Wiederaufbaukonferenz in Polen:Verhandlungen über Ukraine-Hilfe - mit einem Missklang
von Andreas Weise
Zur Ukraine-Wiederaufbaukonferenz wird der ukrainische Präsident Selenskyj nicht anreisen. Grund ist ein Geschichtsstreit. Dabei geht es beim Gipfel um die Zukunft der Ukraine.
Auf der Wiederaufbaukonferenz in Polen wird es ab heute um die weitere Unterstützung für die Ukraine gehen. Überschattet wird das Treffen aber von einem politischen Streit beider Länder.
25.06.2026 | 2:49 minEs wird der große Auftritt einer Frau, die im Ausland bisher kaum jemand kennt - Julia Swyrydenko, 40 Jahre alt und seit letztem Jahr ukrainische Ministerpräsidentin. Bisher stand sie immer etwas im Schatten des quasi omnipräsenten Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyj, dem Gesicht der Ukraine.
Doch der sagte nun seinen Besuch bei der Ukraine-Wiederaufbaukonferenz URC (URC steht für "Ukraine Recovery Conference") ab. Der Grund dafür ist ein Streit um die gemeinsame Geschichte von Polen und der Ukraine.
Belastung der polnisch-ukrainischen Beziehungen
Selenskyj hatte einer Einheit der ukrainischen Armee den Ehrentitel "Helden der UPA" verliehen. Bei dieser Abkürzung werden viele in Polen hellhörig. Die UPA (Ukrainische Aufständische Armee) war im Zweiten Weltkrieg an Massakern auf dem Gebiet der heutigen Westukraine beteiligt, bei denen Zehntausende polnische Zivilisten getötet wurden.
Ein umstrittener Ehrentitel für eine ukrainische Brigade löste den diplomatischen Streit mit Polen aus. Der Zeitpunkt vor der "wichtigen Wiederaufbaukonferenz" sei "sensibel", sagt ZDF-Reporter Carsten Thurau.
24.06.2026 | 3:10 minGeschehnisse, die bis heute nicht wirklich aufgearbeitet wurden. Nun belasten sie, mehr als 80 Jahre später, das Verhältnis zwischen der im Kampf gegen den russischen Angreifer stehenden Ukraine und einem ihrer wichtigsten Unterstützer-Länder, Polen.
Milliarden für den Wiederaufbau der Ukraine
Seit Russland die Ukraine im Februar 2022 angriff, findet jedes Jahr eine Ukraine-Wiederaufbaukonferenz an wechselnden Orten statt. Dieses Jahr eben im polnischen Danzig. Es geht darum, wie und mit welchen Mitteln die Ukraine nach einer Beendigung des Krieges wieder aufgebaut werden kann.
Polens Präsident Nawrocki will dem ukrainischen Staatschef Selenskyj im diplomatischen Streit sogar die höchste Auszeichnung Polens entziehen.
19.06.2026 | 0:35 minHochrangiger Besuch hat sich angekündigt, unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz. Neben staatlichen Hilfsprogrammen, wie dem inzwischen verabschiedeten 90 Milliarden-Euro-Kreditpaket der EU, geht es um Investitionsabkommen.
Mehr privatwirtschaftliches Engagement
Auf den Konferenzen der letzten Jahre hat sich der Schwerpunkt von vorrangig staatlichen Hilfsprogrammen hin zu mehr privatwirtschaftlichen Investitionen verschoben.
Die EU-Staaten haben das 90-Milliarden-Euro-Paket für die Ukraine freigegeben. "Jetzt kann es sehr schnell gehen, dann fließt das Geld an die Ukraine", berichtet ZDF-Korrespondent Andreas Stamm.
22.04.2026 | 3:14 minSo werden sich am Rande der Konferenz ukrainische, polnische und andere Unternehmen präsentieren - mit dem Ziel, Kooperationen auszuhandeln. Dabei geht es vor allem um die Zusammenarbeit in den Bereichen Energieversorgung, Infrastruktur, digitale Transformation und Rüstung.
Von der Ukraine lernen
Dabei ist die Konferenz keine Einbahnstraße in Richtung Ukraine. Für die Unterstützerländer sind die Erfahrungen, die die Ukraine derzeit macht und das, was sie daraus entwickelt hat, von großer Bedeutung. Angefangen bei der dezentralen Energieversorgung über die Widerstandsfähigkeit im Transportwesen - die ukrainische Bahn ist trotz Kriegszustand immer noch ziemlich zuverlässig - , bis zum Drohneneinsatz im Krieg gegen Russland.
Den Streit um Ehrentitel habe Ministerpräsident Tusk versucht "runterzukochen", berichtet ZDF-Reporter Andreas Weise aus Warschau. Laut ZDF-Reporter Carsten Thurau in Kiew nutze der Konflikt "nur Russland".
24.06.2026 | 4:22 minSo bezeichnet Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius bei seinem Truppenbesuch am Montag in Litauen die Ukraine als Vorbild.
Ich rede [...] vor allem von der Einstellung und dem Willen, von der Ukraine zu lernen, das in die Übungen mit hineinzunehmen.
Boris Pistorius (SPD), Bundesverteidigungsminister
Ukrainische Rüstungsindustrie: Kooperationen angestrebt
Dabei überrascht viele Beobachter, mit welchem Tempo die Ukraine selbst Waffensysteme entwickelt. Ein Beispiel ist der ukrainische Raketenhersteller Fire Point. Das hier entwickelte System "Flamingo" hat eine Reichweite von bis zu 3.000 Kilometern und trifft nun regelmäßig Ziele in Russland.
Da Deutschland seine "Tomahawk"-Systeme der Ukraine gab und keine neuen aus den USA bekommt, könnte diese Lücke nun mit Hilfe von Fire Point geschlossen werden. Schon jetzt gibt es eine Kooperation mit dem deutschen Rüstungskonzern Hensoldt. Und Diehl, ebenfalls ein deutsches Rüstungsunternehmen, möchte das "Flamingo"-System in Deutschland produzieren, so Helmut Rauch, Geschäftsführer bei Diehl Defence, in der "Financial Times":
Wir führen derzeit Gespräche darüber, wie wir zusammenarbeiten könnten. [...] Ich glaube, das könnte wirklich klappen.
Helmut Rauch, Sprecher der Geschäftsführung von Diehl Defence
Und so könnte dann vielleicht auch die Bundeswehr mit Hilfe der Ukraine eine wichtige Lücke in ihren Waffensystemen schließen.
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