Sitz im UN-Sicherheitsrat:Drei Gründe, die gegen Deutschland sprechen
von Andreas Kynast
Entscheidung in der UN-Generalversammlung: Schafft es Deutschland für zwei Jahre in den Weltsicherheitsrat? Es könnte knapp werden. Und das hat Gründe.
Deutschland steht bei der Wahl um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat am Mittwoch eine Kampfabstimmung bevor: gegen Österreich und Portugal, die auch in den Rat wollen.
02.06.2026 | 2:50 minDie Picknickdecke Idena mit Alu-Isolation und Tragegriff, bunt-kariert, kostet im Versandhandel 14,99 Euro. Irgendwann in den vergangenen Wochen muss das Auswärtige Amt einen halben Container davon geordert haben.
Als Außenminister Johann Wadephul (CDU) Ende April alle 193 UN-Botschafter zum "Empfang anlässlich der deutschen Kandidatur um einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen" ins Generalkonsulat in New York einlädt, bekommt jeder Gast eine Idena-Decke in die Hand gedrückt. Bestechen ist verboten, ein 15-Euro-Geschenk ist erlaubt.
Außenminister Wadephul (CDU) spricht "angesichts der steigenden Zahl von Krisen und Konflikten“ von einem großen Bedürfnis, dass im Sicherheitsrat wieder um Lösungen gerungen wird.
02.06.2026 | 6:36 minUN-Sicherheitsrat: Kandidatur unsicher wie noch nie
Deutschland muss kämpfen. So unsicher wie diesmal war die Kandidatur um einen Platz am wichtigsten Tisch der Welt noch nie. Alle acht Jahre hat sich die Bundesrepublik bisher um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat beworben, und sechsmal, jedes Mal, hat es geklappt.
Umso auffälliger ist die Nervosität, die beim Wahlkampf für die Periode 2027/28 spürbar ist. Niemand im Auswärtigen Amt wagt eine Vorhersage. Bereits seit Donnerstag ist Minister Wadephul in New York, um persönlich sechs Tage lang Neinsager, Wackelkandidaten und Skeptiker zu bearbeiten. Mehr als 100 Minister-Kontakte soll das Auswärtige Amt seitdem gezählt haben.
Der UN-Sicherheitsrat soll für mehr Frieden auf der Welt sorgen. Doch die Vetorechte der ständigen Mitglieder bremsen die Schlagkraft der Vereinten Nationen oft aus. Ein grafischer Überblick.
31.05.2026 | 1:23 minDass Deutschlands Kandidatur kein Selbstläufer ist, hat vor allem drei Gründe:
1. Der späte Start
Neben den "Permanent Five", den fünf Veto-Mächten USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich, sind im Sicherheitsrat zehn Plätze für nichtständige Mitglieder reserviert: drei für Afrika, zwei für Asien, zwei für Lateinamerika, einer für Osteuropa und zwei für die Gruppe der westlichen Staaten.
Das Problem: Für die zwei Westgruppen-Sitze haben sich lange vor Deutschland bereits Österreich (2011) und Portugal (2013) beworben. Als Deutschland 2019 seine Kandidatur erklärte, hatten zahlreiche Staaten ihre zwei Stimmen längst den Regierungen in Wien und Lissabon zugesagt und sind nun nicht bereit, diese Versprechen zu brechen.
2. Ein verändertes Deutschland-Bild
Die Fragen, die die Welt an Deutschland stellt, haben sich geändert. Vor allem die Haltung zum Völkerrecht leuchtet nicht jedem Staat ein. Dazu gehört, dass die Bundesregierung zwar Russlands Krieg gegen die Ukraine als völkerrechtswidrig bezeichnet, aber nicht den Angriff der USA und Israels auf Iran.
Beim Triell der drei Kandidatenländer vor wenigen Tagen in New York fragt zum Beispiel Namibias UN-Botschafter Penda Naanda: "Wie würden Sie sich im Sicherheitsrat verhalten, wenn es um Fragen geht, in denen die Rechte einiger Menschen offenbar wichtiger sind als die von anderen?"
Das Auswärtige Amt muss zur Kenntnis nehmen, dass es vor allem bei vielen Staaten des Globalen Südens gut ankommt, dass Portugal Palästina anerkannt hat und Österreich auf seine Neutralität verweist.
Der UN-Sicherheitsrat hat Iran aufgefordert, seine Angriffe auf die Golfstaaten sofort zu beenden. Für die Resolution stimmten 13 der 15 Mitglieder - Russland und China enthielten sich.
12.03.2026 | 0:20 min3. Der fehlende Kanzler
Das fiel auf: Friedrich Merz fehlte. Während zum Beispiel Österreich zur UN-Vollversammlung Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Christian Stocker und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger nach New York schickte, wurde Deutschland allein von Außenminister Wadephul vertreten.
Außenminister Wadephul hat in New York bei den Vereinten Nationen vor den Folgen des Iran-Krieges gewarnt. Die Auswirkungen reichten über die Golfregion hinaus, so Wadephul im UN-Sicherheitsrat.
28.04.2026 | 0:19 minZwar beteuert die Bundesregierung, dass die deutsche Bewerbung ein gemeinsamer Kraftakt von Bundespräsident, Bundeskanzler und Außenminister sei. Von der Öffentlichkeit wurden aber vor allem die einsamen Auftritte Wadephuls registriert. Es gab aufsehenerregende Reden des "Außenkanzlers" Merz. Aber keine zu diesem Thema.
Bundesregierung gibt sich zuversichtlich
Die Bundesregierung versucht, sich ihre Sorgen nicht anmerken zu lassen. Für den Ausgang der geheimen Wahl, die am Mittwoch, 10.00 Uhr Ortszeit (16.00 Uhr MESZ), in der UN-Vollversammlung beginnt, sei man "zuversichtlich". Auch dafür gibt es Gründe.
- Deutschland ist der zweitgrößte Geber der UNO und einer der großzügigsten Partner in der Entwicklungszusammenarbeit.
- Weder Österreich noch Portugal haben ein so dichtes Netz an Auslandsvertretungen. Persönliche Kontakte sind teure, aber wichtige Investitionen. Jetzt sollen sie sich auszahlen.
- Die Picknickdecken. Wer sah, wie viele der bunten Geschenktüten nach dem Empfang die First Avenue hinabgetragen wurden, musste zugeben: Etwas haben die Deutschen richtig gemacht.
Werbung für Deutschland: Geschenktüten in der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen. (Archivbild)
Quelle: ZDFDenn so eine Picknickdecke ist ja auch ein nichtständiger Sitz. Hauptsache, so mögen die Gastgeber gedacht haben, die Diplomaten-Hintern vergessen nicht, wem sie ihn zu verdanken haben.
Andreas Kynast ist Korrespondent im ZDF-Hauptstadtstudio.
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