"Am Ende entscheidet der Geldbeutel":Neue Abnehmtablette und Zukunft der Adipositas-Therapie
Semaglutid ist seit September 2026 auch als Tablette verfügbar. Das Präparat soll beim Abnehmen helfen. Adipositas-Forscher Matthias Blüher zu den Chancen, Risiken und Grenzen.
Der Wirkstoff Semaglutid ist bekannt durch die Abnehmspritze, die für große Aufmerksamkeit gesorgt hat. Nun kommt er als Tablette in deutsche Apotheken. Was bedeutet die Einführung?
31.08.2026 | 4:14 minProfessor Matthias Blüher gehört zu den führenden Adipositas-Experten weltweit. Im Interview mit ZDFheute ordnet er ein, wie sich die Behandlung von Übergewicht und Adipositas künftig entwickeln wird.
ZDFheute: Welche Bedeutung haben Medikamente in der Therapie von Adipositas?
Matthias Blüher: Sie sind ein zunehmend wichtiger Baustein. Neuere Wirkstoffe orientieren sich an biologischen Mechanismen, die Appetit und Sättigung regulieren. Medikamente bleiben aber immer Teil eines Gesamtkonzepts. Dazu gehören Ernährungsberatung, Bewegungstherapie und unter bestimmten Voraussetzungen eine Operation.
Die Magenbypass-Operation bleibt eine wichtige Behandlungsoption bei starkem Übergewicht und Adipositas, vor allem bei schweren Verläufen und bestehenden Begleiterkrankungen.
23.06.2026 | 5:15 minZDFheute: Was wird sich durch die Verfügbarkeit von Semaglutid als Tablette ändern?
Blüher: Manche Menschen möchten sich nicht einmal pro Woche ein Medikament spritzen. Sie werden dankbar für diese Alternative sein.
Die Hemmschwelle für eine medikamentöse Adipositas-Therapie wird durch die Semaglutid-Tablette sinken.
Prof. Dr. Matthias Blüher, Adipositas-Forscher, Universität Leipzig
… ist Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Leipzig. Er leitet die Adipositas-Ambulanz für Erwachsene und ist Direktor des Helmholtz-Instituts für Metabolismus-, Adipositas- und Gefäßforschung. Er gehört zu den führenden Adipositas-Forschern weltweit.
Seine Forschung konzentriert sich auf die biologische Funktion und Verteilung des Fettgewebes sowie dessen Rolle bei der Entstehung von Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ 2 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Auch für Ärzte ist die Verordnung einer Tablette einfacher. Sie muss morgens nüchtern eingenommen werden. Erst eine halbe Stunde später darf man etwas essen. Die Wirkung ist ähnlich wie bei der Spritze. In Studien verloren die Teilnehmer im Durchschnitt etwa 13 Prozent ihres Ausgangsgewichts.
Die einfache Anwendung als Tablette könnte mehr Menschen den Einstieg in eine Behandlung ermöglichen. Dennoch müssen Nutzen und mögliche Risiken immer individuell abgewogen werden.
Die Abnehmpille sei kein Lifestyleprodukt. Es gebe aber genug Fälle, in denen eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse gerechtfertigt sei, sagt Sylvia Weiner, Adipositas-Chirurgin am Krankenhaus Sachsenhausen.
01.09.2026 | 10:56 minZDFheute: Muss das Medikament lebenslang eingenommen werden?
Blüher: Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Deshalb kann eine langfristige Therapie nötig sein. Versuche, das Medikament abzusetzen, sind dennoch möglich. Manche Menschen verändern während der Behandlung ihr Ess- und Bewegungsverhalten und können ihr Gewicht anschließend halten.
Bei der großen Mehrheit wird aber zumindest ein Teil des Gewichts zurückkommen. Denn nach dem Absetzen wirken die biologischen Mechanismen wieder stärker, die den Appetit und die Sättigung beeinflussen.
Das Medikament macht nicht abhängig und muss nicht ausgeschlichen werden. Eine schrittweise Verringerung der Dosis kann dennoch sinnvoll sein. So lässt sich prüfen, ob eine kleinere Menge genügt, um das Gewicht zu stabilisieren.
Im September ist die neue Abnehmpille verfügbar. Professsor Stephan Martin vom Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum über Einnahme, Nebenwirkungen und Effekte.
31.08.2026 | 5:32 minZDFheute: Wird die Behandlung alle Menschen erreichen, die sie benötigen?
Blüher: Der Zugang ist in Deutschland begrenzt. Medikamente gegen Adipositas werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet. Auch andere Behandlungskonzepte, etwa psychologische Angebote, werden häufig nicht oder nur teilweise bezahlt. Je nach Präparat und Dosis können die Medikamente monatlich etwa 170 bis fast 500 Euro kosten. Damit entscheidet oft der Geldbeutel über die Therapie.
Im Behandlungsalltag könnte ich mit Wirkstoffen wie Semaglutid oft etwas für Adipositas-Patienten tun, aber viele können sich das nicht leisten.
Prof. Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene, Universitätsklinikum Leipzig
Wirkstoffe wie Semaglutid werden von der Krankenkasse nur dann bezahlt, wenn sie zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt werden. Bei Adipositas ohne Typ-2-Diabetes ist das nicht vorgesehen.
Das führt zu einer Ungleichbehandlung zweier chronischer Erkrankungen. Der Zugang zu einer wirksamen Behandlung bei krankhaftem Übergewicht wird so zu einer sozialen Frage. Ich plädiere dafür, Adipositas früher zu behandeln und Folgeerkrankungen möglichst zu verhindern.
Um die Abnehmpille mit gutem Gewissen in unser Kassensystem zu integrieren, brauche es noch mehr Erfahrung über Langzeitfolgen, sagt Gesundheitsökonom Professor Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld.
01.09.2026 | 10:11 minZDFheute: Wie sieht die Zukunft der Adipositas-Therapie aus?
Blüher: Die Tendenz wird in absehbarer Zukunft zu weiteren, wirksameren Tabletten gehen, die immer früher und umfangreicher in der Adipositas-Therapie eingesetzt werden können. Sie werden auch viel billiger herzustellen sein als Semaglutid.
Der Baukasten der Möglichkeiten wird in Zukunft also immer größer. Die Werkzeuge werden immer besser und wir werden künftig auch besser entscheiden können, für welchen Menschen mit Adipositas welches Prinzip der Behandlung das beste und das sicherste ist.
Die Abnehmspritze hat sich in Europa als populäres Medikament zur Gewichtsreduktion etabliert. Viele Menschen können damit in kurzer Zeit Gewicht verlieren. Doch die Spritze wirkt nicht bei jedem gleich.
20.03.2026 | 30:14 minDas Interview führte Dr. Thomas Bleich. Er ist Arzt und Redakteur der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
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