Immer neue internationale Konflikte:Völkerrecht: Wertlos oder wichtiger denn je?
von Daniel Heymann
Viele Experten sind sich einig: Der Angriff auf Iran verstößt gegen das Völkerrecht. Das scheint aber kaum zu interessieren. Was ist das Völkerrecht in diesen Zeiten noch wert?
Dürfen die USA und Israel nach dem Völkerrecht Iran angreifen? Der Rechtswissenschaftler Professor Dominik Steiger ordnet das Vorgehen ein. Das Bild zeigt den Angriff Israels auf Libanons Hauptstadt Beirut am 2. März.
01.03.2026 | 4:57 minSelbst der Bundeskanzler blickt derzeit ernüchtert auf das internationale Recht: Bisher bestehende Regeln würden immer weniger eingehalten. Mit Blick auf den Iran erklärt Friedrich Merz, völkerrechtliche Einordnungen würden jetzt "relativ wenig bewirken". Dahinter steht eine größere Frage: Was bringt das Völkerrecht überhaupt noch?
Israel steckt laut ZDF-Rechtsexpertin Sarah Tacke in einem Dilemma: der Angriff auf Iran verstoße gegen das Gewaltverbot des Völkerrechts, doch sei Irans Atomprogramm eine latente Bedrohung.
02.03.2026 | 5:45 minVölkerrecht von allen Seiten unter Druck
Völkerrecht soll die Beziehungen zwischen Staaten ordnen und dabei unter anderem Konflikte zwischen ihnen vermeiden. Wenn das nicht gelingt, soll es zumindest das Leid in diesen Konflikten reduzieren.
Nüchtern betrachtet werden diese beiden Ziele derzeit oft verfehlt: Der Iran ist der neueste Krisenherd, die Entführung Nicolás Maduros aus Venezuela ist gerade einmal zwei Monate her. Die russische Vollinvasion in der Ukraine dauert bereits über vier Jahre an, schon die Annexion der Krim im Jahr 2014 war völkerrechtswidrig.
Die Hamas hat Israel am 7. Oktober 2023 brutal überfallen, seitdem greift Israel immer wieder den Gazastreifen an und hat dabei auch Zehntausende von Zivilisten getötet. Dazu kommen zahllose Kriege und Krisen, die weniger mediale Beobachtung finden: Die wohl größte humanitäre Katastrophe der Welt etwa geschieht im Sudan.
Die USA wollen ihren Einsatz gegen Iran ausweiten und versenken auch ein iranisches Kriegsschiff vor Sri Lanka. Iran attackiert erneut US-Stützpunkte in der Golfregion.
04.03.2026 | 1:58 minErwartungshaltung ans Völkerrecht
Dass es harte Zeiten für das Völkerrecht sind, sieht auch Professor Dominik Steiger so. Er ist selbst Völkerrechtler und kann nachvollziehen, dass man angesichts der zahlreichen Verstöße gegen das Völkerrecht Zweifel an seiner Bedeutung bekommen kann. Gleichzeitig gibt Steiger zu bedenken:
Recht schafft immer Erwartungen, die in der Realität gebrochen werden.
Prof. Dominik Steiger, TU Dresden
Das sei auf nationaler Ebene nicht anders: Bürger verstoßen zum Beispiel gegen Strafgesetze, auch der Staat hält sich nicht immer an das Recht. Hier folgen auf den Rechtsbruch in der Regel aber Konsequenzen, zum Beispiel in Form von Strafverfahren oder durch Verwaltungsgerichte.
Das ist bei Verstößen gegen das Völkerrecht oft nicht der Fall, eine effektive Durchsetzung der Regeln ist schon strukturell schwierig: Internationale Gerichte wie den IGH erkennen längst nicht alle Staaten an, der UN-Sicherheitsrat ist häufig dysfunktional.
Der Internationale Gerichtshof (IGH) und der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) sind beiden wichtigsten internationalen Gerichte. Beide sitzen in Den Haag, haben allerdings unterschiedliche Aufgaben:
Der IGH ist das Gericht der Vereinten Nationen (UN) und beschäftigt sich mit völkerrechtlichen Streitigkeiten zwischen Staaten.
Unabhängig davon entscheidet der IStGH über Straftaten wie Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord. Er gehört nicht zu den Vereinten Nationen und existiert erst seit 2002. Vor dem IStGH werden keine Staaten, sondern Einzelpersonen angeklagt.
Der Sicherheitsrat ist das wichtigste sicherheitspolitische Organ der UN. Seine Hauptaufgabe liegt laut UN-Charta in der "Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit". Als einziges Organ der UN kann der Sicherheitsrat völkerrechtlich verbindliche Resolutionen erlassen und auch ein militärisches Eingreifen beschließen. Praktisch ist der Sicherheitsrat oft handlungsunfähig, weil die fünf Vetomächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich jeweils einseitig Resolutionen blockieren können.
(Stand: 04.03.2026)
Iran befindet sich nach Ajatollah Chameneis Tod in einer Übergangsphase. ZDF-Korrespondentin Isabelle Tümena berichtet über die potenzielle Nachfolge und offene Machtfragen.
04.03.2026 | 1:03 min"Völkerrecht kann nicht jede Konfliktlage bewältigen"
Dazu kommt, dass das Völkerrecht bestimmte Aspekte bei der Frage der Rechtmäßigkeit von Gewaltanwendung nicht berücksichtigt. Dass etwa das iranische Regime seine eigene Bevölkerung unterdrückt, Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah finanziert und zumindest daran arbeitet, eine Nuklearmacht zu werden, ist zwar jeweils völkerrechtswidrig. Den aktuellen Angriff durch Israel und die USA rechtfertigt es trotz alledem nicht.
Vor diesem Hintergrund weist Patrick Keller, Leiter des Zentrums für Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), darauf hin:
Völkerrecht allein kann nicht jede Konfliktlage bewältigen. Und wenn der Kanzler in diesem Zusammenhang mit Blick auf den Iran von einem Dilemma spricht, hat er einen Punkt.
Patrick Keller, DGAP
Auch Rechtswissenschaftler Steiger meint, das Völkerrecht sei in dieser Hinsicht von vornherein eine "unperfekte" Rechtsordnung. Deshalb sei die Erwartung, dass das Völkerrecht jedes internationale Problem lösen kann, unrealistisch.
Noch gebe es keine Risse im Machtapparat. Ein Widerstand aus der Bevölkerung ist deshalb aktuell kaum denkbar, sagt ZDF-Reporter Kamran Safiarian.
04.03.2026 | 24:29 minProbleme und Erfolge des Völkerrechts
Dennoch sieht Steiger gute Gründe, internationales Recht weiterhin hochzuhalten: Zum einen, weil es durchaus Erfolge zu verzeichnen gebe. Der Rechtswissenschaftler nennt beispielhaft das Welthandelsrecht, das die meisten Staaten befolgen. Auch das Pariser Klimaabkommen, aus dem die USA zuletzt ausgeschieden sind, leiste zumindest einen maßgeblichen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel. Und selbst mit Blick auf internationale Konflikte erinnert Steiger:
Ohne Frage ist die Lage im Moment an vielen Orten äußerst schwierig. Insgesamt betrachtet ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aber die wohl friedlichste Epoche überhaupt. Und das ist die Zeit, in der das Völkerrecht, so wie wir es heute kennen, entstanden ist.
Dominik Steiger, Professor, TU Dresden
Außerdem bleiben völkerrechtliche Mittel zwar manchmal hinter den Erwartungen zurück, sind aber auch nicht völlig wirkungslos. Ein Beispiel dafür ist der internationale Haftbefehl gegen Wladimir Putin: Der russische Präsident wird zwar nicht festgenommen, ist aber zumindest in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
Steiger warnt generell davor, Recht allein auf seine Durchsetzbarkeit zu reduzieren. Gesetze würden nicht nur aus Angst vor ansonsten drohenden Konsequenzen befolgt:
Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass man keinen Angriffskrieg führen sollte. Und zwar nicht aus Angst vor Bestrafung, sondern weil sie Krieg ablehnen.
Dominik Steiger, Professor, TU Dresden
Ohne diese gesellschaftliche Akzeptanz würde Recht gar nicht erst entstehen, erklärt Steiger weiter.
"Je mehr das Völkerrecht zum Spielball politischer Interessen wird, desto weniger ist es wert", sagt Iran-Experte Cornelius Adebahr.
03.03.2026 | 5:52 minVölkerrecht als ein Element von vielen
Steiger und Keller sind sich darin einig, dass Völkerrecht auch auf höchster politischer Ebene eine Rolle spielt. Recht schaffe auch Legitimation für politisches Handeln, betont Steiger. Beide sind sich aber auch der Grenzen bewusst:
Recht ist ein wertvolles Mittel, um Macht einzuhegen, und das wird es auch in Zukunft sein. Sich allein darauf zu verlassen, wäre aber zu kurz gedacht.
Dr. Patrick Keller, DGAP
Der Politikwissenschaftler führt aus, dass Europa besser darin werden müsse, selbst Macht auszuspielen - wirtschaftlich und auch militärisch. Für Mittelmächte wie Deutschland oder Frankreich sei eine regelbasierte Ordnung immer von Vorteil, weil sie ein reines "Recht des Stärkeren" verhindere, aber:
Die politische Realität hat sich verändert. Und deshalb müssen wir selbst mächtiger werden: durch Innovationskraft, durch gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, durch Verteidigungsfähigkeit.
Dr. Patrick Keller, DGAP
Staaten, ergänzt Steiger, werden ihre politischen Beziehungen immer ausverhandeln müssen. Und wenn es dafür unperfekte Regeln gibt, sei das besser, als wenn gar keine existieren.
Vielleicht ist genau das die Realität und die Rolle des Völkerrechts.
Daniel Heymann arbeitet als Redakteur in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz.
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