Kommission empfiehlt umfassende Reformen:Der verzettelte Sozialstaat
von Jan Henrich & Johannes Lieber
Über die Kosten des Sozialstaats wurde in den vergangenen Monaten viel diskutiert. Eine Expertengruppe sieht den größten Reformbedarf aber vor allem in einem Punkt: der Bürokratie.
Eine Kommission aus Bund, Ländern und Kommunen schlägt effizientere, einfachere und digitale Sozialsysteme vor. Arbeitsministerin Bas betont, dass es keine Leistungskürzungen geben soll.
27.01.2026 | 1:02 minAnhand einer Modellperson, die das Sozialamt Köln entwickelt hat, wird das Problem deutlich: Josefine, 35 Jahre alt. Sie hat eine Teilerwerbsminderung und pflegt ihren demenzkranken Vater. Um alle ihr zustehenden Sozialleistungen abzurufen, müsste sie 18 unterschiedliche Stellen anlaufen.
Es sind solche Beispiele, auf die die Empfehlungen der Kommission zur Sozialstaatsreform abzielen. Die im Sommer von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) eingesetzte Arbeitsgruppe hat am heutigen Dienstag ihre Ergebnisse vorgelegt und setzt dabei vor allem auf die Vereinfachung von Sozialleistungen.
Experten halten die Vorschläge für sinnvoll. Ob sie zu Einsparungen führen, steht aber auf einem anderen Blatt. Und das Dickicht aus Zuständigkeiten und Anträgen bei den Sozialsystemen zu lichten, wird voraussichtlich eine langwierige Aufgabe.
Die Bundesregierung will den deutschen Sozialstaat grundlegend reformieren. Bisher tut sich die Koalition allerdings schwer – und im Superwahljahr dürfte es nicht leichter werden.
11.01.2026 | 3:16 minAutomatisches Kindergeld und weniger Anlaufstellen
Unter anderem sehen die Empfehlungen vor, dass steuerfinanzierte Sozialleistungen wie beispielsweise Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld vereinheitlicht werden. Für diese soll es mit dem Jobcenter bei Erwerbstätigen und den kommunalen Sozialämtern bei Nicht-Erwerbstätigen nur noch zwei zuständige Behörden geben. Außerdem sollen Leistungen wie das Kindergeld künftig automatisch nach der Geburt und nicht erst nach Beantragung ausgezahlt werden.
Bas hob bei der Vorstellung hervor, dass im Zuge der geplanten Reformen keine Sozialleistungen gekürzt werden sollen. Ziel sei es, den Sozialstaat "einfacher, gerechter und digitaler" zu machen.
Arbeitsministerin Bas fordert eine schnelle Umsetzung einer grundlegenden Reform. Die Meinungen gehen auseinander, ob die Vorschläge der große Wurf und der richtige Weg für den Sozialstaat sind.
27.01.2026 | 1:49 minÜber 500 verschiedene Sozialleistungen in Deutschland
Kern der Reformvorschläge ist auch der Aufbau einer einheitlichen digitalen Infrastruktur für Sozialleistungen. Die Kommission empfiehlt ein zentrales Portal, bei dem Informationen von Antragstellern gebündelt werden. Derzeit müssten Antragsteller häufig gleiche Angaben bei mehreren Stellen einzeln einreichen.
Die Sozialverwaltungen sind digital nicht auf der Höhe der Zeit.
Kommission zur Sozialstaatsreform
Wie zerstückelt die Sozialsysteme in Deutschland sind, wird anhand einer Erhebung des ifo-Instituts vom Oktober 2025 deutlich. Die Forscher hatten insgesamt 502 verschiedene Sozialleistungen in Deutschland identifiziert. Allein in den Sozialgesetzbüchern seien dafür 3.246 Paragraphen einschlägig.
Im Interview mit ZDFheute kritisiert Yasmin Fahimi, dass die Bundesregierung beim Sozialstaat kürzen wolle. Das würde nicht zu einem höheren Wirtschaftswachstum führen, so Fahimi.
20.01.2026 | 4:08 minExpertin: Jetzt nicht "das Haar in der Suppe suchen"
Als einen "wirklich ganz tollen ersten Aufschlag" bezeichnet Katja Robinson bei ZDFheute die Vorschläge der Kommission. Robinson ist Professorin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen und leitete davor das Kölner Sozialamt. In dieser Funktion war sie auch an der Entwicklung von Modellperson Josefine beteiligt.
Wichtig sei jetzt, die Ideen noch genauer zu konzipieren und "möglichst schnell auf die Straße zu bringen".
Ich glaube, wichtig ist jetzt, dass wir alle miteinander konstruktiv die Umsetzung voranbringen und wir jetzt nicht im deutschen Perfektionismus wieder nur das Haar in der Suppe suchen.
Katja Robinson, Professorin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen
Weniger Anträge, mehr Digitalisierung, ein neues Sozialsystem. Eine Kommission zur Reform des Sozialstaats legt heute ihre Pläne vor. Opposition und Verbände üben Kritik.
27.01.2026 | 2:01 minUnion zufrieden mit Ergebnissen der Kommission
Ein Umbau im Sozialsystem ohne Leistungskürzungen: Die Vorschläge der Kommission dürften ganz nach dem Geschmack der SPD sein. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) signalisierte auf dem Wirtschaftsgipfel der "Welt" Zustimmung zu den Vorschlägen:
Sie übertreffen meine Erwartungen, weil hier wirklich eine grundlegende Strukturreform in den sozialen Sicherungssystemen vorgenommen wird.
Friedrich Merz, Bundeskanzler
Schon jetzt ist aber zu erwarten, dass die Verhandlungen in der Koalition kompliziert werden dürften. Wenn es einfacher und unbürokratischer wird, die Leistungen abzurufen, und damit mehr Menschen erreicht werden, könnte das System sogar mehr Geld kosten als weniger. Ein Punkt, den besonders die Union wohl versuchen wird, zu verhindern.
Keine schnellen Ergebnisse zu erwarten
Dass die Vorschläge auch schnell umgesetzt werden, ist allerdings trotz der grundsätzlichen Zustimmung beider Koalitionspartner nicht zu erwarten. Man wolle die "gesetzgeberischen Grundlagen möglichst bis Ende 2027" schaffen, kündigte Ministerin Bas im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF an. Bis die Reformen spürbar seien, werde es aber noch "über diese Legislaturperiode hinaus dauern".
Ziel ist laut einem Papier des Ministeriums, die Grundlage für "zukünftige Bundesregierungen" zu schaffen. Die Verwaltung soll also schnell und effizient werden, doch bis es soweit ist, wird es noch lange dauern.
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