Hitzewellen und Stadtkühlung:Fernkälte: Wie München seine Innenstadt kühlt
von Caroline Schubert
Hitze belastet viele - im Büro, zuhause oder unterwegs. Kühlung wird wichtiger. Doch Klimaanlagen sind teuer und brauchen Energie. München setzt auf eine Alternative: Fernkälte.
Die Hitze entweicht in Städten besonders langsam. Daher setzt München auf eine umweltfreundliche Lösung. Eine unterirdische Kälteanlage versorgt etliche Gebäude mit Kühlung.
14.07.2026 | 2:00 minIn 25 Metern Tiefe, mitten im Herzen von München, befindet sich die Kühlkammer der Fernkältezentrale der Stadt. Klobige Maschinen brummen. Wasser rauscht durch große schwarze Röhren. Alles, um klimafreundlich die Innenstadt zu kühlen - mithilfe des unterirdischen Stadtbachs.
Seit 2011 betreiben die Stadtwerke München das Fernkältenetzwerk. Damals noch eine ambitionierte Idee einiger Techniker, kühlt das System inzwischen die Münchner Innenstadt und ist mit 24 Kilometern das größte Fernkältenetz in Deutschland.
Der Münchner Oberbürgermeister plant weitere Ausbauschritte: "Die Sommer werden immer heißer. Wir müssen noch schneller vorankommen als bisher, deswegen haben wir neben der Wärmeplanung auch eine Kälteplanung", sagt Dominik Krause (B’90/Die Grünen).
Die Hitzevorsorge in den Kommunen sei keine Pflichtaufgabe, sagt Andrea Fischer-Hotzel, Leiterin des Zentrums Klimaanpassung in Köln. Deshalb fehle es oft an Personal und Geld.
12.07.2026 | 4:28 minWie das Kühlsystem unter München funktioniert
Fernkälte funktioniert wie Fernwärme, nur umgekehrt. In München nutzen sie das vier bis zehn Grad kalte Wasser des unterirdischen Stadtbachs: Es kühlt in der Kältezentrale das Wasser eines separaten Kreislaufs, das zu den Kunden fließt. Dieses kühlt wiederum Gebäude und fließt erwärmt zurück.
In der Fernkältezentrale gibt es die Wärme wieder ans Bachwasser ab, das zurück in den Bach fließt. Das erwärmte Wasser erhöht dabei die Temperatur des Bachs insgesamt nur geringfügig. Beide Kreisläufe bleiben stets getrennt.
In Münchens Fernkältezentrale wird Bachwasser benutzt, um die Innenstadt zu kühlen. Die Abwärme wird über einen Wärmetauscher zurück in den Bach gebracht.
Quelle: ZDFAn besonders heißen Tagen kommen zusätzlich zum Bachwasser unterirdische Eisspeicher zum Einsatz: Sie gefrieren nachts und liefern beim Schmelzen am Nachmittag zusätzliche Kälte, die über das Fernkältenetz verteilt wird.
An die Fernkälte wurde zunächst die Fußgängerzone angeschlossen, inzwischen ist das Netz deutlich gewachsen:
In der Innenstadt sind schon alle Gebäude an der Fußgängerzone angeschlossen - Kaufhäuser, Hotels, Bürogebäude, auch Rechenzentren. Da ist, auch aufgrund der Hitzewelle, der Bedarf sehr groß an Kühlung.
Stefan Birle, Leiter Dezentrale Erzeugung der Stadtwerke München
Die Bürogebäude und Rechenzentren liegen zwar nicht in der Fußgängerzone selbst, sind aber an das Leitungsnetz angeschlossen.
Die Hitzewelle der letzten Tage zeigt, wie dringend Schulen sich besser auf heiße Tage einstellen müssen: Mit dem Projekt "coole Schule" sollen Schulhöfe begrünter und schattiger werden.
30.06.2026 | 2:00 minWeniger Stromverbrauch als Klimaanlagen
Fernkälte reduziert den Stromverbrauch im Vergleich zu herkömmlichen Klimaanlagen um etwa zwei Drittel. Die Vorteile zeigen sich etwa im Stadtquartier Fünf Höfe, wo auch die Kunsthalle mit besonderen Bedürfnissen gekühlt wird.
Wir benötigen keine eigenen Rückkühlwerke mehr auf dem Dach, sparen dadurch Fläche, Wasser und haben keine Kältemittel mehr im Haus.
Dimitrios Ladas, technischer Gebäudemanager der Fünf Höfe
Kältemittel sind die Stoffe, die in Kühlanlagen zirkulieren und dabei Wärme transportieren. Auch die Abwärme herkömmlicher Klimaanlagen entfällt. Inspektion, Wartung und Reparatur des Fernkältenetzes übernehmen die Stadtwerke.
Die Hitzewellen der vergangenen Wochen sorgen für einen Boom bei Klimaanlagen. Inzwischen verfügt fast jeder vierte Haushalt über ein entsprechendes Gerät, deutlich mehr als noch vor einem Jahr.
12.07.2026 | 1:29 minAnschluss an Isar: Kältenetz wird ausgebaut
An der Isar im Münchner Süden entsteht bereits die nächste Kältezentrale, im Norden soll eine weitere folgen, um dort ansässige Tech-Unternehmen und ihre Rechenzentren zu kühlen. Im europäischen Vergleich ist München einer der Vorreiter neben Städten wie Wien, Paris und Stockholm.
Der Ausbau von Fernkälte ist jedoch aufwendig und teuer. Neben der Kältezentrale braucht es große Rohre, die erst durch die Stadt verlegt und direkt an die einzelnen Kunden angeschlossen werden müssen. Deshalb lohnt sich Fernkälte vor allem in dicht besiedelten Gebieten, da sich die hohen Kosten für die Rohrverlegung auf viele nahe beieinanderliegende Abnehmer verteilen.
Die jüngste Hitzewelle hat gezeigt, wie schnell Deutschland an seine Grenzen stößt: auf Straßen und Schienen, in Innenstädten und Notaufnahmen. Was braucht es für mehr Hitzeschutz?
29.06.2026 | 1:31 minExperte: Wärme- und Kältenetze miteinander kombinieren
Experten raten Kommunen deshalb, Kälte von Anfang an in die Wärmeplanung einzubeziehen. So empfiehlt Prof. Dr. Dirk Müller vom E.ON Energy Research Center der RWTH Aachen kombinierte Wärme-Kälte-Netze: "Es gibt auch die kalten Wärmenetze, die beide Funktionen abbilden können. Und gerade für Gebiete, wo man weiß, da erwarten wir hohe Temperaturen und da haben wir hochverdichtete Räume, sind solche Netze sehr attraktiv"
Laut einer Krankenkassenumfrage leidet fast jeder Dritte unter gesundheitlichen Folgen von Hitze, etwa durch Kreislaufprobleme oder Kopfschmerzen. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.
13.07.2026 | 1:44 minEin solches Zusammenspiel von Kühl- und Wärmebedarf zeigt sich bereits im Münchner Westen. Dort wird die Abwärme, die bei der Kühlung eines Rechenzentrums entsteht, genutzt, um ein Schwimmbad samt Betriebswohnungen zu beheizen.
Caroline Schubert berichtet aus dem ZDF-Studio in München.
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