Polarforschung:Studie: Immer mehr Eisberge in der Arktis
von Katharina Weisgerber und Alina van Wezel
Die Zahl der Eisberge in der Arktis ist seit den 2000er-Jahren sprunghaft angestiegen, so eine aktuelle Studie. Gletscher würden instabil, ein Klima-Dominoeffekt sei die Folge.
Seit den 2000er-Jahren nimmt die Zahl der Eisberge in der Arktis stark zu. Forschende warnen vor Risiken für Schifffahrt und Veränderungen der Tiefsee-Ökosysteme.
15.06.2026 | 1:18 minMitten im weißen Packeis treibt im Juni 2021 ein Eisberg durch das Nordpolarmeer, überzogen mit schwarzem Geröll. Das Interesse der Forscher an Bord der "Polarstern" ist geweckt. "Ich habe noch nie einen mit so dunkler Oberfläche gesehen", beschreibt Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut (AWI), diesen Moment. "Die Steine sind sehr ähnlich zu den Tiefseesteinen, die wir auf unseren Kamerabildern in unserem Tiefsee-Observatorium in der Framstraße sehen. Da wollten wir herausfinden, ob es eine Verbindung gibt".
"Es ist ein Trugschluss zu glauben, die globale Erhitzung trifft nur andere. (...) Wir sind mittendrin: Wir sind ein Hotspot der globalen Erhitzung", sagt ZDF‑Wetterexperte Terli.
30.04.2026 | 1:55 minArktis: Immer mehr Gletscher kalben
Fachleute aus Geologie, Tiefsee- und Atmosphärenforschung, Ozeanographie und Glaziologie machten sich an die Arbeit. Da kleinere Eisberge nicht per Satellitenbilder zu erkennen sind, studierten die Wissenschaftler die dokumentierten Beobachtungen von der Brücke des Forschungseisbrechers aus den vergangenen 40 Jahren.
"An Bord der 'Polarstern' machen Wettertechniker alle drei Stunden Aufzeichnungen und notieren auch, wenn sie Eisberge sehen. Anhand dieser Daten konnten wir zeigen, dass sich die Zahl drastisch erhöht hat.", erklärt einer der Hauptautoren der Studie, Thomas Krumpen.
Die Wahrscheinlichkeit, in der Region, in der wir arbeiten, auf einen Eisberg zu treffen, hat sich um das Fünffache erhöht.
Thomas Krumpen, Meereisphysiker
Fernab jeglicher Zivilisation - in der arktischen Tiefsee - sammelt sich immer mehr Mikroplastik an. In einem Tiefsee-Observatorium wird geforscht, wie stark die Vermüllung voranschreitet.
08.06.2026 | 1:25 minExpertin: Klimawandel begünstigt die Anstieg von Eisbergen
Hunderte Kilometer von den Gletschern entfernt, so die Forschungsergebnisse von AWI und Woods Hole Oceanographic Institution (USA), tragen Eisberge bei ihrem Drift tonnenweise Gestein durch den Arktischen Ozean. Wenn der Eisberg dann schmilzt, sinken die Steine auf den Meeresboden und verändern dort, in bis zu 2.500 Metern Tiefe, die Lebensgemeinschaft der Organismen.
"Der Klimawandel führt dazu, dass die Gletscher schneller schmelzen, dadurch kalben diese und das führt zu mehr Eisbergen", erklärt Mitautorin Bergmann. Wenn die Geröllfracht der Eisberge dann auf den Meeresboden gelange, verändere sie die Biodiversität: "Anemonen, Schwämme, Tiere, die Hartsubstrat brauchen, siedeln sich an. Hier haben wir einen Domino-Effekt."
Durch das Schmelzen gekalbter Eisberge wird transportiertes Gesteinsmaterial freigesetzt und sinkt auf den Meeresboden. Dort bildet der gröbere Teil (sogenannte Dropstones) einen harten Untergrund für die Besiedlung durch benthische Fauna.
Quelle: Martin Künsting (CC-BY)Grönlands Gletscher rutschen schneller ins Meer
Einen Teil der Eisberge konnten die Forscher bis zu ihrem Ursprungsort zurückverfolgen. "Um die Gletscher zu identifizieren, haben wir das umgebende Packeis mit Satellitendaten zurückverfolgt. So konnten wir vor allem Nordostgrönland als eine Ursprungsregion identifizieren", erklärt Meereisphysiker Krumpen.
Während sich der Eisberg Richtung Ozean schiebe, würde eine Menge Steine eingeschlossen und mitgeführt. "Es kommt auch vor, dass von umliegenden Felswänden Gerölllawinen fallen und mit dem Eisberg weiterdriften." Dies sei bei dem dunklen Eisberg, der vor fünf Jahren das Forschungsinteresse ausgelöst hatte, wohl der Fall gewesen.
Besonders die Gletscher in Nordostgrönland hätten seit Beginn der 2000er-Jahre an Stabilität verloren und kalbten deutlich häufiger. Diese Destabilisierung, so die aktuelle Studie, die im Fachmagazin "Nature" veröffentlich wurde, stimme eng mit dem beobachteten Anstieg von Eisbergsichtungen überein. Eisberge würden schneller Richtung Arktisausgang transportiert und durch mehr Kontakt mit offenem Wasser auch schneller schmelzen.
Schleppnetzfischerei: Gigantische Netze pflügen durch die Arktis und zerstören den Meeresboden. Kameras zeigen Zerstörung und eine bedrohte, faszinierende Unterwasserwelt.
02.05.2026 | 0:53 minProzesse an Land und in Tiefsee miteinander verflochten
Die Studienergebnisse zeigen, wie sensibel das arktische Gefüge auf eine fortschreitende Erwärmung reagiere und seien dabei nicht nur für die Klimaforschung wichtig, sondern auch für maritime Sicherheit.
Wenn sich die Eisberghäufigkeit in der Region erhöht, dann ist das natürlich auch eine Gefährdung für die Schifffahrt in diesem Bereich.
Thomas Krumpen, Meereisphysiker
"Wir sehen in der Region eine deutliche Zunahme in der Schiffsaktivität. Rund 50 Prozent sind Fischereiboote, es werden jährlich aber auch bis zu 80.000 Kreuzfahrtpassagiere auf ca. 2.000 Fahrten hin und her geschippert", sagt AWI-Forscher Krumpen. Mit dem Vordringen der Fischerei in nördlichere Gebiete könnten neu abgelagerte Steine künftig auch für die Grundnetzschlepperei zum Risiko werden. So liefere die vorliegende Studie eine wichtige Grundlage, um Eisberggefahren künftig besser einzuschätzen.
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