Pflegereform: Was Angehörige befürchten:"Ich habe mit 40 Grad Fieber gepflegt"
von Benedikt Karl
Seit 22 Jahren pflegt Sabine Schleppy ihren Mann. Durch die geplante Pflegereform fürchtet sie, in Altersarmut abzurutschen.
Fast sechs Millionen Menschen sind in Deutschland auf Pflege angewiesen - gleichzeitig fehlt es an Zeit und Personal. Was will die Politik ändern - und wie dringend ist die Reform?
16.06.2026 | 6:04 minSo hatte sich Sabine Schleppy ihr Leben nicht vorgestellt. Als sie mit ihrem Mann Georg nach Berlin zog, wollten die beiden ihr Großstadtleben genießen, reisen, eine Familie gründen. Doch dann wurde Georg krank und nach mehreren Schlaganfällen zum Pflegefall - und Sabine Schleppy zur pflegenden Angehörigen. Seit 22 Jahren kümmert sie sich um ihren Mann.
Mit dieser Situation ist Sabine Schleppy nicht allein. Deutschlandweit steigt die Zahl der Pflegebedürftigen:
- Im Dezember 2009 waren es laut Statistischem Bundesamt 2,34 Millionen,
- im Dezember 2019 4,13 Millionen,
- im Dezember 2023 5,7 Millionen Menschen.
Ein Großteil von ihnen, knapp 70 Prozent, wurde 2023 zu Hause gepflegt - von Angehörigen wie Sabine Schleppy.
Pflegende Angehörige auf sich gestellt
Pflegen, das ist ein 24/7-Job. Denn mit Pflegegrad 5, der höchsten Pflegestufe, ist ihr Mann "absolut hilflos", sagt Schleppy. Zähneputzen, waschen, anziehen, auf die Toilette begleiten, all das ist für die heute 56-Jährige mittlerweile zur Routine geworden.
Georg und Sabine Schleppy
Quelle: PrivatIhr Mann Georg ist zwei Jahre älter und hat das Locked-in-Syndrom. Das bedeutet: Georg ist bei Bewusstsein, sein Denkvermögen und seine Wahrnehmung sind intakt. Doch körperlich ist er fast vollständig gelähmt. Wenn Sabine Schleppy abends kocht, muss sie ihm die einzelnen Bissen zwischen die Zähne schieben, damit er kauen kann. Das dauert zwar lange, ist für Schleppy aber ein wichtiges Ritual und ein Stück Lebensqualität.
Zum Internationalen Tag der Pflegenden wird am Beispiel einer Frau, die ihren demenzkranken Ehemann pflegt, gezeigt, welche Anträge auf Unterstützung je nach Bedarf und Situation wo zu stellen sind.
12.05.2025 | 2:45 minDie ersten Jahre half ein ambulanter Pflegedienst der studierten Sozialarbeiterin, seit 2017 ist sie auf sich gestellt. Allein aufgrund des Größenunterschieds - sie ist 1,58 m groß, ihr Mann 1,85 m - ist das herausfordernd. Wenn Schleppy krank ist?
Pech, ich habe schon mit 40 Grad Fieber gepflegt.
Sabine Schleppy, pflegende Angehörige
Unterstützung von Freunden oder Familie hat sie keine, kurzfristig im Krankheitsfall einen Pflegedienst zu organisieren, sei unmöglich. Und Kurzzeitpflegeplätze, so ihre Erfahrung, seien lange im Voraus ausgebucht.
Pläne zur Pflegereform: "Schlag ins Gesicht"
Weil die Ausgaben für Pflege in Deutschland steigen, die Kassen aber leer sind, soll das System reformiert werden. Anfang Juni legte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) einen entsprechenden Entwurf vor.
Dieser sieht unter anderem vor, dass die Pflegekasse künftig nur noch bis zu 70 Prozent der Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen würde. Sabine Schleppy empfindet das als "Schlag ins Gesicht". Denn für sie hätte die Rentenkürzung erhebliche Auswirkungen. Schleppy hat die Folgen für ihre Rente durchgerechnet. Ihr Fazit: "Mit ziemlicher Sicherheit Altersarmut."
Die von Gesundheitsministerin Warken vorgeschlagene Reform der Pflegeversicherung ist umstritten. Der Gesetzentwurf setzt auf Einsparungen und Einschnitte.
05.06.2026 | 1:37 minDie Kritik an Warkens Plänen war groß. Nicht nur Sozialverbände warnten vor den Folgen, auch Politiker der regierenden Parteien schlossen sich dem an. Eigentlich sollte das Kabinett die Reform Ende Juni abschließen, das wird nun verschoben. Zuletzt signalisierte auch Ministerin Warken Gesprächsbereitschaft.
Schleppy will ihren Mann weiterpflegen
Sabine Schleppy wünscht sich, dass Betroffene stärker in die Entscheidungsfindung eingebunden werden. Sie engagiert sich bei "Wir pflegen e.V.", einem Verein, der sich für die Belange pflegender Angehöriger einsetzt und diese miteinander vernetzt. Oft, sagt sie, habe sie ihre Entscheidung, ihren Mann zu Hause zu pflegen, hinterfragt. Doch sie konnte ihn, der geistig voll da ist, nicht in ein Heim geben.
Unnötige Beratungsgebühren oder unerlaubte Werbeanrufe: Rund um die Pflegeversicherung gibt es immer wieder Abzocke. Wo die größten Fallen liegen und was die Verbraucherzentrale empfiehlt.
23.04.2026 | 0:50 minDas Kennenlernen ihres heutigen Ehemannes beschreibt Sabine Schleppy rückblickend als "zwei Einhörner, die sich getroffen haben." Seine Erkrankung hat zwar viele der gemeinsamen Zukunftspläne über den Haufen geworfen. Doch eines sei unverändert: "Die Verbindung ist geblieben." Deshalb pflegt Sabine Schleppy ihren Mann seit 22 Jahren - und will weitermachen, so lange es geht.
Benedikt Karl berichtet aus dem ZDF-Studio in München.
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