Beckenbodenschwäche bei Männern:Harninkontinenz nach Prostata-OP wirksam behandeln
von Maximilian Geschke
Der Beckenboden rückt bei vielen Männern erst in den Fokus, wenn ungewollter Urinverlust zum Problem wird. Was gezieltes Training dann leisten kann und wo die Grenzen liegen.
Nach einer Entfernung der Prostata leiden viele Männer unter Harninkontinenz. Wie gezieltes Beckenbodentraining helfen kann, im Alltag mehr Sicherheit zu gewinnen.
15.09.2026 | 5:09 minÜber Inkontinenz spricht man nicht. Schon gar nicht als Mann. Viele Betroffene verschweigen das Thema aus Scham selbst vor der Partnerin, Familie oder engen Freunden. Dabei ist ungewollter Urinverlust bei Männern keine Seltenheit.
Bei einer Harninkontinenz kann Urin nicht sicher gehalten werden, erklärt Matthias Götze, Leiter des Kontinenzzentrums Brandenburg. Etwa jeder neunte Mann ab 55 Jahren berichtet davon. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil deutlich.
Annähernd die Hälfte der Menschen in Deutschland bekommt laut RKI im Laufe des Lebens Krebs. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen - bei Jüngeren zeigt sich teils ein Rückgang.
29.01.2026 | 0:36 minFunktion des Beckenbodens beim Mann
Der Beckenboden besteht aus Muskeln und Bindegewebe und schließt das Becken nach unten ab. Beim Mann liegt er unterhalb von Blase und Prostata und umgibt Teile der Harnröhre und des Enddarms.
Der Beckenboden hilft, Urin zu halten und die Blase kontrolliert zu entleeren.
Matthias Götze, Facharzt für Urologie
Die Organe im Becken werden vom Beckenboden getragen. Er unterstützt zudem die Schließmuskeln dabei, Harnröhre und Enddarm geschlossen zu halten, etwa wenn der Druck im Bauchraum steigt. Ist dieses Zusammenspiel gestört, kann es zu ungewolltem Urinverlust kommen.
Zur Früherkennung von Prostatakrebs wird die rektale Tastuntersuchung nicht mehr empfohlen, da sie dem PSA-Test deutlich unterlegen ist.
15.09.2025 | 5:06 minUrsachen und Formen von Harninkontinenz beim Mann
Harninkontinenz kann bei Männern unterschiedliche Ursachen haben. Dazu gehören Störungen der Blasenfunktion, neurologische Erkrankungen sowie Folgen einer Prostataoperation.
Häufige Formen sind Drang- und Belastungsinkontinenz. Bei einer Dranginkontinenz zieht sich die Blasenmuskulatur unwillkürlich zusammen. Typisch ist ein plötzlich starker Harndrang. Bei einer Belastungsinkontinenz geht dagegen ohne vorherigen Harndrang Urin verloren, etwa beim Husten, Niesen oder Heben.
Belastungsinkontinenz nach Prostata-OP
Eine Belastungsinkontinenz kann insbesondere nach einer radikalen Entfernung der Prostata auftreten. Bei der Operation werden neben der Prostata auch ein Teil der Harnröhre und der innere Schließmuskel entfernt.
Der äußere Schließmuskel bleibt möglichst erhalten und übernimmt mit dem Beckenboden die Verschlussfunktion. Sind sie zu schwach, kann der Urin nicht in der Blase zurückgehalten werden, vor allem bei körperlicher Belastung.
Das Risiko einer anhaltenden Inkontinenz wird zudem von individuellen Faktoren wie Alter, Übergewicht und Vorerkrankungen beeinflusst. Auch eine Bestrahlung nach der Prostataentfernung kann laut Götze die Kontinenz negativ beeinflussen, etwa wenn Vernarbungen im Operationsgebiet die Schließfunktion der Harnröhre beeinträchtigen.
Die Diagnose Blasenkrebs kommt für viele Betroffene überraschend. Oft muss im Rahmen der Therapie die Blase entfernt werden.
12.03.2025 | 4:59 minWie Beckenbodentraining bei Belastungsinkontinenz hilft
Nach einer Prostataoperation kann regelmäßiges Beckenbodentraining helfen, die Kontinenz zu verbessern. Die Übungen werden in der Reha oder im Rahmen verordneter Physiotherapie erlernt und anschließend selbstständig fortgeführt.
Götze empfiehlt, möglichst schon vor einer geplanten Operation damit zu beginnen, um ein Gefühl für den Beckenboden zu bekommen.
Beckenbodentraining für Männer: Darauf kommt es an
Viele Männer haben Schwierigkeiten, ihren Beckenboden wahrzunehmen. Eine physiotherapeutische Anleitung ist daher besonders zu Beginn wichtig, um die richtige Muskulatur gezielt anzusteuern und Fehlbelastungen zu vermeiden.
Sich vorzustellen, man müsse den Urin zurückhalten, ist eine Möglichkeit, die Muskulatur des Beckenbodens zu erspüren. Dabei versucht man, den Beckenboden sanft nach innen und oben zu ziehen.
Beim Training sollte vor allem der Beckenboden arbeiten. Gesäß, Oberschenkel und Bauch sollten möglichst locker bleiben. Während der Übungen normal weiteratmen. Das heißt: Die Luft nicht anhalten und nicht pressen.
Nach jeder Anspannung sollte man den Beckenboden bewusst wieder lockerlassen. Auch die richtige Entspannung des Beckenbodens gehört zu einer sauberen Ausführung der Übung.
Beckenbodentraining braucht Geduld. Die Erholung der Kontinenz ist individuell und kann sich auch noch viele Monate nach einer Prostataoperation verbessern. Die erlernten Übungen sollten deshalb regelmäßig in den Alltag eingebaut und selbstständig fortgeführt werden.
Wenn Beckenbodentraining nicht ausreicht
Bleiben die Beschwerden trotz Beckenbodentraining bestehen, können ergänzend Verfahren wie Biofeedback oder Elektrostimulation eingesetzt werden. Reichen konservative Maßnahmen nicht aus, kommen operative Verfahren infrage. Eine Operation sollte jedoch die letzte Option sein, so Götze.
Entscheidend ist nicht allein das Ausmaß der Inkontinenz, sondern auch, wie stark sie den Alltag und die Lebensqualität des Betroffenen beeinträchtigt.
Matthias Götze, Facharzt für Urologie
Eine Möglichkeit ist das Einsetzen eines Kontinenzbands oder Ballonsystems, eine andere das Einsetzen eines künstlichen Schließmuskels. Dabei hält eine Manschette um die Harnröhre diese geschlossen. Zum Wasserlassen wird sie über eine kleine Pumpe geöffnet.
Manche Betroffene merken von Harnsteinen gar nichts, andere krümmen sich vor Schmerzen. Vor allem, wenn sich der Urin staut, ist rasche Hilfe gefragt.
06.02.2025 | 5:34 minMit dem Verfahren lassen sich laut Götze Kontinenzraten bis zu 90 Prozent erreichen. Allerdings kann die Manschette mit der Zeit die Harnröhre schädigen und weitere Eingriffe nötig machen.
Betroffene sollten ihre Beschwerden nicht aus Scham verschweigen. Es gibt wirksame Hilfe. Eine urologische Abklärung kann zeigen, welche Behandlung im Einzelfall passend ist.
Hilfe bei Inkontinenz
Bei anhaltendem oder neu auftretendem Urinverlust ist eine urologische Praxis die erste Anlaufstelle. Dort kann geklärt werden, welche Form der Inkontinenz vorliegt, was die Ursache ist und welche Behandlung infrage kommt.
Bei stärkeren oder länger bestehenden Beschwerden können spezialisierte Zentren weiterhelfen. Dort arbeiten verschiedene Fachrichtungen zusammen und beraten auch zu weiterführenden oder operativen Behandlungsmöglichkeiten. Anerkannte Beratungsstellen und Zentren listet die Deutsche Kontinenz Gesellschaft.
Der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen, mit dem häufig schambesetzten Thema offener umzugehen und Erfahrungen zu teilen. Der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe zum Beispiel vermittelt bundesweit Gruppen für Männer nach einer Prostatakrebserkrankung.
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