Was die Regierungsbildung erschwert:Machtpoker zwischen CDU und Grünen in Stuttgart
von Jasmin Astaki-Bardeh, Stuttgart
Ein halber Prozentpunkt trennt Grüne und CDU – doch beide haben gleich viele Sitze. Es beginnt ein Machtpoker zwischen den Parteien, auch das "israelische Modell" wird diskutiert.
Nach der Wahl in Baden-Württemberg und dem knappen Grünen-Vorsprung könnten die Sondierungen schwierig werden. Grünen-Spitzenkandidat Özdemir lehnt eine Teilung des Ministerpräsidentenamts ab.
10.03.2026 | 1:40 minAm Ende war der Vorsprung der Grünen mit ihrem Spitzenkandidaten Cem Özdemir hauchdünn: Nur einen halben Prozentpunkt lagen sie vor der CDU mit Landeschef Manuel Hagel an der Spitze. Knapp 27.000 Stimmen haben den Ausschlag gegeben.
Es reichte für die Grünen aber nicht für mehr Sitze im Landtag von Baden-Württemberg. Beide Fraktionen bestehen dort aus 56 Mitgliedern. Rechtfertigt der Stimmen-Vorsprung trotz Gleichheit an Mandaten, dass Özdemir Ministerpräsident von Baden-Württemberg wird? Dafür muss es ihm gelingen, eine grün-schwarze Koalition zu bilden.
Angespannte Stimmung zwischen Grünen und CDU
Und das könnte schwierig werden. Denn die Stimmung zwischen den Grünen und der CDU in Baden-Württemberg ist eisig. Nach der knappen Wahlniederlage der CDU ist das Wording in deren Reihen einstimmig: Eine "Schmutzkampagne" hätten die Grünen geführt, einen "Wahlkampf unter der Gürtellinie".
Die Grünen, allen voran Özdemir, betonen hingegen, Wert auf einen anständigen Wahlkampf gelegt zu haben und wünschen sich "Koalitionsgespräche auf Augenhöhe".
Keine einfache Ausgangslage. Schon jetzt wird öffentlich über die Frage gestritten, ob man bereits wegen Koalitionsgesprächen Kontakt zueinander aufgenommen habe. Während Özdemir sagt, man sei im Austausch, bestreitet die CDU das.
Lange Zeit waren die Grünen in den Umfragen hinter der CDU weit abgeschlagen. Mit Cem Özdemir als Spitzenkandidat gelingt ihnen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg dann die Aufholjagd.
09.03.2026 | 6:37 minCDU-Landeschef Hagel bot Rücktritt an
Am Montagmittag trat Manuel Hagel gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz im Konrad-Adenauer-Haus vor die Presse. Dort betonte er: Eine erneute Regierung mit den Grünen sei kein Automatismus.
Am Montagabend war es Spitzenkandidat Manuel Hagel wichtig, dass bekannt wurde: Er habe seinen Rücktritt angeboten – den der Landesvorstand allerdings einstimmig ablehnte. Hagel will damit klarmachen, dass er gestärkt wird von seinen Leuten.
Das gab dann seinen Worten noch mehr Gewicht, die er bereits neben Merz gesagt hatte:
Beide Fraktionen sind genau gleich stark, haben 56 Sitze erreicht. Und das ist eine Situation, die ist neu und die ist einmalig im Landtag von Baden-Württemberg.
Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat Baden-Württemberg
Nach dem Sieg der Union bei der Bundestagswahl verfolgt CDU-Chef Friedrich Merz einen ambitionierten Zeitplan. Bis Ostern soll eine Koalition mit der SPD stehen.
24.02.2025 | 3:45 minDiskussion über "israelisches Modell"
Hier deutet sich die mögliche Forderung der CDU an, wegen der "Patt"-Situation bei den Mandaten Anspruch auf eine geteilte Amtszeit der Ministerpräsidenten zu erheben - also die Position abwechselnd in einer Koalition der beiden Parteien zu besetzen. Zunächst sollten dann die Grünen eine halbe Amtszeit regieren und dann nach zweieinhalb Jahren an die CDU übergeben.














































In anderen Staaten, zuerst und zuletzt in Israel, ist dieses "israelisches Modell" schon zum Tragen gekommen. In Deutschland wäre sie allerdings ein Novum.
Özdemir winkte am Montag direkt und ungefragt ab. Denn es sei die Mehrheit der Wählerstimmen, die zähle.
Wir werden auch keine Doppelspitze machen im Amt des Ministerpräsidenten. Das ist alles nicht meins. Wir sind erwachsene Menschen. Es ist alles viel zu Ernst für Quatsch dieser Art.
Cem Özdemir, B‘90/Grüne, Spitzenkandidat Baden-Württemberg
Stuttgart zwei Tage nach der Landtagswahl. Wo Grüne und CDU wohl auch zukünftig zusammen regieren. Wie soll das gelingen?
10.03.2026 | 2:34 minPolitikwissenschaftler: Wahlkampf am Ende "ziemlich scharf"
Experten schätzen, dass die CDU ihre Ausgangslage für Verhandlungen stärken möchte. "Der Wahlkampf war ja in den letzten Wochen durchaus ziemlich scharf geführt, und es gab auch eine gewisse Polarisierung", sagt der Politikwissenschaftler Marc Debus von der Universität Mannheim.
Insofern wird man sich da vielleicht ein bisschen argwöhnisch beäugen. Auf der anderen Seite hat man zehn Jahre schon zusammengearbeitet.
Prof. Marc Debus, Politikwissenschaftler Universität Mannheim
CDU schließt Koalition mit AfD aus
Andere Konstellationen stehen derzeit auch nicht zur Auswahl. Denn sowohl die Grünen als auch die CDU schließen eine Koalition mit der AfD aus. Als drittstärkste Kraft mit 18,8 Prozent wäre sie die einzige Partei, mit der weitere Mehrheiten rechnerisch möglich wären.
Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließt die CDU in Baden-Württemberg nach wie vor grundsätzlich aus, sagt ZDF-Hauptstadtkorrespondentin Britta Buchholz.
09.03.2026 | 4:22 minBei den übrigen Parteien ist angesichts des Scherbengerichts dieses Wahlabends Aufarbeitung angesagt. Für die SPD verlief die Wahl desaströs. Mit 5,5 Prozent hat sie ihr historisch schlechtestes Landtagswahlergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik eingeholt. Der Landesvorsitzende Andreas Stoch kündigte noch am Wahlabend seinen Rückzug an.
Der politische "Todesstoß" könnte das Ergebnis für die FDP sein. In ihrem Stammland ist sie erstmals seit 1952, dem Gründungsjahr Baden‑Württembergs, nicht wieder in den Landtag eingezogen.
Bundeskanzler Merz sprach bereits vom "Ende der FDP". Besonders viele Wähler verlor sie an die AfD, welche ihr Ergebnis im Vergleich zur letzten Wahl verdoppeln konnte.
Weil die Linke ihren erstmaligen Einzug in den Landtag nicht geschafft hat, wird es ein Vier-Fraktionen-Parlament geben. Die laufende 17. Wahlperiode endet am 30. April. Danach muss klar sein, wer künftig regiert.
Jasmin Astaki-Bardeh ist Reporterin im ZDF-Landesstudio Stuttgart.
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