Mit Moos Gebäude kühlen: Welches Potential Moos gegen Hitze birgt

Interview

Gegen Hitze in der Stadt:Mit Moos Gebäude kühlen: Was der große Vorteil ist

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Klein, grün, unscheinbar: Viele Menschen übersehen Moos, einige empfinden es sogar als lästig. Doch Auke Bleij sieht in der Pflanze großes Potenzial für kühle Städte.

Ein Bauarbeiter lässt einen Baumsetzling mit Ketten von einem Krahnarm absenken.

Extreme Hitze macht uns gesundheitlich zu schaffen. Wie können wir uns davor schützen? Welche Ideen bringen wirklich Abkühlung für ein unbeschwertes Leben in der Stadt?

25.06.2025 | 43:29 min

Aus Forschungen der Technischen Universität Delft in den Niederlanden entstand 2021 das Start-up Respyre, was so viel wie "wieder atmen lassen" bedeutet. Geschäftsführer Auke Bleij und sein Team entwickelten einen speziellen moosfreundlichen Beton sowie ein selbsthaftendes Gel, um graue Betonlandschaften in grüne, kühlere Lebensräume zu verwandeln.

ZDFheute: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit der Begrünung von Städten zu beschäftigen?

Auke Bleij: Schon während meines Bauingenieursstudiums hat mich die Frage beschäftigt, was wir gegen immer heißer werdende Innenstädte machen können. Ich fand es frustrierend zu sehen, wie in den Einkaufsstraßen aus offenen Ladentüren die Kälte der Klimaanlagen nach draußen entwich, während sich die Hitze davor staute. Ich suchte nach einer Möglichkeit, wie sich Städte passiv kühlen lassen und stieß dabei auf grüne Fassaden.

Auke Bleij steht neben einer Wand mit Moos und schaut in die Kamera.
Quelle: ZDF

… lebt in Amsterdam. Er studierte an der Technischen Universität Delft Bauingenieurswesen. Seit 2021 ist er Geschäftsführer von "Respyre". Das Unternehmen entwickelt speziellen Beton und Beschichtungen, um Fassaden flächendeckend mit Moos zu besiedeln.


ZDFheute: Es gibt bereits zahlreiche Möglichkeiten, Fassaden zu begrünen, mit Sträuchern oder teils sogar Bäumen. Wieso haben Sie sich ausgerechnet für Moos entschieden?

Bleij: Für mich ist Moos eine faszinierende Pflanze. Überall in Städten wächst es von selbst auf Mauern oder Steinen. Niemand kümmert sich um dieses Moos, aber es ist grün und lebt.

Was wir dort beobachten, wollen wir gezielt nutzen, damit aus Grau wieder Grün wird.

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ZDFheute: Welches Moos nehmen Sie für Ihre Arbeit?

Bleij: Wir züchten Moose in unserem Gewächshaus, ernten sie und trocknen sie. Anschließend zerkleinern wir das Ganze. So entsteht ein Material aus Sporen und Moosfragmenten, das zu wachsen beginnt, sobald es bewässert wird.

Moose gehören zu den ältesten Landpflanzen der Erde und existieren seit rund 450 Millionen Jahren. Weltweit gibt es rund 16.000 bekannte Moosarten, in Deutschland kommen etwa 1.100 vor. Sie besitzen keine Wurzeln, sondern wurzelähnliche Zellfäden, sogenannte Rhizoide, mit denen sie sich an Oberflächen festhalten. Wasser und Nährstoffe nehmen Moose direkt über ihre Oberfläche auf. Sie können große Mengen Wasser speichern, manche Arten sogar ein Mehrfaches ihres Eigengewichts.


ZDFheute: Welche Vorteile haben Moosfassaden für Städte?

Bleij: Moos benötigt keine Erde, es kann sich einfach auf Oberflächen ansiedeln. Wie andere Pflanzen filtert es Feinstaub aus der Luft, bindet CO2 und produziert Sauerstoff.

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Besonders wichtig ist aber die Kühlwirkung.

Unsere Messungen zeigen, dass begrünte Oberflächen mit Moos die Umgebungstemperatur um etwa sechs Grad Celsius senken können.

Denn Moos speichert Regenwasser wie ein Schwamm und wenn die Sonne darauf scheint, verdunstet dieses Wasser und entzieht der Umgebung spürbar Wärme. Dadurch kühlt sich die Luft ab.

Immer mehr Menschen leben in Städten. Was machen sie lebenswert? Wo fühlen sich die Menschen sicher? Was lässt sich gegen die zunehmende Hitze tun? Und wie funktioniert eine gute Nachbarschaft?

"City Vibes" von plan b begibt sich auf Spurensuche in Deutschland und Europa. "Wie kühlen wir unsere Städte ab?" können Sie am 28. Juni um 15:30 Uhr im ZDF sehen, "Wie machen wir unsere Städte sicherer?" am 5. Juli um 15:30 Uhr. Oder beide Teile jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.


ZDFheute: Aber Moos hat keinen guten Ruf in der Baubranche, wie sehen Sie das?

Bleij: Moos wird oft mit Schäden am Beton in Verbindung gebracht. Tatsächlich wächst es aber vor allem auf bereits kaputten Oberflächen und ist meist ein Anzeichen für bestehende Feuchtigkeit als deren Ursache.

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ZDFheute: Was macht Ihren Beton so speziell?

Bleij: Normalerweise wird Beton so hergestellt, dass möglichst nichts darauf wächst, er ist sehr dicht und glatt. Wir machen genau das Gegenteil. Unser Beton ist porös, speichert Wasser und bietet Moosen ideale Bedingungen zum Wachsen, ohne dabei das gesamte Gemäuer zu durchfeuchten und zu Schäden zu führen.

Die Forschungen zu diesem sogenannten biorezeptiven Beton stammen von der TU Delft. Gemeinsam mit anderen Forschenden haben wir die Idee, diesen Beton als Lebensgrundlage für Moos zu nutzen, weiterentwickelt. Unser Beton wird auf bestehende Gebäude einfach aufgetragen und dient als Nährboden für das Moos. Darauf sprühen wir dann dünn unser selbsthaftendes Gel-Gemisch, das die Moos-Sporen an die Fassade bringt.

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ZDFheute: Was ist Ihre Vision für die Zukunft?

Bleij: Wir wollen unsere Technologie weltweit zur Verfügung stellen, am liebsten würden wir den moosfreundlichen Beton in Eimern und das Moosgel in Beuteln verpacken und verschicken. Langfristig sollen Städte und Bauunternehmen unsere Produkte flexibel einsetzen können, um graue Flächen in grüne zu verwandeln. Für klimaresistente Städte brauchen wir mehr Natur im urbanen Raum - Moos kann dabei ein wichtiger Baustein sein.

Das Interview führte Anni Brück.

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