Schwarz-Rot vor großen Aufgaben:Wie reformfähig ist Deutschland?
von Stefanie Reulmann
Überforderte Sozialsysteme, marode Infrastruktur, eine lahmende Wirtschaft - das Land braucht dringend Reformen. Doch bei der Umsetzung hakt es häufig. Warum eigentlich?
Die Bundesregierung will den deutschen Sozialstaat grundlegend reformieren. Bisher tut sich die Koalition allerdings schwer – und im Superwahljahr dürfte es nicht leichter werden.
11.01.2026 | 3:16 minEin Erkenntnisproblem hat die Politik nicht. Es ist fünf vor zwölf. Die Sozialsysteme stehen vor dem Kollaps. Die Standortbedingungen für Betriebe sind schlecht. Hohe Arbeits- und Energiekosten, hohe Steuern und überbordende Bürokratie belasten die Unternehmen. Viele sind nicht mehr wettbewerbsfähig.
Politik hat falsche Prioritäten gesetzt
In den vergangenen 20 Jahren habe man "so getan, als würden die guten Zeiten nie enden", sagt der Wirtschaftsexperte Daniel Stelter im ZDF. Die Politik habe "falsche Prioritäten" gesetzt, Geld für Konsum statt für Investitionen verwendet.
Nun rächt sich das.
Daniel Stelter, Ökonom
Mit dem 500-Milliarden-Sondervermögen hat die Bundesregierung viel Geld in die Hand genommen, um notwendige Investitionen in Infrastruktur vorzunehmen. Viel wurde versprochen, doch bisher wenig umgesetzt.
Im winterlichen Seeon endet die CSU-Winterklausur. Bundeskanzler Merz fordert mehr Wirtschaftsreformen und betont die Bedeutung von Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft.
08.01.2026 | 2:38 minReformstau durch massive Bürokratie
Das geringe Reformtempo in Deutschland sei auch den staatlichen Strukturen geschuldet, die in den letzten Jahrzehnten "extrem komplex" und damit "fast langsamer" geworden seien, sagt die Medienmanagerin Julia Jäkel, die im Herbst 2024 die "Initiative für einen handlungsfähigen Staat" mitgegründet hat:
Übereinander haben sich Dinge gestapelt, während die Welt da draußen eigentlich immer schneller wurde, immer digitaler wurde, immer technologiegetriebener wurde.
Julia Jäkel, Medienmanagerin
Um wieder effizienter zu werden, müsse man den Staat modernisieren, verkrustete Strukturen aufbrechen und die Bürger mehr einbinden. Diese Reformen könnten dann auch das Vertrauen in den Staat und seine Handlungsfähigkeit stärken, sagt Jäkel im ZDF. Die Bürger wünschten sich "einen Staat, der funktioniert".
Erste Modernisierungsmaßnahmen wurden bereits umgesetzt. Wenn etwa ein Bürger oder Unternehmen etwas beantragt und die Behörde reagiert über drei Monate nicht, gilt das Vorhaben als genehmigt.
Die Bundesregierung hat ein Online-Portal für Bürgerinnen und Bürger, die unnötige Bürokratie melden wollen, eröffnet. Das Ziel: Vorschriften verschlanken und Abläufe vereinfachen.
12.12.2025 | 0:25 minWirtschaft kritisiert "übergriffigen Staat"
Auch in der Wirtschaft hofft man auf Entlastungen durch Reformen. Die Schwächung der Wirtschaft habe sich "schleichend entwickelt", sagt Andrea Thoma-Böck, Unternehmerin und Präsidentin der IZW (Initiative Zukunft Wirtschaft) im ZDF. Der Staat sei "dominant" und "übergriffig" geworden und habe die unternehmerische Freiheit durch Regularien "immer weiter eingeengt", so dass wir "nicht mehr wettbewerbsfähig sind".
Die Unternehmerin sieht zudem eine "Entfremdung von Politik und Wirtschaft", es fehle an Wirtschaftssachverstand in der Politik, an Verständnis und Praxisnähe. Sie appelliert an die Politik "Unternehmertum nicht als Feind zu sehen" und fordert, die "Diskussionskultur" zu ändern und mehr Kritik zuzulassen.
Nach Jahren der Flaute setzt Deutschland auf Reformen und Investitionen. Doch wird 2026 tatsächlich das Jahr des Aufschwungs - oder bleibt die Erholung ein Strohfeuer?
08.12.2025 | 4:09 minGroßes Interesse "an Krise und an Streit"
Reformvorhaben gehen häufig mit Streitigkeiten in Regierungskoalitionen einher. Jede Partei nutzt das Ringen um Kompromisse für die eigene Profilierung, das große Ganze gerät oft in den Hintergrund. Das nimmt die Öffentlichkeit wahr, denn "das Interesse an Krise und an Streit ist leider gemeinhin ein bisschen größer in unserem Land", sagt Medienmanagerin Jäkel.
Franziska Brantner, Parteivorsitzende der Grünen und ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium appelliert an die Bundesregierung, nicht die gleichen Fehler wie die Ampel-Koalition zu machen, die über ihre Zerwürfnisse zerbrochen ist:
Ich denke, dass diese Regierung jetzt daraus lernen sollte, dass man sich gegenseitig auch mal was gönnen muss, dass man die Dinge gemeinsam angeht.
Franziska Brantner, Parteivorsitzende der Grünen
Die SPD regiert mit der Union im Bund. In Umfragen fällt sie zurück. Wir schauen auf das Wahljahr und auf die Perspektiven der Partei.
08.01.2026 | 2:20 minMiersch nennt SPD "absolut reformbereit"
Das will auch Bundeskanzler Friedrich Merz, der in der vergangenen Woche einen Brief an die Abgeordneten von CDU/CSU und SPD geschrieben hat. Darin bezeichnet er die Wirtschaftslage in einigen Bereichen als "sehr kritisch" und fordert die Koalition auf, im neuen Jahr gemeinsam daran zu arbeiten, die Probleme im Land zu lösen.
Seine Partei sei "absolut reformbereit", sagt SPD-Fraktionschef Matthias Miersch im ZDF.
Wir brauchen eine gute Wirtschaft, eine laufende Wirtschaft, damit wir uns auch eine soziale Sicherung leisten können.
Matthias Miersch, SPD-Fraktionsvorsitzender
Gleichzeitig sei "eine soziale Sicherung auch die notwendige Voraussetzung" für Stabilität in diesem Land.
Die Union hat große Pläne für 2026 – die "Chance zum Aufbruch" in ein Jahr voller Wirtschaftswachstum und Sozialreformen. "Ich bin zuversichtlich", sagt Generalsekretär Carsten Linnemann (CDU).
09.01.2026 | 7:39 minParteien wollen Wählerklientel schonen
Doch die Reformen der sozialen Sicherungssysteme werden aufgrund der prekären Finanzlage mit massiven Einschnitten für die Bürger verbunden sein. Ein Schritt, vor dem die Parteien oft zurückschrecken, aus Sorge vor einer Abstrafung durch die Wähler. Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ist dieses Schicksal nach seinen Hartz-Reformen widerfahren. Für viele Politiker ein abschreckendes Beispiel.
Wir leben aktuell in einer Welt, die "Reformen dringender nötig macht, gleichzeitig aber schwerer macht, weil sie schwerer zu vermitteln sind", gibt der Ökonom Stelter zu bedenken. Grünen-Chefin Brantner mahnt daher, bei Reformen vor allem die Gerechtigkeit im Blick zu haben:
Alle werden mehr leisten, aber es muss fair zugehen, zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, Ost und West. Und wenn man das hinbekommt, dann kann man dieses Land auch reformieren.
Franziska Brantner, Parteivorsitzende der Grünen
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