CDU in Sachsen-Anhalt:Der Treueschwur
von Anne Herzlieb
CDU-Abgeordnete aus Sachsen-Anhalt sollten an Eides statt versichern, dass sie nicht für AfD-Leute stimmten. Diese Idee fiel durch. Nun gibt es zwei Versionen der internen Sitzung.
Der Entwurf einer eidesstattlichen Versicherung in Bezug auf eine geheime Wahl sorgt in Sachsen-Anhalt für Diskussionen.
Quelle: Sebastian Christoph Gollnow / dpaEs liest sich wie ein Treueschwur der eigenen Partei gegenüber: Der Abgeordnete versichert an Eides statt, "weder belastbare Absprachen mit Vertretern der AfD zur Wahl am 6. Oktober 2026" getroffen noch Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten und Hans-Thomas Tillschneider zum Vize gewählt zu haben.
Diese eidesstattliche Versicherung liegt dem ZDF vor. Unterzeichnet hat sie niemand aus der sachsen-anhaltischen CDU-Fraktion. Die Idee wurde verworfen und sorgt dennoch für Wirbel über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus.
Es gehe bei der Sondersitzung von AfD und BSW "ausschließlich um eine Show, die sie hier machen, eine Sondersitzung herbeizuführen für ein Thema", für das das Land Sachsen-Anhalt "keine Kompetenz" habe, so Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU).
14.10.2026 | 6:16 minAfD-Landtagspräsident mit CDU-Stimmen gewählt?
Doch der Reihe nach: Nach der Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten, mutmaßlich auch mit Stimmen der CDU, tagte die Fraktion im Landtag. Es war eine lange Sitzung. Mehrere CDU-Abgeordnete berichten dem ZDF gegenüber, der CDUler Ulrich Thomas habe die Idee einer eidesstattlichen Versicherung auf den Tisch gebracht, um die Erzählung zu widerlegen, er und andere CDUler hätten für den AfDler gestimmt.
Der Harzer Abgeordnete Ulrich Thomas gilt als rechtskonservativ, war gemeinsam mit dem Abgeordneten Lars-Jörn Zimmer 2019 Verfasser einer Denkschrift, in der er forderte, die CDU müsse "das Nationale mit dem Sozialen" versöhnen. Er gilt als Gegner der Brandmauer.
ZDFheute gegenüber bestätigt er, dass die Idee mit der eidesstattlichen Versicherung von ihm kam, und schreibt auf Nachfrage:
Dieser Vorschlag sollte uns als Fraktion dabei helfen, uns von diesen General-Verdächtigungen zu entlasten, bei uns wären vier Abweichler bei der Wahl des Landtagspräsidenten.
Ulrich Thomas, CDU-Landtagsabgeordneter
Der Entwurf der eidesstattlichen Versicherung wurde zurückgezogen.
Quelle: ZDFSachsen-Anhalt: Wer stimmte für Rausch?
Hintergrund dürften zahlreiche Presseanfragen zum Abstimmungsverhalten bei der Wahl von Rausch gewesen sein. Auch ZDFfrontal hat alle 14 bei der Wahl anwesenden CDUler angeschrieben und nachgefragt: Zehn CDU-Abgeordnete antworteten, sich bei der Wahl enthalten zu haben.
Der 6. Oktober 2026 war historisch: AfD-Politiker Tobias Rausch wurde zum Landtagspräsidenten gewählt, als Vertreter einer Partei, die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestuft ist.
13.10.2026 | 11:33 minIn der Wahlurne gab es faktisch aber nur fünf Enthaltungen. Heißt: Es liegt nahe zu vermuten, dass ein Drittel der CDU-Fraktion eine unwahre Angabe gemacht hat.
Sollte eine eidesstattliche Versicherung also für mehr Klarheit sorgen? Der amtierende Ministerpräsident und CDU-Fraktionschef Sven Schulze wies den Vorwurf zurück, die Idee mit der eidesstattlichen Versicherung stamme von ihm.
AfD-Politiker wirft Sven Schulze Nötigung vor
Zuvor hatte Sepp Müller, stellvertretender Unionsfraktionsvorsitzender im Bundestag und Anwärter auf den Posten des CDU-Landesvorsitzenden, Aufklärung gefordert von Schulze. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Malte Kaufmann hatte auf X angekündigt, er habe gegen Sven Schulze Strafanzeige wegen Nötigung gestellt.
Abgeordnete zur Offenlegung ihrer geheimen Wahlentscheidung und bei abweichendem Abstimmungsverhalten zur Aufgabe ihres Mandats zu drängen, lautet der Vorwurf.
X-Post von Malte Kaufmann
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Die CDU-Fraktion will heute darüber abstimmen, ob sie bei der Ministerpräsidentenwahl von AfD-Mann Siegmund im Dezember geschlossen den Plenarsaal verlassen wird.
13.10.2026 | 1:53 minDer CDU-Landtagsabgeordnete Daniel Sturm erinnert sich an die Fraktionssitzung: "Ulli Thomas hat das Blatt ausgeteilt. Der Vorschlag kam nicht von Sven Schulze, und er hat auch nicht darauf gedrängt, dass jemand unterschreibt."
Auch der CDU-Abgeordnete Tobias Krull bestätigte ZDFheute gegenüber: "Nach umfangreicher und intensiver Debatte wurde der Entwurf wieder zurückgezogen, es erfolgte keine Abstimmung."
Rücktrittsforderungen an Sven Schulze
Trotzdem gab es heute weitere Rücktrittsforderungen an Sven Schulze vom BSW. Landtagspräsident Rausch gab am Mittwoch bekannt, den Vorgang überprüfen zu lassen. Er habe dazu den Gesetzgebungs- und Beratungsdienst des Landtags beauftragt, sagte er der "Volksstimme".
In Sachsen-Anhalt könnte womöglich bald die AfD regieren. Migrantenverbände fordern deshalb verbindliche Schutzmaßnahmen von Bund und Ländern.
19.10.2026 | 1:44 minAuch der ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Räuscher erhob Rücktrittsforderungen - irritierend sei das, so CDUler Sturm: "Es ist befremdlich, dass sich jemand von außen dazu äußert. Er kennt das Innenleben in der Fraktion gar nicht mehr. Wenn er uns was zu sagen hat, sollte er zum Hörer greifen und selber anrufen."
Ein Ministerpräsident, der seine eigene Fraktion so unter Druck setzt, und Abgeordnete, die in letzter Konsequenz ihr Mandat zur Verfügung stellen sollen? Diese Erzählung, die heute kolportiert wurde, deckt sich offensichtlich nicht mit den Berichten anderer CDU-Abgeordneter, die unabhängig voneinander den Ablauf der internen Fraktionssitzung anders schildern. Und die Frage steht im Raum: Wem nützt das?
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