Selenskyj in Davos: Europa muss "eine globale Macht werden"

Ukrainischer Präsident in Davos:Selenskyj: Europa muss "eine globale Macht werden"

von Julian Degler

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Der ukrainische Präsident Selenskyj hat in Davos Europa und die Nato scharf kritisiert. Zugleich kündigte er neue Friedensgespräche mit Russland im Beisein der USA an.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, spricht während einer gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Präsident Trump.

Quelle: dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat bei seiner Rede in Davos Europa zum gemeinsamen Handeln aufgefordert. Seinen europäischen Verbündeten und der Nato warf er zu wenig Unterstützung für sein Land im Krieg mit Russland vor.

Europa müsse mehr tun, damit "seine Sanktionen die Feinde genauso wirksam blockieren wie die amerikanischen Sanktionen", sagte Selenskyj laut Übersetzung. Dies bezog er ausdrücklich auch auf russische Ölexporte sowie die sogenannte Schattenflotte.

Selenskyj mahnt europäischen Zusammenhalt an

"Wenn Europa nicht als globale Kraft wahrgenommen wird, wenn die Maßnahmen schlechte Akteure nicht abschrecken, wenn Europa immer nur reagiert, dann wird es neue Gefahren und Angriffe geben", warnte der ukrainische Präsident beim Weltwirtschaftsforum.

Wir alle sehen, dass die Kräfte, die versuchen, Europa zu zerstören, keinen einzigen Tag verschwenden. Sie agieren frei, sogar innerhalb Europas.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

"Wenn wir gemeinsam handeln, sind wir unbesiegbar", fuhr der ukrainische Präsident fort. Europa könne und müsse eine "globale Macht werden. Keine Macht, die spät handelt, sondern eine, die die Zukunft definiert".

Friedrich Merz vor blauem Hintergrund am Rednerpult in Davos

Bundeskanzler Merz hat in seiner Rede in Davos von einer "neuen Welt der Großmächte" gesprochen. Diese Welt sei kein kuscheliger Ort, man könne sie aber gestalten.

22.01.2026 | 22:01 min

Treffen zwischen USA, Russland und Ukraine geplant

Selenskyj sagte nach seiner Rede auf dem Podium auf Nachfrage zudem, Vertreter der USA, der Ukraine und Russlands würden zeitnah in den Vereinigten Arabischen Emiraten über ein mögliches Kriegsende verhandeln. Die Gespräche auf Expertenebene sollten schon am Freitag und Samstag stattfinden.

Von diesen Gesprächen in Abu Dhabi hatte zuvor auch Trumps Sondergesandter Steve Witkoff gesprochen. Dieser soll am Abend zunächst nach Moskau fliegen, um mit Russlands Präsident Wladimir Putin zu sprechen.

Selenskyj sprach von einem ersten trilateralen Treffen, schraubte aber die Erwartungen zurück. Es sei eine Überraschung der Amerikaner. "Ich hoffe, dass die Emirate Bescheid wissen." Trotzdem sei es wichtig zu sehen, ob Russland zu Kompromissen bereit sei.

Selenskyj: "Bereit, ein Teil Europas zu werden, der wirklich Bedeutung hat"

Was eine mögliche Beendigung des Krieges in der Ukraine betrifft, erklärte Selenskyj in seiner Rede: "Die Ukraine arbeitet absolut ehrlich und entschlossen". In Bezug auf das vorausgegangene Gespräch mit US-Präsident Donald Trump sagte er: "Die Dokumente, die darauf abzielen, diesen Krieg zu beenden, sind fast bereit." Aber auch Russland müsse bereit sein, den Krieg zu beenden.

Um Frieden zu gewährleisten, sei die Ukraine "bereit, zu helfen - mit allem, was notwendig ist" und dazu, ein Teil Europas zu werden "der wirklich Bedeutung" habe, so Selenskyj.

Links zu sehen ist US-Präsident Donald Trump, rechts sieht man Mirko Drotschmann. Das Bild hat keine ZDF-Logos
22.01.2026 | 9:29 min

Selenskyj mit Kritik an der Nato

Der ukrainische Präsident übte auch Kritik an der Nato. Das transatlantische Verteidigungsbündnis existiere lediglich Dank des Glaubens, dass die USA im Falle eines Angriffs nicht tatenlos zusehen, sondern helfen würden. "Doch niemand hat das Bündnis bisher in Aktion erlebt", sagte Selenskyj und forderte eine Aufstockung der Streitkräfte.

Treffen zwischen Trump und Selenskyj

Zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sich in Davos mit seinem US-Amtskollegen Donald Trump zu einem rund einstündigen Gespräch getroffen. Trump sagte im Anschluss vor der Presse, das Treffen sei "sehr gut" verlaufen. Selenskyj sagte ebenfalls, es sei ein "gutes Treffen" gewesen. In Onlinediensten erklärte er, er habe mit Trump über Fortschritte bei den Friedensgesprächen und Lieferungen für die Luftabwehr gesprochen.

Trump sagte, die Botschaft an den russischen Präsidenten Wladimir Putin laute, dass der Krieg in der Ukraine beendet werden müsse.

US-Präsident Donald Trump verlässt das Weltwirtschaftsforum in Davos.

US-Präsident Trump kündigte bereits am Mittwoch in seiner Rede ein Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj in Davos an.

22.01.2026 | 0:20 min

Trump: Putin und Selenskyj können jetzt ein Abkommen erzielen

Trump versucht, eine Vereinbarung zwischen Selenskyj und Putin herbeizuführen, um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden. Am Mittwoch äußerte sich der Amerikaner sowohl frustriert über Putin als auch über Selenskyj. "Ich glaube, sie stehen jetzt an einem Punkt, wo sie zusammenkommen und ein Abkommen erzielen können", sagte Trump.

Und wenn sie das nicht tun, sind sie blöd - das gilt für beide.

Donald Trump, US-Präsident

Jared Kushner (l), amerikanischer Geschäftsmann, und Steve Witkoff, Sonderbeauftragter für Friedensmissionen, gehen während des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos durch die Gänge.

Der US-Sondergesandte Witkoff trifft heute in Moskau Präsident Putin zu Gesprächen über die Beendigung des Ukraine-Krieges.

22.01.2026 | 0:25 min

Selenskyjs Teilnahme in Davos war lange unklar

Eine Reise Selenskyjs nach Davos war lange Zeit unsicher gewesen. Er hatte noch am Dienstag gesagt, dass er wegen der andauernden russischen Angriffe aus der Luft viel im eigenen Land zu tun habe. Deswegen werde er nur in die Schweiz reisen, wenn es ein unterschriftsreifes Dokument gebe oder weitere Hilfszusagen etwa zur Lieferung von Flugabwehrwaffen.

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Quelle: AP, dpa, ZDF
Über dieses Thema berichteten am 22.01.2026 mehrere Sendungen, etwa ZDFheute live ab 13 Uhr und das ZDF-Morgenmagazin ab 05:30 Uhr.

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