Sondierungen in Berlin:Vergesellschaftungspläne: Müssen Vonovia & Co bangen?
von Markus Gross
Eine mögliche rot-grün-rote Koalition in Berlin will 160.000 Wohnungen für maximal 16 Milliarden Euro vergesellschaften. Wer betroffen wäre und welche Hürden und Fragen es gibt.
Innenminister Dobrindt will mit dem Investitionsschutzgesetz die angekündigten Vergesellschaftungspläne in Berlin stoppen. Elif Eralp (Die Linke) spricht von einem Gesetz gegen Berliner Mieter.
26.10.2026 | 1:54 minIn Berlin haben sich Linke, Grüne und SPD in ihren Sondierungen darauf verständigt, große private Wohnungsbestände zu vergesellschaften. Die politische Umsetzung könnte die Berliner Wohnungspolitik grundlegend verändern - mit Signalwirkung weit über die Hauptstadt hinaus.
Weil die Mieten in Berlin unablässig steigen und bezahlbarer Wohnraum fehlt, will das mögliche Bündnis nicht nur 100.000 Wohnungen bauen, sondern auch die Wohnungen von fünf Konzernen ab einem Bestand von 10.000 Wohneinheiten vergesellschaften - gegen Entschädigung.
Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp sagte nach Abschluss der Sondierungen:
Wir werden 160.000 Wohnungen der Marktlogik entziehen.
Elif Eralp, Spitzenkandidatin Die Linke Berlin
Dies sei ein wichtiger Schritt, um Spekulationen auf dem Wohnungsmarkt zu verhindern. Die mögliche Koalition will zudem einen Mietendeckel bei landeseigenen Wohnungen und ein Amt gegen Mietwucher einführen.
Die Idee, große Wohnungsbestände dem privaten Markt zu entziehen und in Gemeineigentum zu überführen, geht auf die Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" zurück. Bei einem Volksentscheid 2021 sprachen sich 57,6 Prozent der Abstimmenden dafür aus. Die Berliner Linke machte die Vergesellschaftung zum Kernthema ihres Wahlkampfs - und damit wohl zu einem Schlüssel ihres Wahlsiegs.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hat sich für höhere Hürden bei der Vergesellschaftung ausgesprochen. Die Notwendigkeit dafür müsse "zwingend gegeben sein", sagte der Minister.
26.10.2026 | 0:41 minDie Vergesellschaftungspläne stoßen bundesweit auf Kritik. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hält sie für wirtschaftspolitisch schädlich und rechtlich bedenklich. Bankenvertreter warnen, das Vorhaben schrecke Investoren ab und verschärfe die Wohnungsnot. Auch der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) lehnt die Pläne ab: Nur Neubau könne den Wohnungsmangel beheben.
Der Berliner Mieterverein sieht dagegen die Chance, Wohnraum dauerhaft zu sichern und Spekulation einzudämmen. Geschäftsführerin Wibke Werner sagt:
Die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände gehört für uns zur wohnungspolitischen Agenda.
Wibke Werner, Berliner Mieterverein
Dies sei allerdings nur ein Baustein zur Lösung der Wohnungskrise.
Vor 5 Jahren stimmte Berlin für die Enteignung großer Wohnungskonzerne, jetzt will die Bundesregierung solche Pläne verbieten. Berliner kämpfen derweil mit steigenden Mieten und fehlenden Alternativen.
09.07.2026 | 2:38 minWelche Wohnungskonzerne sind betroffen?
In erster Linie Vonovia, die rund 130.000 Wohnungen in Berlin besitzt. Daneben noch Heimstaden (20.000), Covivio (17.000) und die Adler Group (17.500). Unklar ist bislang noch, ob auch DVI (etwa 11.000 bundesweit) davon betroffen ist. Während die meisten Unternehmen die Pläne nicht kommentieren wollen, hat Vonovia bereits erklärt, dass das Vorhaben aus ihrer Sicht einer gerichtlichen Überprüfung nicht standhalten würde. Vonovia-Unternehmenssprecherin Nina Henckel sagt:
Wir sind überzeugt, dass eine Vergesellschaftung in der vorgelegten und geplanten Art und Weise verfassungswidrig ist.
Nina Henckel, Sprecherin Vonovia
Wie soll das finanziert werden?
Bei 160.000 Wohnungen und maximal 16 Milliarden Euro Entschädigung blieben rechnerisch 100.000 Euro je Wohnung - deutlich unter dem Verkehrswert und verfassungsrechtlich umstritten. Finanziert werden soll die Übernahme über Kredite, die samt Zinsen aus Mieteinnahmen getilgt werden sollen.
Doch das könnte die Mieter teuer zu stehen kommen. Nach einer Analyse des DIW hat das Magazin Cicero folgendes Szenario errechnet: Demnach müsste die Nettokaltmiete bei vier Prozent Kreditzinsen und zusätzlichen Bewirtschaftungskosten von acht auf 10,40 Euro pro Quadratmeter steigen - ein Plus von 30 Prozent. Die Finanzierungskonditionen sind allerdings noch offen. Die Linke bestreitet, dass drastische Mietsteigerungen nötig wären. Das Finanzierungsmodell bleibt dennoch umstritten.
Was ist mein? Was ist dein? Klingt nach Sesamstraße, ist aber Topthema in Berlin, weil die Linke demnächst regieren könnte. Daher wird beherzt über Enteignung und Vergesellschaftung gestritten.
29.09.2026 | 2:38 minWelche rechtlichen Bedenken gibt es?
Die Linke beruft sich auf eine Expertenkommission, die eine Vergesellschaftung von Wohnungen nach Artikel 15 des Grundgesetzes grundsätzlich für zulässig hält. Allerdings gab es innerhalb des Gremiums auch Bedenken hinsichtlich der "Höhe der Entschädigung" und der "Verhältnismäßigkeit". Genau hier setzt die Kritik des renommierten Berliner Staatsrechtlers Ulrich Battis an.
Zwar könne man alles machen, was im Grundgesetz stehe, doch müsse jeder Eingriff verhältnismäßig sein, betont der emeritierte Professor der Humboldt-Universität. Zur Bekämpfung der Wohnungskrise gebe es mildere Mittel. "Ein solches Gesetz würde vom Verfassungsgericht sehr wahrscheinlich kassiert werden", warnt Battis. Das eigentliche Problem sei der Mangel an Wohnraum, nicht die Gesetzeslage.
Innenminister Alexander Dobrindt will Vergesellschaftungen, wie sie die Linke plant, deutlich erschweren. "Ich gehe klar davon aus, dass das verfassungswidrig ist", so Elif Eralp (Linke).
26.10.2026 | 5:07 minWie geht es weiter?
Die mögliche rot-grün-rote Koalition will das Gesetz 2028 beschließen und ein Jahr später in Kraft setzen - sofern das Bundesverfassungsgericht grünes Licht gibt. Doch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) plant unterdessen mit einem neuen Gesetz, die Hürden für Vergesellschaftungen zu erhöhen: Die Länder müssten zuvor alle anderen Mittel gegen die Wohnungsnot ausschöpfen und sich bei der Entschädigung am Verkehrswert orientieren. Das könnte die Berliner Pläne ausbremsen.
Unabhängig davon bleibt ein Grundproblem: Die Vergesellschaftung schafft keine einzige neue Wohnung.
Markus Gross berichtet aus dem ZDF-Landesstudio Berlin.
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