Eckbälle und Einwürfe:Warum Standards beim Fußball immer häufiger entscheiden
von Ralf Lorenzen
Standardsituationen gewinnen im Fußball zunehmend an Bedeutung. Klubs und Verbände beschäftigen sich intensiv mit dem Thema und setzen auf Spezialtrainer.
Mit einer kurzen Ecke bedient Lennart Karl im Spiel gegen Finnland Flankengeber Joshua Kimmich. Deniz Undav köpft daraufhin zum 1:0 ein.
Quelle: ImagoAn die Fußball-WM 2018 in Russland hat wohl nur ein Fußball-Experte in Deutschland gute Erinnerungen. "Das war das Turnier der Standard-Tore", schwärmt Spielanalyst Daniel Ackermann im Gespräch mit ZDFheute.
Bei fast der Hälfte der 32 Teams lag der Standardtoranteil höher als 50 Prozent. Es waren viele begeisternde Varianten dabei, vor allem bei den Engländern.
Spielanalyst Daniel Ackermann
Ein Drittel der Tore fällt nach Standardsituationen
Ecken, Freistöße und Einwürfe sind zwar spätestens seit Einführung der Videoanalyse regelmäßige Bestandteile der Vor- und Nachbereitung eines Spiels. Spätestens seit der WM 2018 setzen aber immer mehr Teams auf Spezialtrainer; der DFB etablierte 2021 einen Standard‑Coach. Rund ein Drittel der Tore in der Bundesliga entstehen heute aus Standardsituationen, wobei die Quoten der einzelnen Klubs sich stark unterscheiden.
Im offenen Spiel wird das Leistungsniveau immer enger, deswegen wird es in vielen Spielen zum entscheidenden Faktor, was man aus dem ruhenden Ball macht.
Daniel Ackermann
Auch Bundestrainer Julian Nagelsmann bemerkt die Veränderung:
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31.05.2026 | 8:06 minEinwürfe gewinnen im modernen Fußball an Bedeutung
Wie intensiv die Beschäftigung mit dem Thema ausfällt, hängt laut Ackermann, der für RB Leipzig, Borussia Dortmund und die österreichische Nationalmannschaft als Analyst tätig war und aktuell als Individualcoach arbeitet, vom jeweiligen Chef-Trainer ab. "Es gibt Trainer wie Christian Streich und seinen Nachfolger Julian Schuster, die gemeinsam mit Standardtrainer Lars Voßler in Freiburg mehr Zeit und Gedanken darin investieren als viele andere Bundesliga-Klubs."
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01.06.2026 | 3:09 minDabei werden neben Eck- und Freistößen seit ein paar Jahren auch Einwürfe immer wichtiger, egal wo auf dem Feld sie ausgeführt werden. "Jede Mannschaft hat heute mehrere Spieler, die sehr weit werfen können", sagt Ackermann. "Wir hatten in Leipzig einen Trainer, der die Technik des Werfens umgestellt hat. Plötzlich konnten vier Spieler mindestens 25 Meter werfen, vorher keiner."
Da der Ball bei einer Standardsituation ruht, können sich die Teams taktisch formieren. Deshalb können diese Spielzüge im Training gezielt einstudiert werden.
Quelle: ImagoEckbälle im Fußball: Zwischen Chaos-Taktik und Strategie
Am meisten in der Diskussion stehen aber Eckbälle, seitdem Champions-League-Finalist Arsenal London auffallend viele spielentscheidende Tore damit erzielt. Mit einer ähnlichen Eckball-Taktik, bei der möglichst viel Personal in den Strafraum gepackt und der Laufweg des Torwarts blockiert wird, war der VfL Wolfsburg in der vergangenen Saison der Ecken-König der Bundesliga. Da die Wölfe aber gleichzeitig das schwächste Team bei der Abwehr von Eckbällen waren, reichte es trotzdem nicht zum Klassenerhalt.
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30.05.2026 | 9:31 min"Das ist Roulette", sagt Ackermann zu der Chaos-Taktik, bei der man hofft, dass der Ball irgendwie ins Tor fällt. "Ich finde es spannender, durch klare Abläufe die Torwahrscheinlichkeit zu erhöhen. Für mich kommt zum Beispiel die kurze oder flache Ausführung viel zu selten vor."
Deutschland zeigt erfolgreiche Standardvariante gegen Finnland
Wie diese zum Erfolg führen kann, zeigte sich zuletzt beim Kopfball-Treffer von Deniz Undav zum 1:0 im Testspiel Deutschland gegen Finnland (4:0), den Lennart Karl mit einer kurzen Ecke auf Flankengeber Joshua Kimmich vorbereitete.
"Ich habe einen guten Austausch mit Mads und finde seine Herangehensweise richtig gut", sagt Ackermann über Mads Buttgereit, der im Trainerteam von Julian Nagelsmann für die Standards zuständig ist.
Er (Mads Buttgereit, Anm. d. Red.) arbeitet viel mit Prinzipien, mit spannenden Signalen und mit schnellen, plötzlich ausgeführten Standardvarianten.
Daniel Ackermann
Underdogs setzen bei der WM auf Standardsituationen
Von der kommenden WM erhofft sich Ackermann, der ein E-Book über Standardsituationen verfasst hat, ähnliche Anregungen wie 2018. "Es sind viele Underdogs dabei, die ihre Chancen in ruhenden Bällen suchen könnten", sagt er. "Davon verspreche ich mir ein paar überraschende Varianten als neue Inspirationsquelle."
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