Steigende Kosten und geplante Reform:Pflegekosten: Wenn die Rente nicht mehr reicht
von Anne-Kirstin Berger
Immer mehr Pflegebedürftige können Eigenanteile nicht zahlen und benötigen Sozialhilfe - die Pflegereform könnte das noch verschärfen. Was Betroffene aus ihrem Alltag schildern.
Steigende Eigenanteile bringen Pflegebedürftige und Angehörige an ihre Grenzen, zu Hause wie im Heim. Das Gesetz zur Pflegereform wird voraussichtlich im Herbst in den Bundestag gehen.
23.07.2026 | 2:40 minDer Brief von letzter Woche raubt Waltraud Heimbruch den Schlaf. Die 80-Jährige ist querschnittsgelähmt und hat den höchsten Pflegegrad. Ihre Tochter kümmert sich zu Hause um sie, zusätzlich kommt dreimal täglich der Pflegedienst. Doch letzte Woche kam Post: Die Kosten für den Pflegedienst werden steigen - wieder einmal. "Jetzt habe ich langsam Angst, dass das Geld nicht mehr reicht", sagt Heimbruch.
Wenn Pflegekosten die Rente übersteigen
Wenn sie ins Pflegeheim müsste, so Heimbruch, dann ginge es nicht mehr ohne Sozialhilfe. In Niedersachsen, wo sie wohnt, liegt der Eigenanteil für die Pflege im Heim im ersten Jahr bei 3.008 Euro pro Monat. Im deutschen Durchschnitt sind es 3.364 Euro - weit mehr als das gesamte mittlere Nettoeinkommen von Rentnern im Monat (rund 2.000 Euro). Selbst wer, wie Waltraud Heimbruch, sein Leben lang gearbeitet hat, kann sich die Pflege im Heim oft nicht leisten:
Das finde ich nicht richtig, wenn man trotz guter Rente doch nicht auskommen kann, und dann doch irgendwann abrutscht in die Sozialhilfe und alle anderen mitbelastet.
Waltraud Heimbruch, Rentnerin
Der Rentnerin Christel Henke ist genau das passiert. Sie wohnt seit zwei Jahren in einem Pflegeheim im niedersächsischen Bad Fallingbostel. Die Pflegeversicherung übernimmt 30 Prozent ihrer Kosten - es bleiben mehr als 2.000 Euro Eigenanteil, den sie nicht komplett aufbringen kann. "Es bleibt uns nichts anderes übrig, als Sozialhilfe dazu zu beantragen", sagt Henke. Sie schämt sich nicht dafür - es gehe ja vielen so.
Die Kosten für Pflegeheimbewohner steigen weiter. Laut einer Auswertung des Verbands der Ersatzkassen liegt der Eigenanteil im bundesweiten Schnitt bei 3.364 Euro - 256 Euro mehr als im Juli 2025.
14.07.2026 | 0:27 minForscher: Ein Drittel im stationären Bereich bekommt Sozialhilfe
Die Sozialhilfe ist längst nicht mehr das letzte Rettungsnetz für Härtefälle, so Pflegeforscher Heinz Rothgang von der Universität Bremen. "Inzwischen haben wir im stationären Bereich mehr als ein Drittel der Pflegebedürftigen, die schon auf Sozialhilfe angewiesen sind, Tendenz deutlich steigend. Das wird auf 40 Prozent hochgehen in den nächsten zwei, drei Jahren."
Für Menschen in Pflegeheimen übernimmt die Pflegeversicherung einen Teil der Kosten für den Heimaufenthalt - 15 Prozent im ersten Jahr, 30 Prozent im zweiten, bis 75 Prozent ab dem vierten Jahr. Geht es nach den Reformplänen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU), werden diese Zeiträume gestreckt und höhere Zuschüsse jeweils sechs Monate später gezahlt. In der Praxis bedeutet das höhere Eigenanteile für Pflegebedürftige.
Fast sechs Millionen Menschen sind in Deutschland auf Pflege angewiesen - gleichzeitig fehlt es an Zeit und Personal. Was will die Politik ändern - und wie dringend ist die Reform?
16.06.2026 | 6:04 minExperten streiten über Pflegefinanzierung
Der Rat der Wirtschaftsweisen geht mit seinen Empfehlungen für ein generationengerechtes Pflegesystem im Frühjahrsgutachten noch einen Schritt weiter und befürwortet pauschale Zuschüsse zu den Pflegekosten ganz abzuschaffen. Wer kann, soll selbst für die Pflege aufkommen, nur Bedürftige sollen Hilfe bekommen.
"Bisherige Reformen der sozialen Pflegeversicherung zielten vor allem auf eine Verbesserung der pflegerischen Versorgung ab. Künftige Reformen sollten die Finanzierung generationengerechter gestalten sowie eine bedarfsgerechte Versorgung und die Eigenverantwortung der Pflegebedürftigen berücksichtigen", so das Gutachten.
In Finnland leben ältere Menschen in Pflegefamilien statt in Heimen. Dieses Modell bietet persönliche Betreuung und mehr Alltagsteilhabe und gilt als günstige Alternative zur klassischen Pflege.
21.07.2026 | 2:15 minKritik an geplanter Pflegereform der Bundesregierung
Pflegeforscher Heinz Rothgang dagegen kritisiert gegenüber ZDFheute die Pläne der Bundesregierung: Es werde dadurch mehr Sozialhilfeempfänger geben und damit auch mehr Ausgaben für die Kommunen - denn sie seien für Sozialhilfe zuständig, ächzten aber jetzt schon unter leeren Kassen. Dennoch:
Niemand bleibt in Deutschland unversorgt. Das ist immerhin etwas, denn im Notfall ist die Sozialhilfe ja da und springt ein.
Heinz Rothgang, Pflegeforscher
Doch auch ein anderer Vorschlag steht mit dem Entwurf zur Pflegereform im Raum: Kinder von Pflegebedürftigen stärker in die Pflicht zu nehmen. Bisher müssen sie sich bis zu einer Einkommensgrenze von 100.000 Euro nicht an den Kosten beteiligen. Die Bundesregierung wird wohl im Herbst darüber diskutieren, ob es dabei bleibt oder Angehörige künftig mehr zahlen müssen.
Anne-Kirstin Berger ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Niedersachsen.
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