Fraktion will Wahl vielleicht fernbleiben:Ein Offenbarungseid für die CDU in Magdeburg?
von Anne Herzlieb
Auf den Vorschlag der CDU-Spitze in Sachsen-Anhalt, bei der Ministerpräsidentenwahl im Dezember als Fraktion geschlossen den Plenarsaal zu verlassen, gibt es geteiltes Echo.
Haben CDU-Abgeordnete in Sachsen-Anhalt den AfD-Politiker Rausch zum Landtagspräsidenten gewählt? Einschätzungen von ZDF-Korrespondent Andreas Postel.
08.10.2026 | 2:47 minDichte Nebelschwaden hängen über Magdeburg an diesem Herbstmorgen im Oktober. Noch immer herrscht Unklarheit bei der CDU in Sachsen-Anhalt bei der Frage, wer aus den eigenen Reihen bei der Wahl zum Landtagspräsidenten für den AfD-Kandidaten Tobias Rausch gestimmt hat.
Für mehr Klarheit in Zukunft in der zerstrittenen Landes-CDU soll nun ein Beschlussantrag der CDU-Spitze Sachsen-Anhalt sorgen, wonach alle Abgeordneten der CDU vor der Ministerpräsidentenwahl im Dezember den Plenarsaal verlassen sollen. Darum wird es im Laufe des Dienstags in einer internen Sitzung gehen.
Beschluss-Idee: Klarheit über CDU-Stimmverhalten
Ulrich Siegmund fehlen drei Stimmen zur Mehrheit, um Ministerpräsident zu werden. Sprechen sich alle CDU-Abgeordneten für den Beschluss aus, würden sie nicht unter Verdacht stehen, geheim für ihn gestimmt zu haben, begründet Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) die Idee.
In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin musste die CDU teils schwere Wahlniederlagen verkraften. Das CDU-Präsidium hat nun über den weiteren Kurs beraten.
12.10.2026 | 1:46 minDer erste Landtagsabgeordnete an diesem Morgen, der sich äußert, ist der CDU-Abgeordnete Tobias Krull: "Es ist ein zweischneidiges Schwert", sagt er.
Auf der einen Seite sagen wir damit klar: Wir wählen Siegmund nicht. Auf der anderen Seite ist es eine Notwendigkeit.
Tobias Krull, CDU-Landtagsabgeordneter
Denn für Zündstoff sorgten nämlich Medienanfragen in den letzten Tagen an die CDU-Fraktion Sachsen-Anhalt zum Stimmverhalten bei der Wahl zum Landtagspräsidenten vergangene Woche Dienstag. Nach Angaben der Zeitung "taz" wurden alle CDU-Landtagsabgeordneten gefragt, wie sie bei der geheimen Wahlabgestimmt haben.
Acht Abgeordnete sollen geantwortet haben, sie hätten sich bei der Wahl von Landtagspräsident Rausch enthalten. Tatsächlich gab es bei der Abstimmung jedoch nur fünf Enthaltungen. Daraus schlussfolgert die "taz", dass mindestens drei CDU-Abgeordnete über ihr Abstimmungsverhalten gelogen haben.
In seiner konstituierenden Sitzung hat der Landtag in Sachsen-Anhalt den AfD-Abgeordneten Tobias Rausch mit 48 Stimmen zum Präsidenten gewählt.
06.10.2026 | 2:30 minZDF frontal berichteten die CDU-Landtagsabgeordneten Lars-Jörn Zimmer und Daniel Sturm exklusiv von mehreren Treffen mit einer Gruppe von insgesamt fünf CDU-Abgeordneten, bei denen man sich wiederholt darauf verständigt hatte, sich bei der Wahl von Tobias Rausch zu enthalten.
Dieses Versprechen sei kurz vor der Wahl bei einem gemeinsamen Mittagessen im griechischen Stammrestaurant in Magdeburg bekräftigt worden, so die Version. Doch dann behaupteten mehr CDU-Landtagsabgeordnete, sich ebenfalls enthalten zu haben, als rechnerisch möglich ist.
Siegmund: CDU-Vorschlag Respektlosigkeit gegenüber dem Wählerwillen
ZDF frontal hat nun alle 15 CDU-Fraktionsmitglieder angeschrieben und gefragt, ob sie bei der Wahl zum Ministerpräsidenten im Dezember tatsächlich den Plenarsaal verlassen würden.
Nach der Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten stellt sich besonders in der CDU die Frage: Wie umgehen mit dieser immer stärker werdenden Partei?
11.10.2026 | 3:07 minEva von Angern, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke in Sachsen-Anhalt, sagte am Morgen dem ZDF: "Aus meiner Sicht geht das nicht, bei einer so wichtigen Entscheidung einfach den Saal zu verlassen und damit gar keine Haltung zu zeigen. Das ist traurig."
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bezeichnet die CDU-Beschlussvorlage als "seltsame Idee" und: "Das ist eine Respektlosigkeit dem Wählerwillen gegenüber".
Bei der CDU herrscht die maximale Verzweiflung vor einer besseren politischen Zukunft ohne die CDU.
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt
AfD braucht drei Stimmen aus anderen Fraktionen
Die Wahl zum Ministerpräsidenten ist in Sachsen-Anhalt in der Landesverfassung in Artikel 65, Absatz eins und zwei geregelt. Im ersten Wahlgang ist gewählt, wer die Mehrheit der Mitglieder des Landtags erhält. Bei 83 Abgeordneten sind das 42 Stimmen.
AfD-Landtagspräsident Rausch ist gleichzeitig Generalsekretär des AfD-Landesverbands. Das rufe Störgefühle hervor, so Prof. Wurthmann. Denn der Landtagspräsident solle überparteilich agieren.
06.10.2026 | 14:07 minDa das BSW bereits angekündigt hatte, sich enthalten zu wollen, fehlen der AfD drei Stimmen, damit Siegmund Ministerpräsident werden kann. Siegmund hatte in den vergangenen Wochen behauptet, es habe "konstruktive Gespräche" mit CDUlern gegeben. Noch-Ministerpräsident und CDU-Fraktionschef Schulze hat dem mehrfach widersprochen.
Spaltung der CDU-Fraktion nicht ausgeschlossen
Siegmund hatte in den letzten Wochen wiederholt gesagt, sich nur im ersten Wahlgang zur Wahl stellen zu wollen. Würden dann tatsächlich alle CDUler den Saal verlassen und so sicherstellen, dass keine Stimme aus ihrer Fraktion kommt, müssten die drei fehlenden Stimmen aus anderen Fraktionen kommen.
Wer in Sachsen-Anhalt regiert, liege auch in der Hand des BSW, so ZDF-Korrespondent Andreas Postel.
30.09.2026 | 1:05 minFalls nicht, würde Siegmund durchfallen. Hält er Wort, würde er dann nicht nochmal im zweiten und dritten Wahlgang antreten. Nicht vollkommen ausgeschlossen ist es, dass einzelne CDU-Abgeordnete sich überlegen, zur AfD überzulaufen oder sich abspalten und eine neue Fraktion gründen und so Siegmund doch noch zu einer Mehrheit verhelfen.
Am späten Vormittag beginnt die Fraktionssitzung der CDU im Magdeburger Landtag, und es wird sich zeigen, wie viele CDU-Abgeordnete diesem Vorschlag folgen werden, den Plenarsaal zu verlassen.
Anne Herzlieb ist Reporterin bei ZDF frontal
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