BKA-Präsident Münch über Social Media:"Radikalisierung immer stärker über das Netz"
BKA-Präsident Münch beklagt die stärkere Radikalisierung über Social-Media-Plattformen. Hinzu käme, dass TikTok und Co. die Folgen ihres Geschäftsmodells auf den Staat abwälzen.
Jochen Breyer recherchiert, ob Social Media außer Kontrolle geraten ist - und was Plattformen und Algorithmen mit Kindern, Jugendlichen und unserer Gesellschaft machen.
26.05.2026 | 43:46 minZDFheute: Plattformen wie TikTok oder Instagram sind ja laut Gesetz verpflichtet, schwere Straftaten zu melden, im Gesetz heißt es genau: Straftaten, "die eine Gefahr für das Leben oder Sicherheit" darstellen. Wie oft passiert das, dass diese Inhalte selbst gemeldet werden von den Plattformen?
Holger Münch: Bei Kindesmissbrauch gibt es schon länger einen guten Prozess, da wird auch gemeldet. Bei allem anderen ist das sehr dürftig. Mit der neuen gesetzlichen Verpflichtung nach dem Digital Services Act der EU haben wir im letzten Jahr von den großen Plattformen zusammen gerade mal 200 Meldungen bekommen.
Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts, spricht im ZDF-Interview über Social-Media-Plattformen.
Quelle: Tell me whyZDFheute: 200 nur?
Münch: Zum Vergleich: Das Bundeskriminalamt hat im letzten Jahr 30.000 Löschanregungen an die großen Provider geschickt. Das wird in der Regel auch umgesetzt. Wir fragen uns aber: Warum finden die das nicht selbst?
Die Plattformbetreiber stehen vor wegweisenden Umbrüchen. Urteile über Schadenszahlungen in Millionenhöhe erschüttern die Branche. ZDFheute live zu den Folgen für die Konzerne.
26.03.2026 | 9:56 minZDFheute: Hat es denn irgendwelche Konsequenzen für die Plattformen, wenn sie Inhalte, die sie eigentlich melden müssten, selbst nicht melden?
Münch: Nein, aktuell nicht. Das hätte man spätestens im nationalen Umsetzungsgesetz regeln müssen. So ist das ein sehr stumpfes Schwert.
Cyberkriminalität bleibt in Deutschland ein Problem. Laut Umfrage war in den vergangenen zwölf Monaten mehr als jeder zehnte Deutsche mindestens einmal betroffen.
11.05.2026 | 0:14 minZDFheute: Wenn ich diese Zahlen höre: 30.000 Löschersuche, die Sie stellen, nur 200 Meldungen, die von den großen Plattformen kommen. Heißt es, dass Sie eigentlich die Arbeit machen, die die Konzerne machen müssten?
Münch: Es ist eigentlich aus meiner Sicht noch gravierender. Eigentlich müsste man einen Lerneffekt sehen, erkennen, dass wir zumindest im Nachgang dann Gleiches nicht wiederfinden würden. Das findet nicht in dem Umfang statt, wie wir uns das vorstellen würden.
Damit zeigen die Firmen ganz deutlich, dass sie sich um die gesellschaftlichen Risiken, die ihr Geschäftsmodell produziert, offensichtlich nicht kümmern.
Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA)
Sollte es ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige geben? Ja, sagt Julia von Weiler, Psychologin. Nein, sagt Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie.
12.05.2026 | 11:39 minZDFheute: Aber das heißt doch, diese großen Konzerne machen Milliardengewinne und lassen die Allgemeinheit, also uns alle, mit den Kosten alleine?
Münch: Ja, die negativen Konsequenzen dieses Geschäftsmodells - wie zum Beispiel Radikalisierung oder schwere Straftaten - sind Dinge, die auf den Staat abgewälzt werden. Und das ist am Ende nicht in Ordnung.
Hinzu kommt: Viele Probleme haben wir deshalb, weil die Algorithmen emotionalen Content verstärken. Das führt nämlich dazu, dass Sie länger auf den Bildschirm gucken und Ihnen mehr Werbung eingespielt werden kann.
Die Bundesregierung will mehr Sicherheit im Netz. Justizministerin Hubig plant noch im Frühjahr einen Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt wie Belästigung, Bedrohung oder Missbrauch im Internet.
06.03.2026 | 0:33 minZDFheute: Die Algorithmen pushen radikale Inhalte. Welche Folgen hat das für die reale Welt?
Münch: Radikalisierung findet immer stärker über das Netz statt. Wenn wir uns angucken, was in den letzten Jahren passiert ist, dann sehen wir eigentlich kaum noch jemanden, der sich nicht online radikalisiert hat. Was nicht heißt: nur online, aber immer mindestens auch online. Und: Die Personen werden immer jünger, die Radikalisierung geht schneller.
Das ist ein echtes Alarmsignal.
Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA)
Wenn wir das alles so weiterlaufen lassen, dass wir keinen vernünftigen Jugendschutz haben und keine Regulierung von Algorithmen, dann werden wir bei der Entwicklung auch gerade von KI in den nächsten Jahren noch viel größere Probleme haben.
Justizministerin Hubig will IP-Adressen künftig drei Monate speichern lassen. So sollen Kriminelle im Netz besser verfolgt werden können. Oppositionspolitiker nennen die Pläne rechtswidrig.
21.12.2025 | 1:45 minZDFheute: Wie aufwändig wäre es aus Ihrer Sicht für die Plattformen, einen wirksamen Schutz von Kindern und Jugendlichen umzusetzen?
Münch: Ich glaube, dass das machbar ist. Wir reden da ja zum einen über Altersbeschränkungen. Wenn Sie sich bei Social Media anmelden, dann haben Sie im Prinzip Zugang zu allen Inhalten. Das wäre bei einem Kino unvorstellbar, dass Kinder in jeden Film kommen können.
Man könnte die Plattformen also auch verpflichten, bestimmte Inhalte nur Erwachsenen zur Verfügung zu stellen.
Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA)
NANO vom 18. Februar: Über Soziale Medien ist es einfach, Videos und Foren extremistischer Gruppen zu finden, einmal angeklickt, servieren Algorithmen immer wieder ähnliche Inhalte.
18.02.2025 | 27:52 minZDFheute: Das müsste ja auch umgesetzt und kontrolliert werden. Wäre das machbar für die Plattformen?
Münch: Machbar ist das, wenn man zum Beispiel verlangt, bei der Anmeldung einen Authentifizierungssprozess zur Altersüberprüfung zu durchlaufen. Das kostet Geld. Das schmälert Gewinn. Aber es schützt natürlich die Betroffenen. Und wir reden hier nicht über Meinungsfreiheit, sondern wir reden hier über ein gesundheitsgefährdendes Produkt.
Das Interview führte Jochen Breyer.
Hilfe und Beratung
- Ins Netz gehen ist die Kampagne des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zur Vorbeugung von exzessiver Mediennutzung und Mediensucht bei Jugendlichen. Ob Gaming, Social Media oder Streaming - auf diesem Portal erhalten Jugendliche, Eltern und weitere Bezugspersonen wie Lehr- und Fachkräfte alltagsnahe Tipps und wissenschaftlich fundierte Informationen rund um eine ausgewogene Mediennutzung in der Familie.
- Bei der Nummer gegen Kummer können sich Kinder, Jugendliche, Eltern und andere Bezugspersonen kostenlos und anonym beraten lassen.
- JUUUPORT ist eine bundesweite Online-Beratungsplattform für junge Menschen, die Probleme im Netz haben. Ehrenamtlich aktive Jugendliche und junge Erwachsene aus ganz Deutschland, die JUUUPORT-Scouts, helfen Gleichaltrigen vertraulich bei Online-Problemen wie Cybermobbing, Mediensucht, sexueller Belästigung, Abzocke, Datenklau u.v.m. Die Beratung ist datenschutzkonform und kostenlos.
Verschiedene Organisationen bieten Melde- und Beschwerdestellen an. Hier können Nutzer*innen jugendgefährdende und strafbare Inhalte melden, auf die sie im Internet gestoßen sind:
- Verstöße gegen Jugendschutzbestimmungen kann man auf der Seite jugendschutz.net melden.
- Über "Internet-Beschwerdestelle.de" eingehende Beschwerden werden zunächst juristisch geprüft. Wenn der gemeldete Inhalt gegen die einschlägigen Jugendmedienschutzgesetze beziehungsweise einschlägigen Strafgesetze verstößt, können die Betreiber von "Internet-Beschwerdestelle.de" weitere Schritte einleiten: Der Inhalte-Anbieter wird direkt aufgefordert, den Inhalt abzuändern bzw. der Host-Provider gebeten, die Entfernung des Inhaltes zu veranlassen. In gravierenden Fällen kann die Beschwerde in anonymisierter Form auch direkt an die zuständige staatliche Stelle weitergeleitet werden.
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