, im März 2025, ermöglicht hatte, im Sommer zu krönen.
Nagelsmann über Amiri: "Einsatz, Gier, außergewöhnlicher Abschluss"
Auf konstant hohem Niveau bewegte sich Amiri in den vergangenen Wochen der Saison nicht, doch in der Addition mit den vorangegangenen Auftritten überzeugte er den Bundestrainer. "Wir brauchen dich", habe der ihm rund zwei Stunden vor der offiziellen Verkündung am Telefon mitgeteilt.
In besagtem Video lobte Nagelsmann ihn für seinen Einsatz, seine Gier, seinen außergewöhnlichen Abschluss, der ihn nicht zuletzt bei Standards auszeichnet. In der zurückliegenden Spielzeit mündete dies wettbewerbsübergreifend in siebzehn Tore (zwölf in der Liga, vier in der Conference League, eines im DFB-Pokal) und sechs Assists.
Eckbälle und Einwürfe:Warum Standards beim Fußball immer häufiger entscheiden
Amiris neue Rolle unter Fischer
Die veränderte Rolle, die ihm der Mitte Dezember nach Mainz gekommene Trainer Urs Fischer zudachte, kam dem 29-Jährigen entgegen: nicht mehr Spielmacher auf der Doppelsechs, sondern offensiver ausgerichtet als linker Halbstürmer. Hätte Amiri nicht acht Bundesligaspiele verpasst, wäre sogar Jonathan Burkardts ein Jahr alter Vereinsrekord von 18 Ligatreffern in Gefahr gewesen.
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In Tommi Schmitts Doku räumt der in Ludwigshafen geborene - und nach wie vor lebende - Sohn afghanischer Eltern ein, Mainz 05 nach seinem Wechsel von Leverkusen im Januar 2024 als Sprungbrett für höhere Aufgaben betrachtet zu haben.
Amiri-Verbleib in Mainz: Alles richtiggemacht
Statt beim späteren Doublegewinner auf der Bank zu versauern "und ein Foto mit der Meisterschale zu haben", wollte er die stark abstiegsbedrohten 05er zum Klassenverbleib führen. Für sich selbst sah er die Chance, wieder in den Fokus größerer Klubs zu geraten.
So kam es: Eintracht Frankfurt wollte ihn haben, der Wechsel schien fix - dann fanden die 05er überzeugende Argumente für einen Verbleib. Amiris Schaden war es nicht. In Mainz blieb er eine Führungsfigur, kehrte in die Nationalmannschaft zurück, jetzt darf er im gehobenen Alter seine erste Weltmeisterschaft spielen. Man könnte auch sagen: Nadiem Amiri hat alles richtig gemacht.
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