Was die Parteien für Schulen planen:Sachsen-Anhalts Probleme mit der Bildung
von Annette Pöschel
Sachsen-Anhalts Schulen haben ein Personalproblem. Darunter leiden besonders die Schüler, deren Unterricht häufig ausfällt. Wie die Parteien das Problem angehen wollen.
Eines der drängendsten Probleme in Sachsen-Anhalt ist laut ZDF-Politbarometer die Bildung, denn im Land herrscht Lehrermangel. Welche Pläne haben die Parteien vor der Wahl?
31.08.2026 | 1:56 minSeit mehr als zehn Jahren leitet Solveig Lamontain die Sekundarschule "Karl Marx" in Gardelegen. Und mindestens genauso lange kämpft sie mit dem Lehrermangel. In den schlechtesten Zeiten fiel rechnerisch mehr als jede vierte Schulstunde aus.
Mittlerweile hat sich die Situation verbessert - doch auch in diesem Jahr beträgt die Unterrichtsversorgung nur rund 91 Prozent. Das bedeutet - jede Woche können 50 Unterrichtsstunden nicht gegeben werden: "Darum haben wir schon vor Jahren in einigen Fächern die Anzahl der Stunden gekürzt. Das betrifft die Fächer Ethik, Religion, Hauswirtschaft, Technik", berichtet Lamontain.
Brandenburg kämpft mit akutem Lehrermangel, besonders in Prüfungsfächern. Bildungsministerin Hoffmann hält es für möglich, Beamte künftig an Schulen mit Personalnot zu versetzen.
08.07.2026 | 1:32 minDeutsch, Mathematik, Englisch: Schüler müssen zuhause nacharbeiten
Mittlerweile ist auch das Kernfach Mathematik betroffen. Hier bleibt vor allem das Üben auf der Strecke. Wenn Schülerinnen und Schüler zuhause nicht alleine nacharbeiten und auch Eltern nicht helfen können, dann bleibt nur noch teure Nachhilfe. Und die können sich hier nur wenige leisten:
Wenn ich keine Möglichkeit habe, dann falle ich hinten runter und komme mit Note Vier oder Fünf raus.
Solveig Lamontain
Besonders schmerzlich fällt das den Schülerinnen und Schülern in den Hauptfächern Deutsch, Englisch und Mathematik auf die Füße. Denn schriftliche Prüfungen werden vom Land gestellt.
Dann stellt sich die Frage, erfüllen unsere Schüler alle Kriterien, diesem Schulabschluss auch gerecht zu werden? Und das können wir mit Sicherheit verneinen.
Solveig Lamontain
Seit Monaten polarisiert das sogenannte Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt. Kurz vor der Landtagswahl überprüft "frontal" besonders umstrittene Vorhaben: Pflege, Kultur und Bildung.
25.08.2026 | 13:22 minSachsen-Anhalt: Mangelnde Bildungsgerechtigkeit an vielen Schulen
Das ist frustrierend für das Kollegium in Gardelegen wie auch in vielen anderen Schulen Sachsen-Anhalts, wo der Lehrermangel oft noch drastischer, der Ausfall an Stunden noch höher ist. Denn das hat auch was mit mangelnder Bildungsgerechtigkeit zu tun.
Die CDU leitet seit zehn Jahren das Bildungsministerium. Viele Maßnahmen wurden angestrengt, den Lehrermangel zu reduzieren: Werben um Seiteneinsteiger oder um Lehrer aus dem Ausland. Praxislerntage sollen den Stundenplan entlasten und ein neues duales Studium die Ausbildung attraktiver machen. Stipendien angehende Pädagogen an den ländlichen Raum binden. Das will die CDU fortführen.
Bildungsvorhaben in Sachsen-Anhalt
- Veraltete Lehrpläne überarbeitet werden, zugunsten moderner Schlüsselkompetenzen
- Fortsetzung des "Weltenretter"-Stipendiums zur gezielten Anwerbung von Lehramtsstudenten in "Bedarfsregionen"
- Verbindliche Sprachstandserhebung, gezielte Förderung vor der Einschulung und enge Kooperation von Grundschule und Hort
- Brennpunkt- und Förderschulen sollen besser ausgestattet werden
- Die CDU hält am gegliederten Schulsystem fest
- Eine Bildungspflicht einführen und Hausunterricht ermöglichen
- Es soll wieder eine verbindliche Schullaufbahnempfehlung geben, durch Grundschullehrer
- Deckelung des Zugangs zum Abitur: maximal 25 Prozent werden zugelassen
- Heimatkundeunterricht, Deutschlandflagge und Nationalhymne sollen eingeführt, Regenbogenflagge verboten werden
- Pensionierte Lehrer sollen reaktiviert und Klassengrößen "flexibilisiert", d.h. vergrößert werden können
- Sonderklassen für Kinder von Flüchtlingen; sie sollen möglichst von anderen Flüchtlingen unterrichtet werden
- Eine Abkehr vom mehrgliedrigen Schulsystem. Sie möchte wieder zehnjährige Vollzeitschulpflicht einführen
- Horte in den Grundschulen und bedarfsgerechten Ausbau der ganztätigen Betreuung an weiterführenden Schulen
- Inklusion soll an allen Regelschulen ausgebaut werden
- Ausbau multiprofessioneller Teams an Kitas und Schulen, um Lehrkräfte zu entlasten. Dabei soll Sozialarbeit dauerhaft gestärkt werden
- Lehrkräfte von administrativen und organisatorischen Aufgaben entlasten durch Einsatz von Schulverwaltungs- und Digitalassistenten
- Mehr politische Bildung und Mitbestimmung der Schüler sowie Maßnahmen gegen Rechtsextremismus
- Eine Abkehr vom mehrgliedrigen System und strebt nur Gymnasium und Gemeinschaftsschule als weiterführende Formen an
- Verbindliche Kooperationen zwischen Kitas und Grundschulen, frühere Schuleingangsuntersuchungen, stärkere Sprachförderung
- Mehr Zeit im Stundenplan für Lesen, Schreiben, Rechnen
- Faire Bezahlung und qualifizierte Begleitung für Seiteneinsteigende
- Multiprofessionelle Teams (Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Förderpädagogik) sollen gestärkt werden
- Unter 14 Jahren grundsätzlich kein Zugang zu Social Media
- Unterstützung für Lehrkräfte, die Haltung gegen Rassismus, Antisemitismus und Extremismus zeigen
- Landesschulbauprogramm: barrierefrei, klimafit (Beschattung/Kühlung), neue Raumkonzepte
- Zuständigkeit für Schulen, Kitas und Horte in einem Ministerium bündeln
- Verbindliche Sprachstandsfeststellung mit Vollendung des 3. Lebensjahres
- Am gegliederten Schulsystem und Förderschulsystem festhalten
- Landesschulamt soll zu einer "Personalserviceagentur" umgebaut werden; Schulleitungen sollen selbst über Personaleinsatz entscheiden
- Keine pauschalen Verbote für Smartphones / Social Media
- Stärkung der MINT-Bildung
- Erweiterter Zugang zum Lehramtsstudium: künftig auch über Fachhochschulreife; "Talent-Scouting" in Vereinen/Jugendarbeit
- Entlastung von unterrichtsfremden Aufgaben durch Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Verwaltungsassistenz, IT-Unterstützung
- Schulnetzwerke statt Schulschließungen: mehrere Standorte organisatorisch zusammenführen, Fachpersonal teilen
- Ab Klasse 7 regelmäßige Unternehmensbesuche und Praktika für alle weiterführenden Schulformen
- Langfristiges Ziel: gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 10. Klasse an einer Schule / einem Schulcampus. Erster Schritt: Verlängerung der gemeinsamen Grundschulzeit bis zur 6. Klasse
- Abschaffung der Sekundarschulen als Schulform. Stattdessen künftig nur noch Gymnasien und Gemeinschaftsschulen mit gymnasialer Oberstufe
- Gemeinsamer, inklusiver Unterricht soll zum Normalfall werden; deutliche Reduzierung der Förderschulen
- Im Ländlichen Raum soll die "Dorfgrundschule" erhalten werden
- Alle allgemeinbildenden Schulen sollen zu Ganztagsschulen mit Einbindung von Volkshochschulen, Musikschulen, Sportvereinen, Ehrenamt werden
- Kostenfreier Zugang zu Lernmitteln, gesundem Mittagessen und Menstruationsprodukten
- Neues generalisiertes "Stufenlehramt" für weiterführende Schulen statt schulformbezogenem Lehramt; neues Primarstufenlehramt mit Fokus auf inklusives Lernen
- Die frühzeitige Selektion in der 4. Klasse abschaffen. Stattdessen gemeinsames Lernen bis Klasse 6, perspektivisch bis Klasse 8
- Gemeinschaftsschulen als Leitmodell
- Inklusion soll flächendeckend mit ausreichend Fachkräften und verlässlicher Finanzierung umgesetzt werden
- Verbindliches Smartphone-Verbot im Schulalltag (im Unterricht bis Klasse 8)
- Absenkung der Unterrichtsverpflichtung um 1–2 Stunden zur Entlastung der Lehrer
- Ausreichende Vertretungsreserve, aufgewertete Schulsekretariate
- Jede Schule soll mindestens eine feste Stelle für Sozialarbeit erhalten
- Kostenfreie, gesunde Schulverpflegung (auch in Kitas); Ernährungsbildung
Entlastung von Lehrkräften bei unterrichtsfernen Aufgaben
Und die anderen Parteien? In den Wahlprogrammen herrscht weitgehend Einigkeit in einem Punkt: Die Lehrkräfte von unterrichtsfernen Aufgaben zu entlasten, etwa der Verwaltungsarbeit. Bis auf die AfD setzen alle Parteien, die derzeit im Landtag sitzen, und das BSW auf Unterstützung durch mehr Personal wie zum Beispiel Schulsozialarbeit oder von Verwaltungs- und Digitalassistenten.
Die bisherigen Koalitionspartner SPD und FDP setzen unterschiedliche Akzente: Die SPD will vor allem die bestehenden 1.200 Studienplätze sichern und älteren Lehrkräften wieder mehr Entlastungsstunden geben. Die FDP möchte auch Fachabiturienten das Lehramtsstudium ermöglichen. Sie schlägt ein strukturiertes 1,5-jähriges Qualifizierungsprogramm für Quereinsteiger vor und eine "Talent-Scouting-Offensive" im Bereich der Jugendarbeit.
Bei einem Projekt der TU Dresden unterrichten Lehramtsstudierende schon während ihres Studiums an Schulen, um dort Praxiserfahrung zu sammeln. Das soll dem Lehrermangel entgegenwirken.
17.02.2026 | 1:58 minAusbildung für Lehrer: Grüne und Linke wollen grundlegenden Umbau
Die Oppositionsparteien Grüne und Linke wollen das Ausbildungssystem grundlegender umbauen. Statt einer Lehramtsausbildung entsprechend der Schulformen soll das Studium auf die Stufen ausgerichtet werden (also Primar- und Sekundarbereich).
Die Linke will verbindliche Personalschlüssel gesetzlich festschreiben und 200 zusätzliche Studienplätze schaffen. Die Grünen schlagen Gehaltszuschläge für Mangelregionen und -fächer vor. Auch soll das Referendariat verbessert werden.
AfD will "Experiment Inklusion" beenden
Die bislang größte Oppositionspartei AfD setzt auf die Reaktivierung pensionierter Lehrkräfte und will den Lehrerberuf attraktiver machen durch Stärkung der Autorität und Konzentration auf die eigentlichen Unterrichtstätigkeit. Dazu beitragen soll die Beendigung des "Experiments Inklusion" und dass Flüchtlinge nur noch in Sonderklassen unterrichtet werden.
Die AfD liegt in Umfragen vorn – sie will "Geschichte schreiben". Sänger Herbert Grönemeyer will mit einer Initiative gleichzeitig Menschen aus dem ganzen Land zusammen bringen.
28.08.2026 | 2:59 minDas BSW, das aktuell nicht im Landtag sitzt, fokussiert weniger auf die Ausbildung neuer Lehrkräfte als auf die Arbeitsbedingungen: Die Unterrichtsstunden sollen reduziert werden, es soll mehr Vertretungsreserve geben und einen verlässlichen Berufseinstieg für alle Absolventen.
Weil all die Maßnahmen nicht schnell umzusetzen sind, wünscht sich Solveig Lamontain in Gardelegen vor allem eins: Mehr Freiheiten, sich selbst um künftige Lehrerinnen und Lehrer bemühen zu können.
Annette Pöschel berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Sachsen-Anhalt.
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