Wahlsieg in Baden-Württemberg: Warum Özdemir punkten konnte

Analyse

Grüne stärkste Kraft in Baden-Württemberg:Özdemir punktet als Person: Drei Gründe für den Wahlsieg

von Max Schwarz und Luisa Houben

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Cem Özdemir ist bei der Baden-Württemberger Wahl eine erstaunliche Aufholjagd gelungen. Drei Gründe für einen Wahlsieg, den vor Kurzem selbst viele Grüne nicht für möglich hielten.

Schaltgespräch zwischen der Moderatorin Marietta Slomka und dem Grünen Spitzenkandidat Cem Özdemir

"Das Ausgreifen in alle Lager hat erkennbar funktioniert", so Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir. Mit der CDU wolle er nun "vertrauensvoll zusammenarbeiten".

08.03.2026 | 4:08 min

Im Sommer letzten Jahres dümpelten die Grünen in Umfragen bei rund um die 20 Prozent herum - und damit weit abgeschlagen hinter der CDU. Zu diesem Zeitpunkt hatte Cem Özdemir seine Spitzenkandidatur für die Landtagswahl in Baden-Württemberg zwar längst erklärt - doch selbst in der eigenen Partei schwand der Glaube daran, in absehbarer Zeit wieder Wahlen gewinnen zu können.

Die Stimmung: gegen den Zeitgeist, gegen die gescheiterte Ampel-Regierung in Berlin, gegen jede Hoffnung auf Momentum. Nur wenige sagten damals: "Lasst den Merz erst mal regieren - und den Özdemir Wahlkampf machen."

Sie sollten Recht behalten.

08.03.2026, Berlin: Britta Haßelmann (r-l), Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Franziska Brantner, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Felix Banaszak, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, und Katharina Dröge, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, reagieren bei der Wahlparty der Bundesspitze von Bündnis 90/Die Grünen in der Berliner Parteizentrale auf die ersten Hochrechnungen.

Mit 30,2 Prozent der Stimmen haben die Grünen die Landtagswahl in Baden-Württemberg gewonnen - knapp vor der CDU mit 29,7 Prozent. Die AfD kommt auf 18,8 Prozent, die SPD auf 5,5 Prozent.

09.03.2026 | 2:02 min

Grund 1: Die Person

Die Grünen wussten: Wenn dieser Wahlkampf eine Chance haben sollte, musste er ein Personenwahlkampf werden. Und zwar einer, der kompromisslos auf Cem Özdemir zugeschnitten ist. Keine Wahlkampfveranstaltung, kein Interview in den letzten Monaten, ohne dass Özdemir seine Erfahrung als (Doppel)-Minister in Berlin betonte.

Dass er vor zwei Jahren als Bundeslandwirtschaftsminister zum Gesicht der Bauernproteste gegen die Streichung der Agrardieselsubvention wurde, schadete ihm am Ende nicht. Im Gegenteil: Seine Bereitschaft, sich wüsten Beschimpfungen zu stellen, verschaffte ihm Respekt über Parteigrenzen hinweg.

Vor dem Gebäude des Landtags von Baden-Württemberg steht ein Schild mit der Aufschrift: "Landtag von Baden-Württemberg".

Die Umfragen prognostizierten für die Landtagswahlen in Baden-Württemberg ein enges Rennen zwischen den Grünen und der CDU.

08.03.2026 | 1:39 min

Im Wahlkampf inszenierte er sich dann als natürlicher Nachfolger Winfried Kretschmanns, des ersten, grünen Ministerpräsidenten. Özdemir "schwäbelte", als sei er schon Landesvater.

Politologe Karl-Rudolf Korte erklärt gegenüber ZDFheute:

Cem Özdemir hat sich sehr präsidial inszeniert, er hat immer vom "Wir" gesprochen und damit auch die CDU mit gemeint.

Politologe Karl-Rudolf Korte

"Er hat sich zudem maximal "entgrünt", und das - beides zusammen - in einer Zeit, in der die Wählerinnen und Wähler Sicherheit wünschen", so Korte. "Da hat er seinen Erfahrungsraum einfach ausgespielt."

Es ist dem beliebten Kandidaten Özdemir also gelungen, Bürger von der Wahl seiner unbeliebten Partei zu überzeugen.

Shakuntala Banerjee spricht mit den Spitzenkandidaten

Kurz vor der Wahl in Baden-Württemberg zeigten Umfragen ein enges Rennen. Shakuntala Banerjee hat mit den Kandidaten der drei stärksten Parteien gesprochen.

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Grund 2: Die Konkurrenz

In der CDU wussten sie von Anfang an um die Stärke Özdemirs. Die CDU-Strategen versuchten alles, um allein den Anschein eines Duells der beiden zu verhindern. Stattdessen wurde die AfD zum Hauptgegner auserkoren. "Wir oder die AfD", das betonte Spitzenkandidat Manuel Hagel immer wieder.

Zudem entschied man sich gegen einen polarisierenden Wahlkampf gegen die Grünen. Karl-Rudolf Korte beschreibt das als "kuscheligen Kurs des Niederschmusens". In Baden-Württemberg existiere nun mal eine schwarz-grüne bürgerliche Mehrheit, die man nicht verschrecken wolle. "Ich kann nicht erkennen, dass man eine andere Strategie wirklich hätte fahren können", so Karl-Rudolf Korte.

Schaltgespräch zwischen der Moderatorin Marietta Slomka und dem CDU Spitzenkandidat Manuel Hagel

"Wir haben gewonnen und doch verloren", sagte CDU‑Spitzenkandidat Manuel Hagel am späten Abend zum sich abzeichnenden Ergebnis der Landtagswahl.

08.03.2026 | 3:35 min

Doch Strategie allein erklärt nicht, warum die CDU am Ende den Umfragevorsprung nicht ins Ziel retten konnte. Das Kernproblem war Manuel Hagels mangelnde Bekanntheit. Er tourte zwar monatelang unermüdlich durchs Land, schüttelte Hände, putzte Klinken. Doch Ministerpräsidenten-Format entwickelte er dadurch nicht. Seine Social-Media-Auftritte wirkten hölzern. Dass er der deutlich jüngere Kandidat ist, konnte er auch deshalb nicht als Stärke ausspielen.

Schlagartig bekannt wurde Hagel erst durch das sogenannte "Rehaugen-Video", ein acht Jahre altes Interview, das zwei Wochen vor der Wahl durch eine Grüne Bundestagsabgeordnete zum Thema gemacht wurde. Es löste in der Folge eine Sexismus-Debatte aus. Der CDU-Spitzenkandidat entschuldigte sich zwar, warf den Grünen aber gleichzeitig eine Schmutzkampagne vor. Das wirkte hilflos und blieb wirkungslos.

Wahlplakate - Landtagswahlen 2026 Baden-Wuerttemberg von Manuel Hagen

Manuel Hagel äußerte sich 2018 bei einem Stammtischgespräch in einer Gaststätte über einen Schul-Besuch. Acht Jahre später sorgt der Clip für Kritik.

25.02.2026 | 1:02 min

Grund 3: Die Themen

Inhaltlich setzte Özdemir früh ein Signal: Als die Grünen im EU-Parlament im Januar das Freihandelsabkommen Mercosur ausbremsten, ging er demonstrativ auf Distanz, drohte Parteikollegen sogar mit schlechteren Listenplätzen. Nichts sollte seinen Wirtschaftswahlkampf gefährden.

Denn Özdemir wusste, dass eine Wahl in diesem Land über Wirtschaft, Industrie und Arbeitsplätze entschieden wird - nicht über Detailfragen klimapolitischer Ambitionen. So versprach er Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungen für Unternehmen und eine pragmatische Klimapolitik, die "mit der Wirtschaft, nicht gegen sie" funktioniere.

orsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Franziska Brantner, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Felix Banaszak, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, und Katharina Dröge, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, reagieren bei der Wahlparty der Bundesspitze von Bündnis 90/Die Grünen in der Berliner Parteizentrale auf die ersten Hochrechnungen. Am 8. März fand in Baden-Württemberg die Landtagswahl statt.

Die Landtagswahl in Baden-Württemberg ist der Auftakt für das Super-Wahljahr mit fünf Landtagswahlen. Wie reagieren die Bundespolitiker in Berlin auf das Abschneiden der Parteien?

08.03.2026 | 2:26 min

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer und Freund von Cem Özdemir sieht darin einen weiteren Grund für den Wahlsieg der Grünen.

Er hat sich klar in der politischen Mitte positioniert. In Baden-Württemberg kommt das an.

Boris Palmer, Oberbürgermeister in Tübingen

Cem Özdemir setzt damit die pragmatische Linie fort, die die Grünen in Baden-Württemberg seit Langem prägt. Dass sich damit auch ohne Winfried Kretschmann Wahlen gewinnen lassen, hat viele überrascht - vermutlich die Grünen selbst.

Max Schwarz und Luisa Houben berichten aus dem ZDF-Landesstudio Baden-Württemberg.

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Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, unter anderem das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 09.03.2026 ab 05:30 Uhr und das heute journal am 08.03.2026 ab 21:45 Uhr.

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